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Die Welt

Bitte nicht nachmachen: Der Vielreisende Harry Mitsidis vor Kriegsruine in Somalia

Der Extremreisende Harry Mitsidis über Ausflüge mit Leibwächtern nach Mogadischu, Gefängnisaufenthalte im Jemen und die Frage, wie schwer das Gepäck dabei sein darf.

28.02.2019
Interview: RAINER SCHMIDT
Fotos: HARRY MITSIDIS

Wann kann man behaupten, die ganze Welt gesehen zu haben? Nach welchem Maßstab soll das beurteilt werden? Diese Frage beschäftigt weltweit Vielreisende, die ihre Unternehmungen auf diversen, oft miteinander konkurrierenden Seiten im Internet akribisch dokumentieren. Klar ist: Ein einfacher Besuch der 193 offiziellen Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen reicht nicht. Der Brite Harry Mitsidis, 46 Jahre alt, ist eine bekannte Figur in der internationalen Traveller- Szene, seine Website „Nomad Mania“ gilt als wichtiger Treffpunkt, die hier vorgenommene Einteilung der Welt als besonders differenziert und aussagekräftig.

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

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FRANKFURTER ALLGEMEINE QUARTERLY: Wie wird man Extremreisender?

HARRY MITSIDIS: Das passiert nicht über Nacht, ich habe erst recht spät damit begonnen, mit 28. Es ist wie eine Droge, erst reist man ein bisschen, dann will man mehr sehen und noch mehr, irgendwann nimmt es das ganze Leben ein.

FAQ: Die Vereinten Nationen zählen 193 offizielle Mitgliedsstaaten, aber die zu bereisen, reicht Ihnen nicht, Sie identifizieren für Ihre Website „Nomad Mania“ 1281 Regionen, die man besucht haben muss, wenn man alles gesehen haben will. Warum so viele?

MITSIDIS: Die 193 Länder der Vereinten Nationen sind unsere Basis bei „Nomad Mania“, aber die erschien uns nicht differenziert genug. Aus Faktoren wie Größe, Bevölkerung, ökonomische Stärke und touristische Attraktivität haben wir eine Art Algorithmus entwickelt, der Staaten in Regionen einteilt. Manchmal entsprechen diese administrativen Grenzen, so muss man in Deutschland die 16 Bundesländer bereist haben, manchmal sind es eigene Einteilungen. In Ungarn kamen wir auf drei, in Indien auf 58 Regionen. Und 1281 ist eine Zahl, die ein Mensch theoretisch in seinem Leben auch schaffen könnte.

Schnappschuss aus dem Irak: Teil von Saddams Palast in Babylon

FAQ: Wie weit sind Sie gekommen?

MITSIDIS: Ich bin mit 1140 Regionen derzeit auf dem dritten Platz, hinter einem deutschen Fotografen und einem Spanier.

FAQ: Was zeichnet Extremreisende aus?

MITSIDIS: Sie sind neugierig – und recht angstfrei. Man muss sich außerhalb der eigenen Komfortzone überall wohlfühlen können. Meine Mutter kam aus Südafrika, mein Vater war Grieche, ich bin in England aufgewachsen und habe einen britischen Pass, das Internationale war immer Teil meines Lebens.

FAQ: Was motiviert Sie?

MITSIDIS: Früher habe ich beim Einmarsch der Nationen bei den Olympischen Spielen gedacht, ich hätte gerne einen persönlichen Eindruck von all diesen Ländern – den habe ich heute. Und das ist viel besser, als darüber nur ein Buch zu lesen. Wenn ich länger als zwei Wochen zu Hause bin, beginne ich innerlich zu zittern und spüre Atemnot. Die Freiheit, die ich während des Reisens empfinde, lässt mich immer wieder losziehen.

Mitsidis im Jemen, wo er wegen illegalen Grenzübertritts verhaftet wurde.

FAQ: Aber ist dieses Punktesammeln – schnell rein, schnell raus – nicht ziemlich oberflächlich?

MITSIDIS: Ich hatte 2008 als 36-Jähriger meine erste Runde durch alle UN-Länder beendet, da war das tatsächlich oft so, besonders in Afrika. Danach war dieser Druck weg. Heute reise ich anders, will mehr verstehen und erkunden, ich fahre jetzt lieber in nur ein oder zwei Länder als in vier oder fünf. Die Einteilung in Regionen ist auch eine Aufforderung, die Länder besser verstehen zu wollen.

FAQ: Wird das nicht irgendwann langweilig?

MITSIDIS: Ich habe Soziologie studiert und will die Welt verstehen. Zu sehen, wie andere Menschen leben, ist eine unbeschreibliche Erfahrung und Erfüllung. Jedes Mal, wenn ich irgendwo lande, fühle ich mich wie ein Kind, das eine neue Schokoladenpackung aufmachen darf. Diese Vorfreude, Spannung, Aufgeregtheit – das ist unbezahlbar und vergeht nie. Und da die Welt sich permanent ändert, gibt es laufend neue Dinge zu entdecken.

FAQ: Wo müssen Sie noch unbedingt hin?

MITSIDIS: Einige „einfache“ Regionen wie Galapagos oder Tibet fehlen, ein paar liegen in Indien. In Afrika habe ich Lücken, in Moçambique etwa und in Malawi. Ob ich alle 141 fehlenden jemals schaffe, weiß ich nicht, aber darum geht es mir wirklich nicht, es geht immer um Inspiration.

FAQ: Was war die schlimmste Situation Ihres bisherigen Reiselebens?

MITSIDIS: Als ich im Jemen einmal die Grenze illegal überquert hatte, wurde ich inhaftiert und ins örtliche Gefängnis gesteckt. Für eine kurze Zeit war völlig unklar, was mit mir geschehen würde, alles schien möglich, das wirkte wirklich sehr bedrohlich. Zum Glück kam ich dann plötzlich nach einem Tag ohne Begründung wieder raus, ich hatte großes Glück.

Wann hat man wirklich die ganze Welt gesehen? Und macht die Jagd danach süchtig?

FAQ: Das hatten Sie auch in Mogadischu. Warum reist man an einen solchen Ort, wenn man nicht muss?

MITSIDIS: Es hatte mich wirklich verfolgt, noch nicht da gewesen zu sein. Als Traveller geht man mit diesem Gedanken ins Bett und wacht mit ihm auf. Ich dachte, ich kann mich doch nicht als World Traveller bezeichnen, wenn ich noch nicht in Mogadischu war. Als ich 2011 vom Abzug der Al-Shabaab-Milizen hörte, witterte ich meine Chance, weil es für eine Zeit zumindest relativ sicher wirkte. Übers Internet fand ich schnell eine Kontaktperson, die für Sicherheit und Unterbringung sorgte, dann bin ich losgeflogen.

FAQ: Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

MITSIDIS: Ich hatte sieben Leibwächter mit Kalaschnikows, überall standen ausgebrannte Panzer und kaputte Gebäude, aber ich hatte keine Angst um mein Leben. Was mir wichtig ist: Ich bin risikobewusst, aber nicht verrückt oder leichtsinnig. Ich würde nirgends hinfahren, wenn ich dort absehbar in Lebensgefahr kommen könnte. An solchen Orten, das gilt auch für Kabul oder Bagdad, kann man zwar jederzeit theoretisch wegen eines Selbstmordattentäters sterben, aber das normale Leben geht dort für die meisten Menschen trotzdem weiter, auch wenn Mogadischu schon besonders unberechenbar ist. Die Leute dort bewältigen alle ihren Alltag, man verdrängt die Gefahr.

FAQ: Ist es nicht zynisch, dorthin zu reisen, wo andere in Gefahr leben?

MITSIDIS: Es ist immer sehr einfach, etwas als verrückt oder zynisch abzulehnen, weil es einem selbst fremd ist. Viele fahren doch nur dorthin, wo alle hinfahren, das limitiert sie sehr. Wir Traveller wollen aber alle Orte selbst erkunden, die guten und die bösen, die sicheren und die unsicheren, alles gehört zur menschlichen Erfahrungswelt dazu, wir wollen uns unser eigenes Bild machen.

FAQ: Gibt es wirklich eine eigene Community von Extremreisenden mit einer speziellen Vorliebe für Katastrophen- und Kriegsgebiete?

MITSIDIS: Es gibt wohl einige Reisende, die persönlich besonders interessiert sind an Orten, die durch Krieg zerstört worden sind. Aber eine eigene Community? Kenne ich zumindest nicht.

Berglandschaft in Saudi-Arabien

FAQ: Sie müssen sich laufend an neue, fremde Umgebungen anpassen. Wie geht das?

MITSIDIS: Erstaunlicherweise sehr schnell, ich fühle mich meist rasch so, als ob ich da schon immer gelebt hätte. Ich hatte aber überraschenderweise eine sehr harte Zeit etwa in Taiwan, da war mir alles zu viel, zu viele Leute, zu viele Häuser, ich wollte sofort weg, obwohl es eigentlich schön ist. Da ich jetzt alle Länder zum zweiten Mal bereise, überrascht mich nichts mehr wirklich. Ich war kürzlich etwa wieder in Saudi-Arabien und wusste, dass es eine Regel gibt, die man unbedingt und immer beachten muss: Schaue niemals eine Frau an. Ignoriere sie komplett.

FAQ: Wie finanzieren Sie dieses Leben, auch durch das Reisen?

MITSIDIS: Nein, sobald es um Geld geht, macht das keinen Spaß mehr. Ich halte ab und zu Vorträge, aber eher selten und nicht aus Geldgründen. Früher war ich als Managementberater viel unterwegs und habe in Ländern wie Oman und der Schweiz gearbeitet. Ich habe aber das Glück, ein paar Immobilien zu besitzen und mir deshalb heute dieses Leben und dieses Hobby leisten zu können. Wobei es manchmal unterwegs billiger ist als zu Hause.

FAQ: Es gibt nicht nur Ihre, in Traveller-Kreisen sehr bekannte, Website, auch auf anderen Plattformen dokumentieren Reisende akribisch, wo sie schon waren. Es scheint ein lebhafter Wettbewerb zu herrschen – und es sind praktisch ausschließlich Männer, oder?

MITSIDIS: Ja, das ist leider wirklich so. Die Frauen sind wohl nicht so wettbewerbsorientiert und machen das weniger aus Ego-Gründen als Männer. Alleinreisende Frauen sind wahrscheinlich auch etwas vorsichtiger, was Touren außerhalb der etablierten Routen und Länder wie Somalia oder Afghanistan angeht. Die Frauen, die auf unserer Seite hoch plaziert sind, reisen oft mit ihren Ehemännern.

FAQ: Ein paar praktische Dinge: Wie reist der Profi, alleine oder in Begleitung?

MITSIDIS: Am liebsten alleine, die Erfahrungen dieser Art Reisen sind schwer zu teilen. In Begleitung habe ich das Gefühl, das ist mehr wie ein Urlaub. Echtes Reisen ist aber kein Urlaub. Die meisten Extremreisenden sind alleine unterwegs, nur gelegentlich tut man sich zusammen, um bei schwierigen und unerschlossenen Zielen Transport- oder Unterkunftskosten zu teilen.

FAQ: Gepäck?

MITSIDIS: Ich reise ausschließlich mit Handgepäck, auch auf langen Reisen. Ein kleiner Rucksack, Kamera und Laptop, dazu angemessene Kleidung, die häufig gewaschen wird, das war’s. Alles muss so leicht und praktisch wie möglich sein, das hilft.

Die Zentralmoschee in Herat in Afghanistan

FAQ: Wie besticht man am besten Grenzposten?

MITSIDIS: Außer im Jemen habe ich nie einen Grenzposten schmieren müssen, ich habe immer die richtigen Dokumente und Visa. Vielleicht hilft auch mein Äußeres: Ich habe einen kahlrasierten Schädel und ein Gesicht, das eher signalisiert, dass man sich mit mir nicht anlegt. Möglicherweise hatte ich bisher auch nur viel Glück, denn andere Leute berichten von ganz anderen Erfahrungen.

FAQ: Cash oder Kreditkarten?

MITSIDIS: Ich nehme meistens nur Cash mit.

FAQ: Wow. Ist das nicht sehr gefährlich?

MITSIDIS: Ich bin in all den Jahren noch nie überfallen oder bedroht worden, ich weiß aber auch, was man besser nicht macht, man muss halt vorsichtig bleiben. Nachts würde ich etwa durch bestimmte afrikanische Städte nicht spazieren gehen.

FAQ: Wo übernachten Sie?

MITSIDIS: Ich wähle meistens Hotels oder Pensionen aus einem mittleren Preissegment, halte aber auch viel von Couch Surfing oder Airbnb, weil es authentischere Kontakte ermöglicht und billiger ist. Nur wenn es tatsächlich mal gar keine Alternativen gibt, wie etwa auf São Tomé und Príncipe, übernachte ich auch mal in einem Luxushotel.

FAQ: Machen Sie Fotos und Notizen während Ihrer Trips?

MITSIDIS: Notizen nicht, Fotos schon, es dürften mittlerweile gut eine Million sein. Viele Extremreisende machen keine Fotos oder nur sehr wenige, weil sie sich mehr auf das Reisen und weniger auf die Bilder konzentrieren wollen.

FAQ: Kennen Sie auch normalen Urlaub?

MITSIDIS: Ja, auch das kommt vor. Zuletzt war ich in der Dominikanischen Republik und habe praktisch zehn Tage nur am Pool gelegen. Das ist nicht mein Lieblingsurlaub, aber man muss flexibel bleiben. In Europa liebe ich kurze Städtereisen.

FAQ: Viele Leute sehen vor Reisen in exotischere Länder vor allem die zahlreichen möglichen Probleme – und machen sich große Sorgen oder haben Angst. Was raten Sie denen?

MITSIDIS: Wir leben in einer paranoiden Welt, uns wird geradezu beigebracht, Angst vor allem und allen zu haben, das macht mich wirklich wütend. Mit meiner Reiserei auch zu sogenannten gefährlichen Orten strecke ich diesen Leuten den Mittelfinger entgegen. Ich glaube nicht an dieses Angstkonzept. Ich will reisen und das genießen. Wenn etwas passiert, muss ich damit klarkommen. Man wird nicht immer sofort überfallen oder abgestochen. Und wenn ich beispielsweise etwa mal etwas Geld verlieren sollte, werde ich schnell merken, das ist nicht das Ende der Welt. Nicht schön, klar, aber kein Desaster. Der wichtigste Tipp für das Reisen ist also: Genieße es!

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Quarterly

Veröffentlicht: 27.02.2019 15:39 Uhr