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Wie überall auf der Welt hat das Ei auch bei den Sorben als Symbol von Fruchtbarkeit und neuem Leben eine lange Geschichte. Bild: F.A.S.

Osterbräuche der Sorben : Ostern zwischen Spree und Elbe

  • -Aktualisiert am

Magisches Wasser, Ausritte in der Mode des 19. Jahrhunderts und kunstvoll zerkratzte Eier von Ente und Schwan – die Osterbräuche der Sorben sind vielfältig.

          Im Morgengrauen am Ostersonntag liefen die jungen Frauen los, über Felder, durch Wald und Auen zur Spree. Die richtige Stelle war nicht einfach zu finden: dort, wo das Wasser mit den Sonnenstrahlen floss. Die Frauen wuschen sich Gesicht und Hals, um schön, jung und fruchtbar zu bleiben. Mit Tontöpfen schöpften sie Vorräte des wundersamen Wassers für das kommende Jahr. Man bewahrte es dann im Keller auf, wusch damit Wunden aus und heilte Krankheiten. Doch war die ganze Magie des Wassers dahin, wenn die Mädchen auf dem Weg zurück nach Hause das Schweigen brachen. Kein Wort durfte über ihre Lippen kommen, kein Lachen, nichts. Das war besonders schwierig, da die Burschen aus dem Dorf es sich zur Aufgabe machten, die Mädchen zu erschrecken und zum Lachen zu bringen. So wurde aus dem Wunderwasser Plapperwasser. Auch nicht schlecht, man konnte sich dann zumindest gut unterhalten.

          Das Osterwasserholen war bis in die fünfziger Jahre ein gängiger Brauch bei der slawischen Minderheit im Spreewald und in der gesamten Lausitz. Heute machen es nur noch vereinzelte Dörfer. Es gibt nicht mehr viele Sorben. Etwa 20.000 Niedersorben oder „Wenden“, wie sie in Abgrenzung zu den sächsischen Sorben heißen, leben in der Niederlausitz in Brandenburg. Weitere 40.000 Obersorben leben in Sachsen, in der Gegend um Bautzen, in der Oberlausitz. Manche sprechen Sorbisch noch als Muttersprache und haben eigene, von Dorf zu Dorf verschiedene Trachten.

          Die beiden Schwestern Aliena (l) und Leonie Huber zeigen in sorbisch-wendischen Festagstrachten in dieser nachgestellten Szene den Lausitzer Brauch vom Osterwasserholen.

          Vier sorbische Trachtenregionen gibt es noch: die brandenburgische Niederlausitz, das Gebiet um Hoyerswerda in Sachsen, die Gegend um die sächsische Stadt Schleife und die restliche sächsische Oberlausitz. In der Oberlausitz sind die Röcke, die Bänder und Schleifen besonders lang, und anders als in Brandenburg ist die Mehrheit der Sorben hier eben katholisch. Die katholischen Sorben halten ihre Bräuche besonders hoch, dort gibt es noch einige achtzigjährige Frauen, die jeden Tag ihre Tracht anhaben, sie kennen gar keine anderen Kleider.

          Vor allem aber sind die Sorben – egal, ob in der Nieder- oder Oberlausitz – ein „Ostervolk“. Die sorbischen Osterbräuche sind berühmt, auch wegen Autoren wie Otfried Preußler. In seinem Buch „Krabat“ beobachtet der Held, wie eine Schar junger Mädchen in der Osternacht loszieht, singt und Kerzen anzündet – und natürlich verliebt sich Krabat dabei in die Vorsängerin, die Kantorka, die ihn später aus den Fängen seines Müllermeisters rettet, der mit dem Teufel im Bunde steht.

          Der Ursprung des sorbischen Osterkults

          Dass die sorbische Kultur so viele Osterbräuche hervorgebracht hat, liegt an ihrer heidnischen Vergangenheit. Erst im sechsten Jahrhundert trat „Stary Lud“, das Alte Volk, wie sich die Sorben nennen, aus dem Nebel der Geschichte. Die Vorfahren waren Westslawen und siedelten in Tschechien. Sie glaubten an Stammesgötter und lebten mit der Natur. Der Übergang vom Winter zum Frühling, der Beginn der Feldarbeiten, all das wurde religiös gedeutet und mit Ritualen gefeiert. Im siebten Jahrhundert wanderten jene Völker dann in Gruppen über das Erzgebirge und entlang der Elbe in das Gebiet um das heutige Dresden ein und dann weiter nach Osten und Norden.

          Erst als König Heinrich I. gegen die Sorben zu Felde zog, 929 in Meißen eine Burg bauen ließ und ein paar Jahrzehnte später das Bistum Meißen gegründet wurde, gerieten die Lusitzer und die Milzener, wie die historischen Stämme hießen, unter den Einfluss des ostfränkisch-deutschen Reiches und damit des Christentums. Doch es dauerte weitere zweihundertfünfzig Jahre, bis es in den vielen kleinen sorbischen Siedlungen wirklich Fuß fassen konnte – mit Pfarreien, Missionaren und Kolonisten. Da wurden dann die heidnischen Bräuche einfach christlich umgedeutet und, so angepasst, weiter begangen.

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