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Derek Jarman : Der Garten als Therapie

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Meerkohl, Stechginster, Heiligenkraut, Lichtnelken Goldmohn und rote Spornblumen: In manchen Momenten wirkt Prospekt Cottage fast idyllisch. Bild: Stillpictures / images.de

Todkrank legte der Regisseur Derek Jarman im Süden Englands einen skurrilen Garten an. Der lockte nicht nur David Bowie und die Pet Shop Boys. Bis heute pilgern jedes Jahr Tausende nach Dungeness.

          Lang zieht sich die Küstenstraße in Richtung Dungeness. Wer Folkestone hinter sich lässt, kann am Horizont schon das Kraftwerk erahnen, das wie ein riesiger Tanker im Dunst liegt. Die Orte werden kleiner, ärmlicher, heißen Dymchurch, Littlestone, Greatstone, bis endlich, hinter Lydd-on-Sea, das Ende der Welt erreicht scheint. Die Straße öffnet sich zu einer weiten Ebene. Hier gibt es nur noch Kies, den Himmel und das Meer, das irgendwo in ein paar hundert Metern Entfernung rauscht. Und natürlich die über allem thronende Silhouette des Kraftwerks. Dungeness, eine Landspitze in Südengland, ist eine der größten Kiesbänke der Welt. Hier hat der Künstler und Filmemacher Derek Jarman gelebt. Sein Haus, Prospect Cottage, liegt zwischen anderen Fischerhütten, die sparsam an einer schmalen Straße aufgereiht sind wie Perlen auf einer Schnur. Prospect Cottage ist schon von weitem gut zu erkennen an der charakteristischen schwarzen Fassade und den leuchtend gelben Fensterrahmen. Geparkt wird am Straßenrand, auf möglichst festem Untergrund, hier bleiben schon mal Autos im Kies stecken.

          Im Vorgarten blüht leuchtend gelb, in der Farbe der Fenster, ein Ring aus Stechginster. Jarman hat ihn damals um ein Stück Treibholz gepflanzt. Rostige Metallelemente ragen wie Skulpturen aus dem Kies, ein Ruderboot verwittert im Vorgarten. Ein Mann im grauen Overall dreht Runden um einen hölzernen Masten, mit beiden Füßen schuffelt er Rillen in den Kies. Es entstehen konzentrische Kreise, Wellen. „Viele Menschen laufen einfach hier durch“, sagt er. „Daher muss ich es ab und zu erneuern.“

          Durch Zufall entdeckt

          Seit fast 20 Jahren pflegt Keith Collins den Garten, den Derek Jarman in den 1980er und frühen 1990er Jahren hier angelegt hat. Er war Jarmans Lebensgefährte und hat den Garten übernommen. „Zuerst gab er mir nach Dereks Tod etwas zu tun, um die leeren Stunden zu füllen.“ Bis heute ist der Garten für ihn eine Aufgabe, ein Job, den er pflichtbewusst erfüllt. Vor allem den Menschen gegenüber fühlt sich Collins verpflichtet. Denen, die bis heute regelmäßig den Garten besuchen, manchmal sind es bis zu tausend an einem Wochenende.

          Durch Zufall hatte Derek Jarman 1986 das schwarze Fischerhaus in Dungeness entdeckt. Er verliebte sich in die Atmosphäre, die Kargheit der Landschaft und das ungewöhnliche Licht und kaufte das Cottage. Erst hatte er gar nicht vor, einen Garten anzulegen. Alles begann mit einem großen Feuerstein, den Jarman am Strand fand. Diesen setzte er in den Steingarten vor dem Haus, schnell kamen weitere hinzu. Hinter dem Cottage pflanzte Jarman eine Hundsrose, die er mit einem Stück Treibholz und einer Kette aus Steinen stützte. Dann kam eins zum anderen: Besondere Steine, Fundstücke vieler Art integrierte der Künstler in seinen Garten, auch Metallspiralen, die einst Teil eines Schutzzauns gegen deutsche Panzer waren. „Ich sah es als Therapie“, schrieb Jarman in seinem letzten Buch, das nach seinem Tod als „Derek Jarman’s Garden“ veröffentlicht wurde. Den Vorgarten gestaltete er mit formalen Elementen, Kreisen und rechteckigen Beeten, von Feuersteinen eingefasst. Den hinteren Garten legte er informell an. Gepflanzt hat er vor allem Gewächse, die in Dungeness heimisch waren - auch aus der Not heraus: Die östlichen Winde, die Salz mit sich tragen, setzen empfindlichen Pflanzen zu, die starke Sonneneinstrahlung und die Trockenheit ebenfalls. Meerkohl, Stechginster, Weiße Lichtnelken, Heiligenkraut, roter Mohn und blaue Kornblumen gedeihen bis heute. Aber auch Krokusse, tiefblaue Iris, leuchtender Goldmohn und die Rote Spornblume, die Jarman in den Kies gesetzt hat, halten sich in dem rauhen Klima.

          Viel Metall, viel Treibholz

          „Ich pflanze nichts Neues“, sagt Keith Collins. Er mache eher das Gegenteil von Gärtnern: „Ich entferne Dinge, entblöße den Garten, leere ihn.“ Dabei geht es nicht nur um Pflanzen, die sich unerwünscht ansiedeln, Disteln zum Beispiel. Auch die Gespinste des Goldafter-Schmetterlings, dessen Raupen Pflanzen zerstören und starke allergische Reaktionen auslösen können, vernichtet er. Aber Collins muss auch Dinge entfernen von Menschen, die meinen, den Garten mitgestalten zu dürfen. Ein rostiges Fahrrad haben Besucher immer wieder vom Strand heraufgetragen, bis er es endgültig im Meer versenkte.

          Viel Metall, das Jarman selbst integriert hat, ist inzwischen verrostet, sagt Collins. „Das ersetze ich.“ Bei Treibholz ist es schwieriger: War es in den 1980ern problemlos am Strand zu finden, kommt es heute kaum noch vor. Collins denkt darüber nach, hölzerne Elemente, die für den Garten wichtig sind, aus Eichenholz zu rekonstruieren. „Ich will sie nicht einfach zerfallen lassen.“ Noch gut erhalten ist das Gedicht „The sunne rising“ von John Donne, das Jarman aus Holzbuchstaben an der südlichen Hauswand anbringen ließ.

          „Es hat ein Jahr gebraucht, bis ich verstanden habe, worum es im Garten geht“, sagt Collins. Denn der ist ein Gesamtkunstwerk und hat viel mehr zu bieten, als Besucher nach ein, zwei Stunden ahnen können. Vor allem finden sich Referenzen zur Umgebung: „Am Strand verläuft alles horizontal, der Wasserspiegel, die Kiesbänke. Im Garten hat Jarman bewusst alles um 90 Grad gedreht, vertikale Elemente eingesetzt“, erläutert Collins. Auch sei alles nach einem Plan angelegt, der sich am Tetraktys-Konzept orientiert, einem gleichseitigen Dreieck, das aus zehn Punkten besteht und das seit der Antike für Harmonie steht. „Der Garten ist so vielschichtig, sicherlich gibt es noch vieles, das ich gar nicht entdeckt habe.“ Einige Jahre hat Collins in Prospect Cottage gelebt und als Fischer gearbeitet. Auf die Dauer fehlte ihm jedoch die intellektuelle Stimulation, jetzt hat er auch eine Wohnung in London. „Im Winter ist es hier schon sehr dunkel und isoliert. Dann leuchtet nur das Kernkraftwerk, und man würde sich wünschen, dass es wenigstens ab und zu mal in einer anderen Farbe als Gelb strahlt.“

          Das Kraftwerk als Nachbar

          Collins bietet Tee und Kekse an, das Trinkwasser stammt aus Flaschen. Kürzlich hat man Tritium im Grundwasser gefunden, erzählt er. Aus Küchen- und Wohnzimmerfenster ist der nur 1500 Meter entfernte Reaktor nicht zu übersehen. Wie kann man hier leben? Mit dem Atomkraftwerk habe er keine Probleme, sagt Collins. Jedes Jahr erhält er, wie alle Anwohner, einen Kalender des Reaktorbetreibers, auf dessen Rückseite Informationen für den Notfall vermerkt sind.

          Wären das Kraftwerk nicht und das Naturschutzgebiet, in dem es steht, wäre alles zugebaut, sagt Collins. Dann wäre Dungeness keine Kieswüste mit einzelnen Häusern, sondern ein dicht besiedeltes Küstengebiet. Doch auch so lassen sich viele Menschen nicht abschrecken, sich anzusiedeln.

          Prospect Cottage hat etwas von einem Museum, denn Collins erhält die Räume weitgehend so, wie Jarman sie eingerichtet hatte. Doch ist es wohnlich und behaglich, vom Wohnzimmersofa aus hat man einen guten Blick auf den hinteren Teil des Gartens und auch die Eisenbahn, die von Hythe nach Dungeness fährt. Das Haus wurde um 1900 erbaut, damals stand es direkt am Strand. Als Derek Jarman 1986 herkam, wuchs nur ein bisschen Gras im Kies, und bis zum Meer waren es noch keine 200 Meter wie heute. Die Verlandung schreitet stetig fort, irgendwann wird das Meer noch viel weiter weg sein.

          Interessierte kommen aus aller Welt

          Wer hier in dieser Einsamkeit lebt, bildet eine Gemeinschaft, ob gewollt oder nicht. „Die Leute in Dungeness waren sehr offen, als Jarman herkam“, erinnert sich Collins. „Um seine Arbeit ging es aber überhaupt nicht, mit den Filmen wusste keiner etwas anzufangen.“ Vermutlich auch nicht damit, dass er als Schwuler offen mit seiner HIV-Infektion und Aidserkrankung umging und sich für die Rechte Homosexueller einsetzte. Aber Jarman brachte berühmte Leute in dieses Fleckchen, David Bowie kam zum Tee, eines Tages standen die Pet Shop Boys vor der Tür. „So etwas war bei uns normal“, sagt Collins. „Heute wünsche ich mir, dass ich es mehr zu schätzen gewusst hätte.“

          Auch knapp 20 Jahre nach Jarmans Tod sind Prospect Cottage und der Garten Pilgerstätte für interessierte Menschen aus der ganzen Welt, sogar aus Japan und Neuseeland. Viele Schwule kommen her, mitunter auch Prominente. „Kürzlich war ein berühmter Hollywoodschauspieler hier“, sagt Collins. „Der hatte solche Angst, geoutet zu werden, dass wir die Gardinen zuziehen mussten - könnte ja sein, dass jemand zum Fenster hereinschaut und ihn sieht.“

          Denn nicht immer sind die Gartenbesucher zurückhaltend und behutsam. Sie trampeln durch die Beete, um einen Blick ins Innere erhaschen zu können. Sie laufen gedankenlos durch die ringförmigen Furchen im Kies, die Collins gleichmütig immer wieder neu anlegt. Sogar menschliche Überreste bringen sie her. „Manchmal bekomme ich Anfragen, ob Asche verstreut werden darf. Die Leute waren mal hier und mögen den Ort. Dann sage ich ja. Aber ich finde auch immer mal wieder ein Stückchen Knochen, dann weiß ich, dass wieder etwas verstreut wurde. Das stört mich schon, immerhin ist es doch jemandes Körperteil!“

          „Ich verlasse sofort meinen Mann“

          Collins will weitermachen, bis er irgendwann keine Lust mehr hat. Wenn er dürfte, würde er allerdings gerne einen Zaun ziehen. Doch so eine Baumaßnahme ist in Dungeness nicht erlaubt, auch wäre es sicherlich nicht im Sinne Jarmans, denn es würde den Charakter des Gartens komplett verändern. Stoisch trägt er seine selbst auferlegte Aufgabe und erträgt auch die skurrilsten Besucher. „Einmal kam auch eine Frau, Anfang 40, die behauptete, Dereks Reinkarnation zu sein. Sie sagte: ,Wenn du mich jetzt fragst, ob ich mit dir hier leben will, verlasse ich sofort meinen Mann‘“, sagt Collins. Auch ein Student meldete sich, er wollte eine Dissertation über ein Drehbuch Jarmans schreiben und stellte gleich klar, dass er dazu einige Monate in Prospect Cottage wohnen müsse. „Ich habe geantwortet: Du bist verrückt.“

          Der Herr des Gartens

          Derek Jarman, britischer Filmemacher und Künstler, starb 1994 im Alter von 52 Jahren an den Folgen von Aids. Bekannt geworden ist er in Deutschland vor allem durch seine Filme „Caravaggio“, „Edward II“ oder „Blue“. Jarman drehte auch Musikvideos für die Pet Shop Boys, The Smiths und R.E.M. Er entdeckte Tilda Swinton, die in „Caravaggio“ ihre erste Rolle als Filmschauspielerin bekam. 1986, kurz nachdem er von seiner HIV-Infektion erfahren hatte, fiel Jarman bei einer Fahrt durch Dungeness Prospect Cottage auf, das schwarz geteerte Fischerhaus mit den gelben Fensterrahmen. Er kaufte es und legte nach und nach einen Garten an, der auch im Film „The Garden“ eine Rolle spielt. Bis heute pflegt sein Lebensgefährte Keith Collins die Anlage.

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