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Wohnungseinrichtungen : Eingefroren im Gestern

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„Ich kenne nicht wenige Deutsche, die eine Art preußisches Aufräumen in ihren Kunstsammlungen an den Tag legen und sich sehr früh Gedanken darüber machen, wie sie alles geregelt hinterlassen und schon mit Anfang fünfzig eher zurückbauen.“ Horsch glaubt, dass das Bedürfnis, auch im Alter noch einmal einen Neuanfang mit Blick aufs Interieur zu machen, steigen wird: „In Deutschland gibt es nicht nur eine höhere Lebensqualität bei älteren Menschen, sondern generell eine positive gesamtästhetische Entwicklung.“

Eine Frage der Einstellung zum eigenen Leben

Fragt man den renommierten deutschen Altersforscher Andreas Kruse, Leiter des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg und Verfasser der Altenberichte des Deutschen Bundestags, warum ältere Menschen aufhören, ihre Häuser kreativ zu verschönen, sagt er: „Dies ist keine Frage des Lebensalters, sondern eine Frage der Einstellung zum eigenen Leben und der objektiv gegebenen und subjektiv erlebten Kräfte. Ältere Menschen, für die die Gestaltung der Wohnung immer schon ein bedeutsames Merkmal der Lebensgestaltung bildete, führen diese auch weiterhin fort!“

Welche Rolle spielen aber unausweichliche Alterungsprozesse bei diesen Verhaltensweisen? „Das Altern selbst ist weniger entscheidend“, hat Kruse herausgefunden. „Wir beobachten ein vergleichsweise hohes Maß an Kontinuität in der Lebensführung. Zudem hat die Wohnung große Bedeutung für die Identität. Körperliche und geistige Verluste, aber auch emotionale Veränderungen wie Niedergeschlagenheit, Ängste und der Verlust nahestehender Menschen können aber Faktoren sein, die zu einer Aufgabe der kreativen Gestaltung führen.“

Er sieht die eigenen vier Wände mit zunehmendem Alter als einen immer wichtiger werdenden Ort des Lebens. „Das Bedürfnis nach Kreativität besteht bei Menschen mit einem ausreichenden Maß an geistiger und emotionaler Offenheit bis in das höchste Alter. Kreativität meint im hohen Alter mehr und mehr ,Vertiefung‘. Aus diesem Grunde sollte man gerade ältere Menschen vermehrt darin unterstützen, ihre Wohnung nicht nur technisch, sondern auch ästhetisch zu gestalten.“

Im Alter werde das Verlangen nach Leben größer

Durch ein hedonistischeres Lebensgefühl im Pensionsalter sehen professionelle Einrichter auch einen neuen Trend im Investitionsverhalten. Möbelhändler Klaus Seydlitz sagt: „Ich habe einige siebzigjährige Kunden, Akademiker in flotten Jeans und Turnschuhen, die sich noch einmal komplett schön einrichten möchten. Die fühlen sich wie fünfzig oder sechzig und möchten auch so wohnen – aber bloß ohne Motoren an ihren wunderbaren Betten, das erinnert an Gebrechlichkeit. Das ist eine wichtige und oft besonders nette Kundschaft für uns“, sagt er.

Wohnpsychologe Uwe Linke propagiert die aktive Gestaltung eines Seniorenhauses als Raum der Freiheit: „In Großbritannien gibt es eine Kultur für Exzentriker! Alte Ladys in puderrosa Ambiente – schrill und ungewöhnlich. In Deutschland scheint man brav werden zu müssen, auch in der Wohnung. Dabei wird mit zunehmendem Alter meiner Erfahrung nach das Verlangen nach Leben größer, weil das Loslassen schwerer fällt! Ich versuche Menschen auf einen anderen Blickwinkel einzustimmen: Schau auf das, was noch geht, und das, was du jetzt machen kannst.“

Altersforscher Andreas Kruse gibt noch etwas anderes zu bedenken: „Im Alter werden nicht selten persönlich wichtige Dinge weitergegeben, verbunden mit Berichten über Erinnerungen. In einem solchen Falle „sammelt“ man nicht mehr, man hat dann auch weniger Dekoration. Vielmehr hält man nun quasi symbolisch Kontakt zu Nachkommen.“

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