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Dorf in Thüringen : Dieser Biologe will das Erbe Alfred Brehms retten

  • -Aktualisiert am

Das restaurierte Brehm-Haus in Renthendorf, dahinter die Kirche, in der der Vater Brehms 51 Jahre lang predigte. Bild: Stefan Locke

In einem Dorf in Thüringen rettet der Biologe Jochen Süss das Erbe des populären Naturkundlers Alfred Brehm. Er arbeitet an einem Haus, das die Beziehungen zwischen Mensch und Tier beleuchten soll.

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          Ein dumpfes Hämmern dringt aus dem kleinen Backsteinhaus. Tak. Tak. Tak. Drinnen knien zwei Restauratorinnen auf halber Treppe und tupfen durch eine Schablone graue Rautenmuster an die Wand. Tak. Tak. Tak. Ihre Vorlage ist ein Quadrat, das im Obergeschoss blass an der Wand zu sehen ist, ein Rest der Original-Gestaltung damals vor 150 Jahren, als Alfred Brehms Mutter nach dem Tod ihres Mannes mit den Kindern das Haus bezog. „Es war ein Billigbau, schnell hochgezogen“, sagt Jochen Süss. Sechs Jahre lang hat er mit einer Handvoll Enthusiasten um das Haus gekämpft – jetzt melden sie Vollzug. „Schauen Sie hier, die Dielen“, ruft Süss, während er durch die Zimmer eilt. „Alle restauriert und neu verlegt.“ Die Fenster sind originalgetreu wiederhergestellt, die Küchenfliesen original ersetzt und die dunkelblauen Tapeten mit eigens gefertigten Druckmodeln von Deutschlands letztem Formenstecher in Handarbeit neu entstanden.

          Stefan Locke

          Korrespondent für Sachsen und Thüringen mit Sitz in Dresden.

          Es ist ein schier unglaublicher Aufwand für dieses vergleichsweise kleine Gebäude, das von weitem wie ein Bahnhofshäuschen wirkt. Dabei fuhr nie ein Zug nach Renthendorf, es gibt nicht mal einen Bahnanschluss, nur die Autobahn 9 zieht in einigen Kilometern Entfernung vorbei. Nimmt man die Ausfahrt Lederhose Richtung Westen, wird die Straße schnell schmaler und die Umgebung idyllisch: Fachwerkhäuser, Höfe, Wald und Obstwiesen prägen das Bild dieser Landschaft, deren Dörfer sich zu einer Verwaltungsgemeinschaft mit dem passenden Namen Hügelland/Täler vereint haben. Es ist eine Notgemeinschaft, denn reich war die Gegend nie, und beinahe wäre so auch die Erinnerung an ihre wohl berühmtesten Söhne verschwunden: an Alfred Brehm, der mit seinem „Tierleben“ einen internationalen Bestseller verfasste und seinen Vater Christian Ludwig Brehm, dessen Vogelpräparate heute im Naturkundemuseum in New York und im Museum König in Bonn zu sehen sind.

          Doch Jochen Süss will mehr als nur an die Brehms erinnern. „Wir sind auf halber Strecke“, sagt er und entrollt Pläne, auf denen ein moderner Anbau zu sehen ist, der Brehms Bibliothek und die mehr als 2300 erhaltenen Dokumente und Handschriften aufnehmen soll; ein Haus, das die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren beleuchtet, schwebt ihm vor. „Aber bitte kein Brehmanium!“ Süss, 71 Jahre alt, wehendes weißes Haar und roter Schal, stammt aus der Gegend, hatte aber mit Brehm nie etwas am Hut. Er studierte Biologie, promovierte in Greifswald über Grippe-Viren, habilitierte sich in Jena über Zecken und leitete nach der Wiedervereinigung das dort ansässige nationale Referenzlabor für durch Zecken übertragene Krankheiten. „Zeckenforscher übernimmt Brehm-Gedenkstätte“, titelte die Lokalzeitung, als er 2012 in Renthendorf auftauchte.

          Süss, gerade pensioniert, suchte eine sinnstiftende Beschäftigung. Die Brehm-Gedenkstätte war mangels Finanzierung geschlossen, aber er fand, dass sich daraus etwas machen ließe. „Es geht nicht nur um Brehms Haus, sondern um ein einzigartiges wissenschaftshistorisches Ensemble“, sagt er. Unterhalb liegt das Pfarrhaus, in dem Alfred Brehm aufwuchs und in dem sein Vater, der „Vogelpastor“, 51Jahre lang Dienst tat; schräg gegenüber ist die Kirche, auf deren Friedhof sowohl Christian Ludwig als auch Alfred Brehm begraben sind. Aus ihren Aufzeichnungen geht hervor, wo und wie sie in der nahen Umgebung Tiere beobachteten, Vögel fingen und präparierten.

          Wiederaufbau-Enthusiast Jochen Süss blickt hinaus in den Brehmschen Garten, die Tapeten drinnen sind aufwendig restauriert worden.

          Die Sammlung Christian Ludwig Brehms umfasste am Ende mehr 9000 heimische Vögel, die er akribisch präpariert, wissenschaftlich archiviert und sich damit in der Fachwelt einen Ruf erworben hatte – auch wenn er, der Zeit geschuldet, noch davon ausging, dass die Arten unveränderlich seien und damit jede Abweichung eine eigene Art bedeute. Sein Sohn Alfred dagegen habe, bereits unter dem Einfluss Darwins, die Variabilität der Arten erkannt, was die Sammlung des Vaters umso bemerkenswerter mache, sagt der Zoologe und Brehm-Kenner Dietrich von Knorre von der Universität Jena, der mit Süss zusammenarbeitet. „Sie zeigt uns heute, wie sich die Vögel an ihre Umwelt angepasst und somit überlebt haben.“

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