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Gartenschule : Ewiges Heu auf alten Gräbern

Anschmiegsam: Efeu ist oft auf Friedhöfen anzutreffen. Bild: Amadeus Waldner

Efeu ist der einzige mitteleuropäische Wurzelkletterer. Neben seinem Ruf als Friedhofpflanze ist er durch seine anschmiegsame Art auch Symbol der Treue.

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          Der Efeu hat wieder Konjunktur in Deutschland. Doch wer eine schattige Fassade mit ihm begrünen will, um sein Haus gegen Hitze, Kälte und Regen zu isolieren, brütenden Vögeln Zuflucht zu bieten und den Bienen im Oktober noch eine späte Nektarweide zu gönnen, sollte sich das gut überlegen und am besten einen Fachmann zur Rate ziehen. Hedera helix, die „festsitzende“, sich empor „windende“ Pflanze, wie Carl von Linné den einzigen mitteleuropäischen Wurzelkletterer nannte, kann zwar keine sauber verputzten Mauern sprengen, aber doch Schaden anrichten, wenn er nicht regelmäßig gewartet wird. Gerne umwuchert der stark wüchsige Gemeine Efeu Fenster und Regenrinnen, hebt Dächer an oder fällt beim nächsten Windstoß von der Nordfassade und hinterlässt hässliche Wurzelspuren.

          Claudia Schülke

          Freie Autorin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Als Gartenpflanze wurde das Gehölz aus der Familie der tropischen Araliengewächse zum ersten Mal 1561 von dem Schweizer Arzt und Naturforscher Conrad Gessner erwähnt. Populär wurde der Efeu aber erst im achtzehnten Jahrhundert mit den weitläufigen englischen Landschaftsparks. 1872 gab es schon zweihundert Sorten, heute sind es mindestens doppelt so viele: Bodendecker, Kletter-und Zimmerpflanzen. Mit einem Steckling in feuchter Erde lässt Efeu sich leicht vermehren. Er stellt auch keine besonderen Ansprüche an den Boden und kann im Schatten bis zu zwanzig Meter hoch klettern. Bis zu vierhundert Jahre alt kann er werden. Kein Wunder, dass er erst mit circa zwanzig Jahren blüht und nur alle drei bis vier Jahre seine drei- bis fünflappigen, oft weiß geaderten Blätter abwirft. Auch seine nachtblauen Beerenfrüchte reifen erst im Spätwinter und retten damit so manchen Vogel ins Frühjahr hinüber.

          Für Menschen und Pferde giftig

          Vielleicht ist er deshalb zu einem Kleinod der europäischen Kulturgeschichte geworden, vom Schamanismus über den Vegetations- bis zum Mysterienkult. Die frühen Christen betteten ihre Toten auf Efeublätter, denn die immergrüne Pflanze galt ihnen als Symbol der Unsterblichkeit. Nur war sie nicht mit Christus konnotiert, sondern mit dem zerstückelten und ebenfalls wiederauferstandenen Dionysos-Zagreus. Die hohlen Thyrsos-, also Fenchelstäbe der Mänaden waren mit Efeu gestopft und umwunden, wenn die rasenden Frauen den thrakischen Vegetationsgott feierten.

          Als Gartenpflanze wurde das Gehölz aus der Familie der tropischen Araliengewächse zum ersten Mal 1561 vom Schweizer Arzt und Naturforscher Conrad Gessner erwähnt.

          Wer den todtrotzenden Weingöttern Osiris und Dionysos zu stark gehuldigt hatte, konnte sich mit Efeu auch gleich noch vom Kater am nächsten Morgen kurieren. Dabei ist die gesamte Pflanze für Menschen und Pferde besonders giftig. Nur Schafe und Ziegen wurden früher mit getrocknetem Efeu gefüttert. Vielleicht rührt daher der althochdeutsche Name „phihouwi“ – „ewiges Heu“ – , der seine Spuren im „Epheu“ hinterlassen hat.

          Der anschmiegsame Efeu symbolisiert auch die Treue. Laut einer mittelalterlichen Legende sollen, als König Marke das Liebespaar Tristan und Isolde an zwei unterschiedlichen Seiten seiner Kirche begraben hatte, aus den Gräbern zwei Efeustöcke emporgewachsen und sich über dem Kirchendach vereinigt haben. Auch heute wuchert Efeu auf alten Gräbern, Tod und Trauer verbinden sich mit dieser vermeintlich „typischen“ Friedhofspflanze. Mit dem alten Wissen ist auch die Weisheit der Ars moriendi verlorengegangen, die Leben und Tod als Einheit begriff.

          Wer auf einen mit Efeu umrankten Baum blickt, sollte sich freuen und den Baum nicht bedauern. Die Liane aus dem tropischen Tertiär bringt zwar brüchige Ruinen zum Einsturz, aber hohe Bäume nicht um. Efeu erwürgt sie nicht, konkurriert nicht um Nährstoffe im Boden, und seine Haftwurzeln saugen den stützenden Freund nicht aus wie die schmarotzende Mistel. Nur kleine Birken und Obstbäume kann er „wegdunkeln“, wie die Baumgärtner sagen. Denn auch Efeu braucht etwas Sonne, um blühen zu können. Trotz seiner giftigen Saponine ist er übrigens 2010 von der Würzburger Universität zur Arzneipflanze des Jahres gekürt worden: In niedrigen Dosen und vom pharmazeutischen Fachmann verarbeitet, hilft Efeu gegen Bronchialerkrankungen und Reizhusten.

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