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„Acapulco Chair“ : Der Stuhl macht den Sommer

  • -Aktualisiert am

Bistro zu Hause: „Belleville“ heißt diese Kollektion der Brüder Bouroullec. Bild: Vitra

Draußen: grau, kalt, nass. Wo soll das nur enden? Zum Glück gibt es Möbel, die das ganze Jahr über sommerliche Leichtigkeit verströmen.

          3 Min.

          Acapulco war in den sechziger Jahren der Jetset-Hotspot der Arrivierten. Vom „Rat Pack“ Frank Sinatra, Sammy Davis Jr. und Dean Martin über Schauspielerin Liz Taylor bis zu Rock-Legende Elvis Presley kamen viele, die dem stressigen Alltag des Showgeschäfts zu entfleuchen suchten, regelmäßig in die mexikanische Küstenstadt. Die Kennedys verbrachten dort ihre Flitterwochen. Das größte Vermächtnis aber hinterließ ein bis heute namenloser französischer Tourist, der sich 1953 am Pool den Hintern verbrannte. Ihm war – so die Legende – sehr heiß gewesen auf seinem Stuhl in der prallen Sonne, also entwarf er, angelehnt an die frühen Hängematten der Maya, einen Sitz, um dessen Metallrahmen er Kunststoffschnüre spannte. Den Acapulco Chair. Sein Entwurf sollte später große Berühmtheit erlangen, er selbst nicht.

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          Wer war dieser Franzose? Wir wissen es nicht. Was wir wissen: Der Acapulco Chair ist viel gemütlicher, als er aussieht. Früher als klassisches Draußenmöbel betrachtet, steht er heute auch in vielen Wohnungen, wo er das ganze Jahr über sommerliche Leichtigkeit versprüht. Bei seinem Anblick meint man, eine feine mexikanische Meeresbrise zu verspüren. Mittlerweile gibt es unzählige Variationen des Stuhls, sogar als Schaukelstuhl. Einer der besten Hersteller sitzt übrigens in Mexiko und heißt: Ocho. Ein farbenfroher Acapulco Chair gibt nicht nur einer monotonen Betonkulisse pittoreske Züge. Auch in einer Berliner Altbauwohnung setzt er urlaubsreife Akzente.

          Gediegener, aber auch exzentrischer als Mid Century Maya, dabei aber nicht weniger sommerlich, kommt der Peacock Chair daher, ein Stuhl, manchmal aus Weiden geflochten, manchmal aus Metall. Auch bei ihm weiß man nicht so genau, woher er eigentlich stammt und wem dieser opulente Entwurf zu verdanken ist. Der Name jedenfalls – Pfauenstuhl – spricht für sich. Historiker vermuten, dass er im 19. Jahrhundert von den Philippinen nach Amerika migrierte. Er gefiel den Amerikanern, nicht nur weil er leicht war, sondern auch sehr unaufwendig zu reinigen. Und er kam aus Asien – was zu Zeiten der Orientbegeisterung allein schon ein Verkaufsargument war. Bei diesem Möbel stellte sich im Laufe der Zeit derselbe Effekt wie schon beim Acapulco Chair ein: Während der Pfauenstuhl weiland nur auf Veranda oder Garten anzutreffen war – welch Verschwendung! –, ist er heute überall daheim. Und kann sich, je nachdem, wie minimalistisch oder exaltiert er gemacht ist, auch fast an jedes Ambiente anpassen.

          Wahre Verwandlungskünstler

          Loungemöbel sind wahre Verwandlungskünstler. Aber Obacht: Ein Pfauenstuhl dominiert den Raum. Wer noch mehr Sommer in seine vier Wände bringen will, macht aus der Wohnung schnell ein Ferienhaus. Oder einen Urwald. Zwar umspielt großblättriges Grün (Farne, Philodendren, Geigenfeige) die Möbel gut, aber der Sommer ist ja nicht nur in den Tropen zu Hause.

          Für jede Lebenslage: der Acapulco Chair
          Für jede Lebenslage: der Acapulco Chair : Bild: OKDesign

          Einen Gegenpol zur Exotik Asiens oder Südamerikas setzt die zwar schon etwas ältere (2009), dafür immer noch sehr ansehnliche Kollektion „M’Afrique“ von Moroso. Designer wie Tord Boontje und Patricia Urquiola haben gewobene Stühle, Polstersessel und Chaiselongues mit unverkennbar westafrikanischen Mustern auf den Markt gebracht, von denen einige fast schon wie Strandkörbe des verrückten Willy Wonka aus Roald Dahls Kinderbuchklassiker „Charlie und die Schokoladenfabrik“ aussehen. Sie ergänzen sich wunderbar mit einem zurückhaltenden Berberteppich.

          Ob man sich nun optisch den afrikanischen Kontinent ins Haus holen muss, ist Geschmackssache. Für manche sieht Sommer schließlich ganz anders aus. Für die einen eher wie London; wie die Tapete „Summer Hours in Kensington“ (Achtung: Komplementärfarben-Alarm) des Architekten Jean Nouvel. Die soll sich anfühlen „wie ein sonniger Nachmittag im Hyde Park“. Ein Gefühl also, das selbst die überarbeiteten Schlechtwetterbriten kaum kennen. Für andere riecht Sommer mehr nach Pariser Lebensart. Die Designer Ronan und Erwan Bouroullec haben für Vitra eine Kollektion namens „Belleville“ rausgebracht. So wie das Viertel, in dem sie atmen und arbeiten. Die Stücke aus Polyamid für drinnen und draußen sind unverkennbar klassische Bistromöbel.

          Flexibilität ist gefragt

          Sowieso: Flexibilität ist gefragt. Die Schale der „Belleville“-Sitze gibt es aus Kunststoff oder Holz, die Bezüge aus Leder und Stoff. Manche Stoffe sind heute ja wahre Alleskönner, die selbst Schlechtwetter aushalten. Neue Fertigungsmethoden haben dazu geführt, dass mehr und mehr Möbel ein Doppelleben führen können – im geschlossenen Raum und unter freiem Himmel. Zu altbekanntem (Korbsessel) gesellt sich Neues (beschichtetes Aluminium; synthetische Materialien, die nicht unbequem sind und in der Sonne nicht so schnell ausbleichen; wetterfeste Stoffe). Draußen ist das neue Drinnen, das funktioniert dank der neuen Materialien ganz ohne Rattan und Teak und ist besonders erbauend, wenn das Wetter nicht mitspielt.

          M’Afrique (Moroso)
          M’Afrique (Moroso) : Bild: Moroso

          Denn Outdoor-Möbel werden eklektischer. Sie orientieren sich an der Inneneinrichtung, weshalb sie auch im Raum gut aussehen und nicht wie 08/15-Verandaware. Mit der Linie „White“ hat Vitra außerdem einige bekannte Designklassiker neu aufgesetzt – als wetterfeste Variante aus pulverbeschichtetem Stahl. So etwa den Stuhl Tom Vac von Ron Arad oder den (ursprünglich für Außenbereiche erdachten) Landi-Stuhl, der 1939 von Hans Coray entworfen wurde. Und die omnipräsenten Bouroullec-Brüder haben auch für Hay eine Kollektion herausgebracht: „Palissade“ sind Bänke, Stühle, Tische aus gebogenen, pulverbeschichteten Stahlstreben. Die sind für draußen gedacht und könnten gut im Park stehen. Mit schönen Polstern machen sie aber auch drinnen durchaus eine gute Figur.

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