https://www.faz.net/-hrx-8d002

„Lowline“ : Der erste unterirdische Park der Welt

  • -Aktualisiert am

Ob das Zusammenspiel von Solarkollektoren, Kleingewächsen und Parkbesuchern funktioniert, erprobt das „Lowline Lab“. Bild: Reuters

Wagemutige New Yorker wollen einen Park unter der Erde bauen. Natürliches Sonnenlicht soll die Pflanzen sprießen lassen. Dass es klappt, ist gar nicht mal so unwahrscheinlich.

          In der New Yorker Lower East Side, schräg gegenüber vom Economy Candy Store, dessen Sortiment nur von Willy Wonkas Warenausgabe übertroffen werden dürfte, steht eine leere Markthalle. 3500 Pflanzen wachsen hier, nicht nur am Boden. Wie Stalaktiten hängen sie von der Decke. Jeden Tag, außer am Wochenende, kommen Gärtner, um sich um die Gewächse zu kümmern, und Ingenieure messen, ob sie genug Licht zur Photosynthese bekommen. Denn durch die abgedunkelten Fenster scheint kein Sonnenlicht. Es wird von Kollektoren auf dem Dach eingefangen und, um UV-Strahlen bereinigt, über Glasfaserkabel in den Raum geleitet. Dort wird es in dreißigfacher Stärke von einer Art metallenem Baldachin reflektiert, einer abgehängten Decke, deren Segmente nach Bedarf ausgerichtet werden können.

          Der Garten in der finsteren Markthalle ist das Versuchslabor für die „Lowline“, einen geplanten Park unter der Erde New Yorks - und ein Gegenentwurf zur „High Line“, einer zu einem Park umfunktionierten Hochbahntrasse, die heute die Touristen magnetisch anzieht. Der 38 Jahre alte James Ramsey, ein früherer Nasa-Ingenieur, hat das Lichtsystem entwickelt. Zusammen mit seinem ein Jahr älteren Partner Dan Barasch will er das Projekt verwirklichen. Der steht jetzt zwischen den Pflanzen und blickt nach oben. Manchmal, so wie heute, wenn die Sonne nicht scheint, werden die Pflanzen mit Kunstlicht bestrahlt. „Wir können die Sonne ja nicht hinter den Wolken hervorzwingen“, sagt er fast entschuldigend. Wie ein Vater kümmert Dan Barasch sich um die Pflanzen. „Der Krokodilfarn, sieht der nicht witzig aus? Wir haben hier Ananas, Baby-Erdbeeren, Zitronen-Thymian, Salbei. Einen richtigen kleinen Kräutergarten. Und jeden Tag entdecke ich etwas Neues. Schau doch, wie groß die Minze geworden ist!“ Nur die Petersilie lässt den Kopf hängen.

          Mehr als 50 Arten halten es hier aus

          Die „Lowline“ könnte der erste unterirdische Park der Welt werden, ein Tieferholungsgebiet nur zwei Blocks von hier: in einer gut fünf Meter hohen unterirdischen Endhaltestelle, die bis 1948 für die Straßenbahn zwischen Brooklyn und Manhattan genutzt wurde, soll er entstehen. Das „Labor“ macht mit 1500 Quadratmetern gerade einmal ein Fünftel der geplanten Fläche aus, und nicht nur das Zusammenspiel von Solarkollektoren und Kleingewächsen soll hier geprobt werden, im Mittelpunkt steht das Gespräch mit den Besuchern. Die meisten Gäste sind zwischen 19 und 34 Jahre alt, knapp die Hälfte war noch nie in der Lower East Side. Besonders überrascht, sagt Barasch, sei er aber davon, wie sehr es die „Lowline“ Kindern angetan habe.

          Unbenanntes Dokument

          Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

          Die ganze F.A.Z. in völlig neuer Form, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken, optimiert für Smartphone und Tablet. Jetzt gratis testen.

          Mehr als 50 Arten teilen sich das Terrain, mit Gabelzahnmoos, Breitblättrigem Pfeilkraut, Zwergschlangenbart, Schusterpalme, Bogenhanf, Efeutute, Bromelie und Korbmarante. Bislang sind es eher Bodendecker, die hier wachsen, ausgewählt von Landschaftsarchitekten und Experten des Botanischen Gartens in Brooklyn. Was ist mit Blütenpflanzen oder gar Bäumen? „Wir werden es versuchen“, sagt Barasch, „aber der Boden der Station ist zu hart, als dass dort Bäume wachsen können.“

          Das „Lowline Lab“ ist geöffnet bis März, und wenn alles nach Plan läuft, weiter noch bis in den August, je nachdem, wann die Stadt mit dem Abriss der alten Markthalle beginnt. Seit Oktober kamen 20 000 Besucher, bis zum Jahresende sollen es 100 000 sein. Jetzt, wo es wärmer wird, will Dan Barasch Basilikum und Tomaten anpflanzen lassen, weil er „neugierig“ ist und „ziemlich zuversichtlich“, dass es klappt. Wenn klar ist, welche Pflanzen gedeihen, sollen die sozialen Aspekte erörtert werden. „Wir wollen einen lebendigen Ort schaffen, wo Leute sich gern treffen.“ Das Eröffnungsjahr setzt er auf 2020 fest. „Da bin ich 99 Prozent sicher. Nächstes Jahr kann ich ja immer noch etwas anderes behaupten.“ Bei der „High Line“ habe es vom Entwurf bis zur Umsetzung schließlich ganze 15 Jahre gedauert, „und es ist kein Geheimnis, dass man in New York mitunter langen Atem beweisen muss.“

          Das letzte Wort hat die Verkehrsbehörde

          Nicht zuletzt trennen die Macher noch 70 Millionen Dollar von der Umsetzung. Das „Lab“ in der Markthalle wurde mit läppischen 225.000 Dollar größtenteils über Kickstarter finanziert, aber der Park ist ein kolossales Projekt, für das Barasch und Ramsay auf öffentliche Gelder und private Investoren setzen, die es zu überzeugen gilt. „So etwas hat ja noch niemand gemacht“, sagt Barasch. „Wir betreten hiermit jeden Tag Neuland.“

          So könnte sie aussehen, die „Lowline“. Bilderstrecke

          Zwar unterstützen die „Lowline“, etwa mit der Schauspielerin Lena Dunham, viele prominente Fürsprecher. Das letzte Wort hat aber die städtische Verkehrsbehörde (MTA), der das Gelände gehört. Und die hat durchscheinen lassen, dass sie sich auch weniger bahnbrechende Möglichkeiten der Nachnutzung vorstellen könnte, einen Nachtclub zum Beispiel, zumal die Haltestelle an der Williamsburg Bridge liegt, einem wichtigen Verkehrsknotenpunkt. Und während Bürgermeister Bloomberg gern vorzeigbare Projekte unterstützte, ist sein Nachfolger Bill De Blasio vorsichtiger. „Wir sind im Gespräch“, sagt Barasch. „Auch De Blasio ist daran gelegen, die Stadt aufzuwerten.“ Geht es nach dem Bürgermeister, soll das Viertel über dem brachliegenden Bahnhof ohnehin mit Geschäften und Apartments neu belebt werden.

          Seit vier Jahren ist die „Lowline“ Dan Baraschs Lebensaufgabe. „Am Ende geht es mir darum, das Leben der Menschen zu verbessern.“ Zuvor arbeitete er im Marketing von Google, ursprünglich studierte er Politik. „Ich wollte den Nahost-Konflikt lösen“, sagt er, überlegt kurz und seufzt. „Aber bevor das passiert, habe ich wohl eher einen Park unter die Erde gebaut.“

          Weitere Themen

          Grünes auf Stelzen

          Ab in die Botanik : Grünes auf Stelzen

          Auch Großstädter schätzen die Nähe zur Natur. In New York ist zwar dank gehöriger Nachverdichtung kein Boden mehr für weitere Parks, trotzdem eröffnete 2009 in Manhattan eine hochgelegener Grünstreifen.

          Topmeldungen

          Regierungskrise in Italien : Mit dem „Plan Ursula“ gegen Salvini?

          Der Streit um das Rettungsschiff „Open Arms“ dauert an – und in Rom wird weiter über Szenarien zur Überwindung der Regierungskrise spekuliert. Ein prominenter Politiker stellt sich nun hinter einen Plan zur Bildung einer breiten Front gegen den italienischen Innenminister.

          Rückschlag für Paris : Neymar macht Tuchel das Leben schwer

          Paris ist schon seit einiger Zeit nicht mehr das Fußball-Paradies für den deutschen Trainer. Seine Reputation in der Öffentlichkeit und die Autorität innerhalb des Klubs sind beeinträchtigt. Und dann ist da ja noch Neymar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.