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Wohnungseinrichtungen : Eingefroren im Gestern

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Stillstand in der Möbelreform: Manche Einrichtung lädt zu einer Zeitreise ein. Bild: Getty

Ab der Lebensmitte wohnen viele Menschen unverändert bis zum Tod in den Interieurs ihrer besten Jahre. Das hat nicht nur mit dem Alter zu tun.

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          Tick tack. Tick tack. Tick tack. Countdown hinter Glas. Eine Biedermeieruhr steht auf dem Beistelltisch im Wohnzimmer, das Pendel bewegt sich hin und her. Seit mehr als dreißig Jahren ist das immergleiche Ticken der Uhr der zarte Herzton dieses Doppelhauses aus den achtziger Jahren, der vermittelt: alles wie immer. Alles in Ordnung. Über der Uhr blickt die Urgroßmutter stumm in Kreide von der Wand, rotes Kleid, Steckfrisur, rätselhafter Blick in die Ferne. Die Ahnin wurde nur zweimal abgenommen, als der Raum im gewohnten Weiß auf Raufasertapete neu gestrichen wurde.

          Das Paar um die achtzig Jahre, das hier mit Uhr und Urgroßmutter in einem Klinkerhaus in Norddeutschland lebt, hat die Einrichtung vor drei Jahrzehnten mit Leidenschaft geplant: Treppenaufgang mit maßgefertigten Plexiglasscheiben. Glastüren. Braungeflammte Fliesen. Brauner Teppich. Freischwinger von Charles Eames und Lampen aus den Siebzigern. Bis heute ist alles ganz so wie in den Tagen, als sie etwa fünfzig Jahre alt waren, Stilmöbel der Nachkriegszeit verachteten und ihre Wochenenden bei Design-Einrichtern verbrachten, die jaulenden Kinder im Schlepptau.

          Die folgenden Trends – ob Landhausstil, Shabby Chic, Loftdesign oder skandinavischer Minimalismus – haben in ihrem Zuhause nicht die winzigste Spur hinterlassen. Das Paar lebt bis heute in seinen konservierten Stilvorlieben, hat die Achtziger daheim sozusagen eingefroren, und das alles sehr behaglich.

          Gleiche Einrichtungen vor allem in der älteren Nachkriegsgeneration

          Wie in der norddeutschen Doppelhaushälfte sieht es in Millionen Haushalten aus. Wenn sie Mitte zwanzig sind, beginnen die meisten Singles und Paare mit ihren ersten noch etwas tapsigen Investitionen in Wohnungen. Es folgt ein scheinbar unausweichlicher Darwinscher Nestbauwettbewerb mit begeistertem Auspolstern, Streichen und Fliesen von Haus und Hof. Bis Ende vierzig geht das so weiter; mit etwas Glück wachsen mit Jahresringen und Gürtelgrößen auch die Budgets. Und dann kommt jahrzehntelang: gar nichts mehr. Stillstand. Höchstens noch ein Wintergarten oder ein Spa-Bad, wenn die Kinder aus dem Haus und die Lebensversicherungen fällig sind.

          Warum hören viele Menschen mit der Gestaltung ihrer eigenen vier Wände irgendwann einfach auf? Verweigern sich den lustvollen Spielen der Einrichtungswelt? Weil es den großen Spaß am Gestalten eben nur einmal in voller Wucht gibt, so wie die erste große Liebe? „Jahrzehntelang unveränderte Einrichtungen, diese Frozen Interiors, sehen wir vor allem in der älteren Nachkriegsgeneration“, sagt Klaus Seydlitz, Besitzer des gleichnamigen Einrichtungshauses in Hannover. Er gestaltet seit sechsundzwanzig Jahren Häuser der gehobenen deutschen Mittelschicht; seine Kunden sind zum Großteil zwischen vierzig und siebzig Jahre alt.

          „Neulich war ich in einem Haus von Neunzigjährigen, das in den Sechzigern gebaut wurde: die Möbel aus der Zeit, mit der Schneewittchensarg-Musikbox SK4 von Braun und Originalregalen von Dieter Rams. Die Besitzer leben noch immer in ihrer Ursprungseinrichtung, denn es wurde – typisch für diese Generation – immer gesagt: Das ist doch alles noch neu und gut!“, erzählt er. „Nur die Bäder werden in solchen Häusern oft behindertengerecht umgebaut, denn das Ziel ist, die Beweglichkeit zu erhalten, um nicht ins Pflegeheim zu müssen!“

          Welche Rolle spielt das Geld dabei?

          Auch dem Wohnpsychologen Uwe Linke begegnet das Phänomen der eingefrorenen Wohnwelten in seiner Arbeit als Therapeut sehr häufig. „Ich sehe das vor allem, wenn in der Wohnung eines Paares einer der beiden gestorben oder gegangen ist. Statistisch trifft es natürlich mehr Frauen, doch auch Männer werden durch Verluste traumatisiert und handlungsunfähig.“

          Manchmal betreffe es auch Mütter, deren Kinder aus dem Haus gegangen sind. Ihnen fehle dann die Perspektive eines Lebens ohne einen Menschen, der sie braucht. „Sie bewahren das Kinderzimmer in seiner Ursprungsform scheinbar den Kindern zuliebe. In Wirklichkeit sind sie aber in der Vergangenheit hängengeblieben – statt den Raum wieder für sich einzunehmen!“, berichtet er.

          Doch welche Rolle spielt das Geld dabei? Ist das Erschlaffen beim Einrichten nicht einfach das konsequente Verhalten eines klugen Kaufmanns, der nur einmal für lange Zeit investiert? „Während wir mit Anfang dreißig noch schnell mal unsere Freunde fragten, ob sie uns eben helfen, ein Zimmer auszuräumen und zu streichen, fällt uns das mit fünfzig Jahren nicht mehr so leicht. Als Ausrede dienen dann nicht nur die hohen Kosten, sondern vor allem das fehlende Vertrauen in Handwerker“, sagt Uwe Linke.

          Seiner Erfahrung nach machen sich Rentner häufig Sorgen darum, ob das Ersparte wohl ausreichen wird. „Natürlich setzt das Leben Prioritäten, und natürlich gibt es echte Not. Doch wird der Einfluss einer kreativen, auf die aktuelle Lebenssituation abgestimmten Umgebung extrem unterschätzt. Ich habe Menschen jedes Alters aufblühen sehen durch die befreiende Veränderung der Wohnung“, sagt er.

          Das Verharren ist Ausdruck einer kulturellen Prägung

          Doch die meisten Menschen erlaubten sich im Laufe des Lebens durch zunehmende Ängste und eine Verengung des persönlichen Horizonts diese Anpassungen nicht. „Statt sich zu sagen: In zwanzig Jahren spätestens bist du sicher tot, also kannst du nur jetzt noch einmal das Leben so einrichten, wie du es willst.“

          Auch der Inneneinrichter und Kunst- und Antiquitätenhändler Nicolas Horsch sieht Häuser aller Generationen bei Auflösungen, Übernahmen und kompletten Neugestaltungen. „Wenn ich durch Deutschland reise, sehe ich in einer gewissen Schicht überall ähnlich konservierte Haushalte, die fast austauschbar sind: Villen aus den sechziger oder siebziger Jahren haben oft in einem relativ nüchternen Ambiente ein paar schöne Stücke aus der Vergangenheit, im süddeutschen Raum gerne einen Würzburger Barockschrank. Sonst eher schlichtes Mobiliar, dazu Küchen aus der Zeit des Einzugs mit Plastikfronten. Manchmal fühle ich mich dann wie eine Figur in einem Heinz-Erhardt-Film“, sagt Horsch.

          Als Grund für den Stillstand vermutet er: „Vielleicht wurde in dieser Generation irgendwann ein Saturierungsgrad erreicht, dazu kam Sparsamkeit vor dem Hintergrund der Verlusterfahrungen des Krieges. Irgendwann besaß man äußere Zeichen von Wohlstand, und dann war es auch gut.“ Für ihn ist das lange Verharren in gewohnten Möbeln auch Ausdruck einer kulturellen Prägung. „Gerade die ältere Generation der Deutschen sagte sich oft: Das lohnt sich doch nicht mehr!“ In Italien sei das völlig anders, da gehöre das sorgfältige Achten auf elegante Kleidung, gutes Essen und auch das Wohnen gerade im Alter zusammen.

          „Ich kenne nicht wenige Deutsche, die eine Art preußisches Aufräumen in ihren Kunstsammlungen an den Tag legen und sich sehr früh Gedanken darüber machen, wie sie alles geregelt hinterlassen und schon mit Anfang fünfzig eher zurückbauen.“ Horsch glaubt, dass das Bedürfnis, auch im Alter noch einmal einen Neuanfang mit Blick aufs Interieur zu machen, steigen wird: „In Deutschland gibt es nicht nur eine höhere Lebensqualität bei älteren Menschen, sondern generell eine positive gesamtästhetische Entwicklung.“

          Eine Frage der Einstellung zum eigenen Leben

          Fragt man den renommierten deutschen Altersforscher Andreas Kruse, Leiter des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und Verfasser der Altenberichte des Deutschen Bundestags, warum ältere Menschen aufhören, ihre Häuser kreativ zu verschönen, sagt er: „Dies ist keine Frage des Lebensalters, sondern eine Frage der Einstellung zum eigenen Leben und der objektiv gegebenen und subjektiv erlebten Kräfte. Ältere Menschen, für die die Gestaltung der Wohnung immer schon ein bedeutsames Merkmal der Lebensgestaltung bildete, führen diese auch weiterhin fort!“

          Welche Rolle spielen aber unausweichliche Alterungsprozesse bei diesen Verhaltensweisen? „Das Altern selbst ist weniger entscheidend“, hat Kruse herausgefunden. „Wir beobachten ein vergleichsweise hohes Maß an Kontinuität in der Lebensführung. Zudem hat die Wohnung große Bedeutung für die Identität. Körperliche und geistige Verluste, aber auch emotionale Veränderungen wie Niedergeschlagenheit, Ängste und der Verlust nahestehender Menschen können aber Faktoren sein, die zu einer Aufgabe der kreativen Gestaltung führen.“

          Er sieht die eigenen vier Wände mit zunehmendem Alter als einen immer wichtiger werdenden Ort des Lebens. „Das Bedürfnis nach Kreativität besteht bei Menschen mit einem ausreichenden Maß an geistiger und emotionaler Offenheit bis in das höchste Alter. Kreativität meint im hohen Alter mehr und mehr ,Vertiefung‘. Aus diesem Grunde sollte man gerade ältere Menschen vermehrt darin unterstützen, ihre Wohnung nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch zu gestalten.“

          Im Alter werde das Verlangen nach Leben größer

          Durch ein hedonistischeres Lebensgefühl im Pensionsalter sehen professionelle Einrichter auch einen neuen Trend im Investitionsverhalten. Möbelhändler Klaus Seydlitz sagt: „Ich habe einige siebzigjährige Kunden, Akademiker in flotten Jeans und Turnschuhen, die sich noch einmal komplett schön einrichten möchten. Die fühlen sich wie fünfzig oder sechzig und möchten auch so wohnen – aber bloß ohne Motoren an ihren wunderbaren Betten, das erinnert an Gebrechlichkeit. Das ist eine wichtige und oft besonders nette Kundschaft für uns“, sagt er.

          Wohnpsychologe Uwe Linke propagiert die aktive Gestaltung eines Seniorenhauses als Raum der Freiheit: „In Großbritannien gibt es eine Kultur für Exzentriker! Alte Ladys in puderrosa Ambiente – schrill und ungewöhnlich. In Deutschland scheint man brav werden zu müssen, auch in der Wohnung. Dabei wird mit zunehmendem Alter meiner Erfahrung nach das Verlangen nach Leben größer, weil das Loslassen schwerer fällt! Ich versuche Menschen auf einen anderen Blickwinkel einzustimmen: Schau auf das, was noch geht, und das, was du jetzt machen kannst.“

          Altersforscher Andreas Kruse gibt noch etwas anderes zu bedenken: „Im Alter werden nicht selten persönlich wichtige Dinge weitergegeben, verbunden mit Berichten über Erinnerungen. In einem solchen Falle „sammelt“ man nicht mehr, man hat dann auch weniger Dekoration. Vielmehr hält man nun quasi symbolisch Kontakt zu Nachkommen.“

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