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Der Wandertipp : Hessen hängt auch am Galgen

  • -Aktualisiert am

Am Wegesrand: Der Bibelpark in Herbstein mit einer Arche Noah. Bild: Rainer Wohlfahrt

Zum kulturellen Erbe Hessens zählen nicht nur Schlösser, Burgen und Gärten – im Vogelsberg wird auch eine Richtstätte bewahrt. Vom sehenswerten Herbstein aus ist sie gut in eine Tour durch offene Flur einzubinden.

          4 Min.

          In diesem Jahr begehen die Staatlichen Schlösser und Gärten Hessen ihren 75. Gründungstag. Unter den knapp 50 von der Bad Homburger Verwaltung betreuten Objekten, zu denen Kastelle, Burgen, Klöster, Parks und Denkmäler zählen, würde man das vielleicht nicht vermuten: einen Galgen. Jener von Hopfmannsfeld im Vogelsberg ist das einzige Zeugnis früheren Strafvollzugs, das die Einrichtung zum Schutz des kulturellen Erbes bewahrt. Hessen hängt also am Galgen.

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          Die beiden Rundsäulen aus Sandstein mit eingemeißelter Jahreszahl 1707 stehen stellvertretend für Örtlichkeit und Aufgabe eines solchen Hochgerüsts. Keineswegs diente es allein der Exekution von – eher selten verhängten – Todesurteilen. Zur Abschreckung reichte meist schon der Anblick der weithin sichtbaren Galgen. Sie markierten vor allem Grenze und Zuständigkeit eines Gerichts, in diesem Fall des bis ins 13. Jahrhundert reichende, zwölf Dörfer umfassende von Hopfmannsfeld. Es wechselte mehrfach den Landesherrn, verlor aber, kaum dass der steinerne Neubau stand, durch Vereinigung mit dem Nachbarsprengel Engelrod 1736 an Bedeutung.

          Warum die neben einem Wegekreuz plazierten Säulen unangetastet blieben und selbst Napoleons Befehl zum Niederlegen von Richtstätten überdauerten, ließ sich nie vollständig klären. Am Spott, der Ukas sei nicht bis in die abseits liegende Region vorgedrungen, ist insofern ein Funken Wahrheit, als die Hauptverkehrsströme stets am hohen Vogelsberg vorbeiliefen. Reich war man nur an Steinen und Niederschlag.

          Katholische Enklave

          Die herausgeputzten Dörfer im farbenfrohen Schindel- oder Fachwerkkleid wollen freilich wenig zu diesem Ruf passen. Was einst gegen das rauhe Klima wappnete, schenkt einem Ort wie dem exponiert in mehr als 450 Meter Höhe thronenden Herbstein ein fast heiteres Bild, zumal auch sonst viel zur Bestandssicherung geschah. Der Vorposten der Fürstabtei Fulda besaß sogar eine (teilerhaltene) Stadtmauer und vor allem mit der spätgotischen St. Jakobus eine außergewöhnlich reich ausgestattete Kirche: Wandmalereien und Holzplastiken der Erbauungszeit stehen barocke Prunkkanzel und eine große Kreuzigungsgruppe am Hochaltar gegenüber.

          Als katholische Enklave hielten sich in der durchaus biblisch verstandenen „Stadt auf dem Berge“ kulturelle Besonderheiten wie der berühmte „Springerzug“ an Fastnacht samt nachfolgendem „Hutzelsonntag“. Und offenbar konnte nur hier der Gedanke reifen (1964), jedem Hochzeitspaar auf Gemeindekosten drei Birken als Symbole für Glaube, Liebe und Hoffnung zu pflanzen. Daraus wurden ganze „Straßen der Ehe“, die den Kurpark zwischen Stadtgebiet und Vulkantherme mustern.

          Selbst die Therme entspringt einer Portion lokalen Eigensinns, der eine Mineralquelle erhoffte, wo üblicherweise keine zu erwarten ist. Aller Skepsis zum Trotz stieß man 1975 in genau 1000 Meter Tiefe auf einen 33 Grad warmen Natrium-Calcium-Sulfat-Säuerling, der, kaum angezapft, den Bau des „höchstgelegenen Thermalbad Hessens“ nach sich zog. Die ersehnte Anerkennung als Heilbad erging im Jahr 2000.

          Wegbeschreibung

          Für den Wanderbeginn empfiehlt sich der Parkplatz an der (aktuell geschlossenen) Vulkantherme, wenn man nicht nach einem kleinen Rundgang durch Herbstein, geleitet von den Birken der „Straße der Ehe“ und dem Wanderzeichen weißes Kreuz, herunterkommt. Ob oben oder unten beginnend, am Thermen-Parkplatz wird – rechts vom Pflegeheim – über einen asphaltierten Pfad in den bewaldeten Hang eingestiegen.

          Der mitlaufende „Vulkanring Vogelsberg“ samt einer „Extra-Tour“ ist vorerst zu ignorieren, da das weiße Kreuz den direkten Weg, bald nach der Kreuzkapelle rechts hinab, zu den naturgeschützten Schalksbachteichen zeigt.

          Bizarre Eichen und Buchen saumen die Teiche und selbst die Dammkrone des größeren der zwei Gewässer, über die man hinübergeht. Jenseits werden nun, nach links, der „Vulkanring“ (zwei V) und die beiden Flammen der Extra-Tour relevant (jeweils rot und grün). Sie leiten an dichtem Uferbewuchs vorbei und dann über den Staudamm des anderen, zum Angeln freigegebenen Teichs.

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