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Derek Jarman : Der Garten als Therapie

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Prospect Cottage hat etwas von einem Museum, denn Collins erhält die Räume weitgehend so, wie Jarman sie eingerichtet hatte. Doch ist es wohnlich und behaglich, vom Wohnzimmersofa aus hat man einen guten Blick auf den hinteren Teil des Gartens und auch die Eisenbahn, die von Hythe nach Dungeness fährt. Das Haus wurde um 1900 erbaut, damals stand es direkt am Strand. Als Derek Jarman 1986 herkam, wuchs nur ein bisschen Gras im Kies, und bis zum Meer waren es noch keine 200 Meter wie heute. Die Verlandung schreitet stetig fort, irgendwann wird das Meer noch viel weiter weg sein.

Interessierte kommen aus aller Welt

Wer hier in dieser Einsamkeit lebt, bildet eine Gemeinschaft, ob gewollt oder nicht. „Die Leute in Dungeness waren sehr offen, als Jarman herkam“, erinnert sich Collins. „Um seine Arbeit ging es aber überhaupt nicht, mit den Filmen wusste keiner etwas anzufangen.“ Vermutlich auch nicht damit, dass er als Schwuler offen mit seiner HIV-Infektion und Aidserkrankung umging und sich für die Rechte Homosexueller einsetzte. Aber Jarman brachte berühmte Leute in dieses Fleckchen, David Bowie kam zum Tee, eines Tages standen die Pet Shop Boys vor der Tür. „So etwas war bei uns normal“, sagt Collins. „Heute wünsche ich mir, dass ich es mehr zu schätzen gewusst hätte.“

Auch knapp 20 Jahre nach Jarmans Tod sind Prospect Cottage und der Garten Pilgerstätte für interessierte Menschen aus der ganzen Welt, sogar aus Japan und Neuseeland. Viele Schwule kommen her, mitunter auch Prominente. „Kürzlich war ein berühmter Hollywoodschauspieler hier“, sagt Collins. „Der hatte solche Angst, geoutet zu werden, dass wir die Gardinen zuziehen mussten - könnte ja sein, dass jemand zum Fenster hereinschaut und ihn sieht.“

Denn nicht immer sind die Gartenbesucher zurückhaltend und behutsam. Sie trampeln durch die Beete, um einen Blick ins Innere erhaschen zu können. Sie laufen gedankenlos durch die ringförmigen Furchen im Kies, die Collins gleichmütig immer wieder neu anlegt. Sogar menschliche Überreste bringen sie her. „Manchmal bekomme ich Anfragen, ob Asche verstreut werden darf. Die Leute waren mal hier und mögen den Ort. Dann sage ich ja. Aber ich finde auch immer mal wieder ein Stückchen Knochen, dann weiß ich, dass wieder etwas verstreut wurde. Das stört mich schon, immerhin ist es doch jemandes Körperteil!“

„Ich verlasse sofort meinen Mann“

Collins will weitermachen, bis er irgendwann keine Lust mehr hat. Wenn er dürfte, würde er allerdings gerne einen Zaun ziehen. Doch so eine Baumaßnahme ist in Dungeness nicht erlaubt, auch wäre es sicherlich nicht im Sinne Jarmans, denn es würde den Charakter des Gartens komplett verändern. Stoisch trägt er seine selbst auferlegte Aufgabe und erträgt auch die skurrilsten Besucher. „Einmal kam auch eine Frau, Anfang 40, die behauptete, Dereks Reinkarnation zu sein. Sie sagte: ,Wenn du mich jetzt fragst, ob ich mit dir hier leben will, verlasse ich sofort meinen Mann‘“, sagt Collins. Auch ein Student meldete sich, er wollte eine Dissertation über ein Drehbuch Jarmans schreiben und stellte gleich klar, dass er dazu einige Monate in Prospect Cottage wohnen müsse. „Ich habe geantwortet: Du bist verrückt.“

Der Herr des Gartens

Derek Jarman, britischer Filmemacher und Künstler, starb 1994 im Alter von 52 Jahren an den Folgen von Aids. Bekannt geworden ist er in Deutschland vor allem durch seine Filme „Caravaggio“, „Edward II“ oder „Blue“. Jarman drehte auch Musikvideos für die Pet Shop Boys, The Smiths und R.E.M. Er entdeckte Tilda Swinton, die in „Caravaggio“ ihre erste Rolle als Filmschauspielerin bekam. 1986, kurz nachdem er von seiner HIV-Infektion erfahren hatte, fiel Jarman bei einer Fahrt durch Dungeness Prospect Cottage auf, das schwarz geteerte Fischerhaus mit den gelben Fensterrahmen. Er kaufte es und legte nach und nach einen Garten an, der auch im Film „The Garden“ eine Rolle spielt. Bis heute pflegt sein Lebensgefährte Keith Collins die Anlage.

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