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Wohnungseinrichtungen : Eingefroren im Gestern

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Welche Rolle spielt das Geld dabei?

Auch dem Wohnpsychologen Uwe Linke begegnet das Phänomen der eingefrorenen Wohnwelten in seiner Arbeit als Therapeut sehr häufig. „Ich sehe das vor allem, wenn in der Wohnung eines Paares einer der beiden gestorben oder gegangen ist. Statistisch trifft es natürlich mehr Frauen, doch auch Männer werden durch Verluste traumatisiert und handlungsunfähig.“

Manchmal betreffe es auch Mütter, deren Kinder aus dem Haus gegangen sind. Ihnen fehle dann die Perspektive eines Lebens ohne einen Menschen, der sie braucht. „Sie bewahren das Kinderzimmer in seiner Ursprungsform scheinbar den Kindern zuliebe. In Wirklichkeit sind sie aber in der Vergangenheit hängengeblieben – statt den Raum wieder für sich einzunehmen!“, berichtet er.

Doch welche Rolle spielt das Geld dabei? Ist das Erschlaffen beim Einrichten nicht einfach das konsequente Verhalten eines klugen Kaufmanns, der nur einmal für lange Zeit investiert? „Während wir mit Anfang dreißig noch schnell mal unsere Freunde fragten, ob sie uns eben helfen, ein Zimmer auszuräumen und zu streichen, fällt uns das mit fünfzig Jahren nicht mehr so leicht. Als Ausrede dienen dann nicht nur die hohen Kosten, sondern vor allem das fehlende Vertrauen in Handwerker“, sagt Uwe Linke.

Seiner Erfahrung nach machen sich Rentner häufig Sorgen darum, ob das Ersparte wohl ausreichen wird. „Natürlich setzt das Leben Prioritäten, und natürlich gibt es echte Not. Doch wird der Einfluss einer kreativen, auf die aktuelle Lebenssituation abgestimmten Umgebung extrem unterschätzt. Ich habe Menschen jedes Alters aufblühen sehen durch die befreiende Veränderung der Wohnung“, sagt er.

Das Verharren ist Ausdruck einer kulturellen Prägung

Doch die meisten Menschen erlaubten sich im Laufe des Lebens durch zunehmende Ängste und eine Verengung des persönlichen Horizonts diese Anpassungen nicht. „Statt sich zu sagen: In zwanzig Jahren spätestens bist du sicher tot, also kannst du nur jetzt noch einmal das Leben so einrichten, wie du es willst.“

Auch der Inneneinrichter und Kunst- und Antiquitätenhändler Nicolas Horsch sieht Häuser aller Generationen bei Auflösungen, Übernahmen und kompletten Neugestaltungen. „Wenn ich durch Deutschland reise, sehe ich in einer gewissen Schicht überall ähnlich konservierte Haushalte, die fast austauschbar sind: Villen aus den sechziger oder siebziger Jahren haben oft in einem relativ nüchternen Ambiente ein paar schöne Stücke aus der Vergangenheit, im süddeutschen Raum gerne einen Würzburger Barockschrank. Sonst eher schlichtes Mobiliar, dazu Küchen aus der Zeit des Einzugs mit Plastikfronten. Manchmal fühle ich mich dann wie eine Figur in einem Heinz-Erhardt-Film“, sagt Horsch.

Als Grund für den Stillstand vermutet er: „Vielleicht wurde in dieser Generation irgendwann ein Saturierungsgrad erreicht, dazu kam Sparsamkeit vor dem Hintergrund der Verlusterfahrungen des Krieges. Irgendwann besaß man äußere Zeichen von Wohlstand, und dann war es auch gut.“ Für ihn ist das lange Verharren in gewohnten Möbeln auch Ausdruck einer kulturellen Prägung. „Gerade die ältere Generation der Deutschen sagte sich oft: Das lohnt sich doch nicht mehr!“ In Italien sei das völlig anders, da gehöre das sorgfältige Achten auf elegante Kleidung, gutes Essen und auch das Wohnen gerade im Alter zusammen.

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