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Sanitärforscher im Gespräch : „Man redet lieber über Sex als den Toilettenbesuch“

  • -Aktualisiert am

Wer die Toilette nur zum Lesen nutzt, wie Dustin Hoffman in der Filmszene aus „Meet the Fockers“, den stört Gesellschaft nicht. Bild: interTOPICS/mptv

Die Toilette ist in unserer vernetzten Zeit zu einem Ort der Einkehr geworden, hier ist man noch ganz für sich. Gut, dass es Menschen wie Mete Demiriz gibt, die sich auch fachlich mit der Materie befassen. Ein Interview.

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          Der Westeuropäer geht laut Statistik sechsmal pro Tag auf die Toilette. Dort bleibt er dann zwischen einer bis fünfzehn Minuten. In Anbetracht der Tatsache, dass wir mindestens ein Jahr unseres Lebens auf der Toilette verbringen, wird über diesen Einrichtungsgegenstand sehr wenig geredet. Zu Unrecht: Die Toilette ist in unserer vernetzten Zeit zu einem Ort der Einkehr geworden, hier ist man noch ganz für sich. Gut, dass es Menschen wie Mete Demiriz, 63, gibt, die sich auch fachlich mit der Materie befassen.

          Herr Demiriz, Sie forschen zu einem Thema, über das eigentlich keiner gerne spricht. Woran liegt das eigentlich?

          Weil die Toilettenbenutzung das Einzige ist, das man alleine betreibt. Die Toilette als Ort der Einkehr, da ist man ganz für sich, das ist ganz eigen vom Thema her. Man erzählt nichts darüber. Über Sex redet man, da gehören auch zwei dazu. Das ist gesellschaftsfähiger als die Toilettenbenutzung. In Funk und Fernsehen spricht man lieber über Sex als über den Stuhlgang.

          Und wie kamen Sie zu Ihrem ungewöhnlichen Forschungsgebiet?

          Schon als Kind habe ich mich für Sanitärtechnik interessiert. Wenn bei uns ein Installateur im Haus war und etwas repariert hat, habe ich begeistert daneben gestanden. Als promovierter Verfahrenstechniker bin ich seit 1993 an der Hochschule Gelsenkirchen Professor für Sanitärtechnik und forsche auch gern, was in meinem Fachgebiet sehr selten ist. Ich bin wahrscheinlich der einzige international anerkannte Sanitärforscher, der ernsthaft akademische Forschung betreibt und damit auch einige Erfolge vorzuweisen hat.

          Im Rahmen Ihrer Forschungsarbeit testen Sie auch Toiletten. Wie machen Sie das?

          Es gibt eine EU-Standardnorm für Toilettentests. Wir füllen Kunstdärme mit Wasser, je 40 Gramm, und geben drei Stück dieser künstlichen Fäkalien von einer Standardposition aus einer Standardfallhöhe in den Verschluss der Toilette. Anschließend kommen 12 Blatt Klopapier hinein. Wenn wir spülen, zeichnen wir auf, wann das letzte Würstchen die Toilette verlässt und wie viel Wasser am Ende noch im Spülkasten verbleibt. Wichtig ist, dass diese Norm-Fäkalien auch in der Kanalisation weitertreiben und nicht im Rohr liegen bleiben. Wir bestreichen sie mit Pflaumenmus, um eine realistische Konsistenz zu erzeugen. Auf diese Weise lässt sich auch erkennen, wo in der Toilette sich die sogenannten Bremsspuren etablieren.

          Ist das der „Gelsenkirchener Pflaumenmustest“?

          Es gibt Normreihen, wo man zum Beispiel Sägemehl in das Toilettenbecken hineingibt und spült und guckt, ob alle Bereiche gut durchspült werden. Diesen Test haben wir mit Pflaumenmus erweitert: Wir machen 100 genau definierte Pflaumenmus-Punkte in die Schüssel, anhand derer gut erkennbar ist, in welche Ecken das Spülwasser kommt. Das hat sich zwar nicht als Norm etabliert, aber alle Hersteller testen die Spülkraft ihrer neuen Toiletten mittlerweile mit dieser Methode.

          Sie testen auch am „lebenden Objekt“: Zwischen der Herren- und Damentoilette an der Unimensa haben Sie einen geheimen Raum eingerichtet, auf dem „Haustechnik“ steht – Ihr Testlabor.

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