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Wie eine Krake: Die gelenkige Fleeze mit ihren biegbaren Extremitäten entwarf der Orthopäde Winfried Totzek auch nach eigenen Bedürfnissen. Bild: Holde Schneider

Designklassiker : Die Liege seines Lebens

Sie wollen sitzen, aber eigentlich lieber herumlümmeln? Dann ist die Fleeze das Richtige. Ein Besuch bei ihrem Erfinder Winfried Totzek.

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          Ein Verschlag auf dem Gelände eines Warendorfer Kalksandsteinwerks. Der Weg zum Eingang führt über abgeschnittene Transportbänder, vorbei an figurativen und abstrakten Kunstobjekten und Großplastiken. An der Tür hängt ein Schild: „Besucher Praxis Dr. Totzek“. Hier ist die Werkstatt des ehemaligen Orthopäden und Immer-noch-Künstlers Winfried Totzek, des Erfinders der Liege Fleeze. Man hätte sich gerne ein wenig umgesehen, doch leider hat er seinen Schlüssel vergessen.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Also geht es zunächst weiter in sein nahegelegenes Wohnhaus, in dem schon seine Frau Ulrike wartet. Der Neunundsiebzigjährige führt hinein ins Wohnzimmer. Man solle sich auf eine der beiden Fleezen setzen, sagt er, und schon kommt sie und schiebt dem Gast ein Kissen zwischen Lehne und Rücken, während er selbst in einem Sessel vom Flohmarkt Platz nimmt. „Orthopäden besitzen normalerweise Schiffsobligationen, Silber oder Straßenzüge. Ich hingegen habe nur mein Haus und nie nur wegen des Geldes gearbeitet.“ Er habe, anders als seine Kollegen, nicht so viel geröntgt. „Ich wollte den Patienten verstehen, wenn seine Rückenschmerzen psychosomatischer Natur waren.“ Sagt es, steht auf und knetet mal eben den Schultergürtel seines Gegenübers.

          Schon als Erstklässler, 1946, hielt es ihn nicht auf seinem Stuhl. Damals ahnte er allerdings noch nicht, dass das Sitzen sein Lebensthema werden würde. Stillsitzen war für den kleinen Zappelphilipp einfach nur eine Qual. Als er eines Tages mit eingegipstem Arm im Religionsunterricht saß und den Arm hinter sich auf einen freien Tisch legte, um ihn zu entlasten, sagte der Pastor, der als Lehrer fungierte: „Totzek, setz dich gerade hin, sonst brech ich dir den anderen Arm auch noch.“ Zu Hause meinte sein Vater: „Der Pastor wird schon recht gehabt haben.“

          Das konnte man auch anders sehen. Totzek merkte es erst später: Er beobachtete amerikanische Soldaten in seiner Heimatstadt Kamen, die ihre Füße beim Sitzen am Fenster hoch auf die Fensterbank ihrer Kommandatur gelegt hatten. Und er sah im Fernsehen John F. Kennedy, der beim Treffen mit Nikita Chruschtschow im Schaukelstuhl saß. „Es geht ja auch so, wie ich es will“, dachte sich Totzek. Das Ergebnis war, gut 40 Jahre später, die Fleeze.

          Man kann ihre Extremitäten verstellen

          Zwei Fleezen stehen in Totzeks Wohnzimmer, eine braune und eine schwarze, und beide sind gelenkig wie riesige Kraken. Man kann ihre Extremitäten beliebig verstellen, also Fußteil und Kopfteil, und sich darauf nach Herzenslust lümmeln, fläzen und flegeln, kopfüber und quer und hin und her, und dabei die Beine auch gern mal höher als den Kopf ablegen. Heute nennt man das dynamisches Sitzen, aber 1988, als die Fleeze auf den Markt kam, war sie eine Revolution. Der Schweizer Hersteller de Sede präsentierte sie auf der Möbelmesse in Köln. „Nachmittags, als ich in der Praxis war, bekam ich plötzlich einen Anruf von de Sede. Sie sagten, die Fleeze schlage ein wie eine Bombe, und ich müsse sofort kommen“, erzählt Totzek. Hat er dann seine Patienten nach Hause geschickt? „Nein“, sagt Totzek. „Doch“, sagt seine Frau, die eigentlich gerade in der Küche ist und Lachsquiche mit Feldsalat zubereitet. „Du hast zweimal im Leben Patienten nach Hause geschickt: als der Hund gestorben ist und als die Fleeze so eingeschlagen hat.“

          Dass es überhaupt zu diesem Erfolg kommen konnte, war nicht zu erwarten gewesen. Winfried Totzek hatte seinen Fleeze-Prototypen verschiedenen Herstellern angeboten. „Aber die sagten alle: Wir kriegen wöchentlich mindestens drei Vorschläge von Ärzten, und keiner taugt was“, erinnert er sich. Ein westfälischer Hersteller, Cor Sitzmöbel, der auch unter dem Namen Helmut Lübke firmiert, hatte schließlich Interesse. Doch Lübke beschied Totzek, er müsse ein Jahr warten, bevor die Fleeze produziert werden könne. Er habe damals in Scheidung von seiner ersten Frau gelebt, das sei teuer gewesen, sein Scheidungsanwalt habe einen Stundensatz von 600 Mark genommen. Deswegen habe er sich nach einem weiteren Hersteller umgesehen. So kam er zu der Schweizer Marke de Sede. „Da saß ein kluger Mann, er sagte: ‚Daraus machen wir was.‘“ Das war 1986.

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