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Der Mond im Film : Die große Lehre

„Moon“ (2009): Das Spielfilmdebüt von Duncan Jones könnte ein Schulbeispiel sein für künftige Raumfahrtgenerationen. Bild: akg-images / Album / Xingu Films

Vom Hinterfragen unseres Selbst hin zum Ausbrechen aus den Klammern alter Sitten: Eine kurze Geschichte der Filmexpeditionen zum Mond zeigt, was die Menschheit noch lernen muss.

          8 Min.

          Ein Rudel bärtiger Umhangträger mit Schultütenmützen lässt sich in einem Gewölbe am hohen Fenster, vor dem ein Teleskop aufgebaut ist, von einem der ihren, der an einer Tafel steht, eine Mondreise erklären. Junge Frauen, teils mit Wagenradhüten, bedienen die Käuze oder sitzen wie Schülerinnen still. Der Mann malt neben eine Erde eine Rakete an die Tafel und verbindet diese mithilfe einer gestrichelten Linie mit dem rechts oben auf derselben Tafel abgebildeten Mond.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Tumult ist die Folge, Spott, man wirft die Hände in die Höhe und hopst herum. Der Instrukteur schlüpft in etwas Praktischeres, dann verlässt das ganze Personal die Hogwarts-Kulisse. In der nächsten Szene wird eine industrielle Fertigungsstätte inspiziert: Kraftvolle Arbeiter bauen eine vorn spitz zulaufende Gewehrkugel von etwa Kleinbusgröße zusammen, hämmern und schrauben. Der Langbart führt seine Kollegen aufs Dach, von wo aus man auf eine Industrielandschaft voller Schlote hinuntersieht und auf einen Startplatz.

          Der wird nun näher gezeigt: An einem Mauerrand steht eine Kanone mit sehr langem Lauf, deren Zündung ein militärisch kostümierter Herr mit Säbel befiehlt. Das Geschoss saust durch die Luft; aus großer Entfernung sehen wir den Mond, ein bleiches Harlekingesicht mit schwarz geschminkten Lippen. Das Raumschiff trifft ihn ins Auge - eine der berühmtesten Einstellungen der Filmgeschichte.

          Schon immer ein Ort voller Mythen

          Der Oberzausel und etwa ein halbes Dutzend seiner Kollegen kraxeln aus dem Gefährt. Der Mond zeigt ihnen, was er für Vulkane hat. Ein Komet fliegt quer durchs obere Bilddrittel. Die Astronauten legen sich schlafen, woraufhin der große Wagen, Phoebe, die Zwillinge und der alte Herr Saturn über ihnen aufleuchten und das Geschehene gestisch und mimisch kommentieren. Schneekonfetti schwebt vom Himmel. Die weitgereisten Herrschaften wachen auf und klettern ins Mondinnere, wo eine Landschaft aus Pilzen, Schwämmen und verwandtem Gewucher auf sie wartet.

          Einer pflanzt seinen Regenschirm in die Erde, der sofort organisch wird und wächst, während ein Mondmännchen erscheint, das auf Händen gehen kann, sich aber bei einem heftigen Notwehrschlag, der es trifft, sofort in Rauch auflöst. Mehr Mondkerle treten auf, Krabben-und-Knochen-Menschen. Sie sind mit Speeren bewaffnet, nehmen die Astronauten gefangen und zerren sie vor ihren König, der auf seinem Thron ganz außer sich gerät, dann aber vom Obergelehrten der Mondexpedition gepackt, zu Boden geschleudert und in einer Qualm-Explosion vernichtet wird.

          Die Abenteurer rennen zurück zu ihrem Raumschiff, das am Rand einer Klippe hängt, klettern hinein, aber bevor es kippen und vom Mond fallen kann, klammert sich eins der Mondwesen hinten an. Das Raumschiff stürzt durchs All bis ins irdische Meer, wo es von Marine oder Küstenwacht geborgen wird.

          Am Ende stehen ein Denkmal für den Oberforscher und eine festliche Parade in Paris, auf der der gefangene Mondmensch am Seil zu allgemeinem Gejohle und Getobe vorgeführt wird wie ein unterworfener Barbarenkönig auf einem Triumphzug in Rom.

          © imdb
          „Le Voyage dans la Lune“ ist ein Film des Regisseurs Georges Méliès aus dem Jahr 1902.

          Eine Angelegenheit für Spieler

          Der ganze Schwachsinn heißt „Voyage dans la lune“ (1902) und ist der erste Welterfolg der Kinogeschichte. Das heißt: mit seinen knapp 16 Minuten in verschiedenen Versionen der erste Film, der von Frankreich bis Amerika gleichermaßen bekannt und gefeiert wurde. Urheber des Films ist der Franzose Georges Méliès, der dieses Werk und viele andere, kürzere, einfachere ähnlicher Art vornehmlich in seinem Theater gezeigt hat, einer Spielstätte für Zauberkunst und sonst wie Verblüffendes.

          Dort legte er also das Fundament für eine kommerzielle Kunstrichtung, in der bis zu den heutigen computergenerierten Blockbuster-Filmen das Reisen ins All eine Angelegenheit der Trickser und Spieler ist - der Jungs, würde feministische Filmbetrachtung sagen, und die Humanverhaltensbiologie müsste ihr sogar zustimmen: Studien darüber, dass Männer sich mehr für Spielzeug, Gimmicks, Gadgets, Maschinen, überhaupt "Sachen" interessieren, Frauen dagegen eher für Menschen, Beziehungen, Teamwork und die von diesen Interessen verlangten Fähigkeiten wie Verhandeln und Multitasking, gibt es inzwischen so viele, dass sie, auf Din-A4 Bögen ausgedruckt, mehrmals von hier bis zum Mond reichen würden.

          Tatsächliche Astronautik, die Wissenschaft von den Expeditionen ins All, stellt drolligerweise nicht nur Anforderungen ans Denken im Dingschema, sondern vor allem ans Teamwork.

          Der Weltraum hinterfragt alles

          Deswegen musste auch das Kino, sobald es von den anrührend kindlichen Phantasien der Ära Méliès zur realistischen Ausgestaltung möglicher Mondreisen fortschritt, weiblichen Stimmen Gehör schenken, Stummfilm hin oder her. In Deutschland drehte Fritz Lang 1929 seinen Klassiker „Frau im Mond“ nach dem gleichnamigen Roman der Autorin und Regisseurin Thea von Harbou, der ein Jahr zuvor erschienen war.

          In diesem Buch gibt es nach einer Bruchlandung auf dem Mond eine eindrucksvolle Szene der Selbsterkenntnis, die ein Technokrat seiner Begleiterin mitteilt, vor einer Kulisse, hinter deren kraftvoll poetischer Darstellung in Prosa durch von Harbou selbst Langs prophetischer Kamerablick zurückbleibt (die Schriftstellerin spricht vom „gelben Himmel“ mit „ockerfarbenen Streifen, die in trübem Purpur ausliefen“). Der Mondfahrer gesteht der Frau, die sprechenderweise „Friede“ heißt, seine Schwächen: „Ich habe nicht deine Nerven, Friede. Ich beneide dich verzweifelt genug darum. Verliere nicht die Geduld! Ich habe mir eingebildet, weiß Gott, meinen Mann zu stehen und habe da unten - da oben auf der Erde, die wir jetzt nicht mehr sehen können, die wir vielleicht nie mehr sehen - manche Dinge getan, die ein anderer zu wagen sich dreimal überlegt und dann doch gelassen hätte. Aber, Friede, ich muss wohl, um ich zu sein, die Erde unter den Füßen haben.“

          „Frau im Mond“ (1929): Fritz Lang drehte den Filmklassiker nach dem gleichnamigen Roman von Thea von Harbou.

          Im letzten Satz dieses Geständnisses spricht der Gestrandete eine Ahnung aus, die seither nicht aufgehört hat, die populären Phantasien über Mond- und Weltraumreisen in Filmen, Romanen, Comics und Computerspielen zu beschäftigen, teils unterschwellig, teils offen: Unsere sozialen Rollen sind auf der Erde entstanden, deshalb stammt unser Selbstverständnis als Menschen (nicht nur als Männer und Frauen, auch als Leute eines bestimmten Alters oder Personen, die bestimmte Sprachen sprechen, bestimmte Berufe ausüben und so fort) aus einem Lebenszusammenhang, den wir verlassen, sobald wir die Erdanziehung überwinden. All unser gewohntes Handeln, unser Selbstbild, unsere Arbeitsteilung müssen wir demnach in Frage stellen, wenn wir der Herausforderung des Weltraums gewachsen sein wollen.

          Stärken vereinen, Schwächen gemeinsam auffangen

          Das bedeutet nicht, dass typische Menscheneigenschaften wie die jugendliche Neugier oder die Lebens- und Berufserfahrung des Alters jenseits der Heimatwelt überflüssig sind. Es bedeutet im Gegenteil, dass wir unsere Stärken deutlicher herausarbeiten und neu zusammensetzen müssen, als wir das gewohnheitsmäßig tun. Das geschieht schon im Film „Kosmische Reise“ (1936), dem letzten in der Sowjetunion produzierten Stummfilm und einem Höhepunkt des Mondkinos überhaupt, inszeniert von Wasili Schurawlow, nach einem Drehbuch von Alexander Filimonow, der bei der Arbeit am Text unter anderen von Konstantin Ziolkowski unterstützt wurde, einem der Pioniere der modernen Raketentechnik.

          Nicht nur die Spezialeffekte (etwa hüpfende Menschen in der niedrigen Mondschwerkraft) sind in diesem Film äußerst fortschrittlich (und haben sich, wie man so sagt, gut gehalten). Noch eindrucksvoller, bis heute, ist die dort gewagte Gegenüberstellung von irdischem und lunarem Szenario, die deutlicher als in allen Filmen zuvor (und den allermeisten danach) klarstellt, dass wir, wenn wir unsere Erde wirklich verlassen wollen, die Verhältnisse ändern müssen, die wir auf ihr untereinander eingerichtet haben und die uns auf ihr festnageln, auf sie niederdrücken, denn: „Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alb auf den Gehirnen der Lebenden“ (Karl Marx)

          Die schlimmste Folge dieses Bleigewichts ist die falsche, nämlich ungeplante und zufällige Sorte Arbeitsteilung, die wir gewohnt sind; die Trennung der menschlichen Arbeit etwa in Kopfarbeit (Wissenschaft und Technik) und körperliche Schufterei (der Kosmonautenjob ist fordernd), in Erwerbsarbeit (angeblich eher was für Männer) und Hausarbeit (angeblich eher was für Frauen) und so weiter.

          Lektion nicht gelernt

          „Kosmische Reise“ zeigt ein Moskau der geplanten Zukunft, in der bereits die Kulisse - eine monumentale Architektur, die aber nicht einschüchtert, sondern allen, auch den Kindern, zugänglich ist - besonders die Jugend ermutigt, falsche Formen der Arbeitsteilung zu überwinden. Was auf der Ebene des Szenenbilds damit angedeutet ist, eine Gesellschaft der allseitigen Zusammenarbeit über alte Zuständigkeits- wie Sittengrenzen hinweg, findet seine Fortsetzung in der Handlung, die für das erste Publikum des Films gewiss überraschend war, aber verblüffenderweise auch heute noch als Abweichung vom Erwartbaren erlebt wird.

          Ein alter Wissenschaftler will die erste Mondreise, die seine Raketentechnik ermöglicht, selbst antreten, obwohl die Konkurrenz an seiner Eignung dafür zweifelt. Hinter seinem Wunsch steckt aber nicht einfach Eitelkeit: Er weiß, dass er, wenn auch gebrechlich, als Mensch mit Kenntnissen in der feindlichen Umwelt draußen gebraucht wird, da Kenntnisse dort unter Umständen wichtiger fürs Überleben sind als Muskelkraft. Ein markiger junger Heldentyp, der mehr oder weniger mit dem Alten zusammenarbeitet, ist zwar der offensichtliche Kandidat für die Missionsleitung, aber dann nimmt die Handlung eine unerwartete Wendung: Ein Jugendlicher, der für Enthusiasmus und Wagemut steht, schafft es, sich Zutritt zum Raumschiff zu verschaffen. Damit sind, weil der Greis ebenfalls aufbricht, zwei menschliche Grundausstattungen auf die Mission geschickt, ohne die so etwas nicht geht: das Wissen und das Wollen.

          Nur reicht das nicht, weiß dieser Film, und deshalb bleibt der nutzlose Kraftmeier, der zunächst aussah wie der Held des Films, auf der Erde zurück, aber eine Frau fliegt mit, weil sie zwischen dem Opa und dem Jungen als praktische Vernunft auftritt: Sie macht ihre Erfahrung damit geltend, sich in einer Welt mit anderen verständigen zu müssen, in der man nichts geschenkt kriegt. (In der Männerdomäne „Wissenschaft und Technik“ ist sie eigentlich genauso wenig vorgesehen wie ein Mensch auf dem Mond.)

          Leider hat die Menschheit die Lektion, dass sie ihre Organisationsformen (zwischen verschiedenen Sorten Arbeit, verschiedenen Lebensaltern, verschiedenen Geschlechtern und so weiter) grundlegend von alten Traditionsformen, die auf Konkurrenz und Kampf um die besten Plätze im Spiel ausgerichtet sind, emanzipieren und in Richtung Kooperativität und allseitige Entfaltung menschlicher Talente weiterentwickeln muss, seit den Tagen von Fritz Lang, Thea von Harbou, Wasili Schurawlow und Alexander Filimonow nicht gelernt - jedenfalls nicht in dem Ausmaß, das nötig gewesen wäre, die kühneren Versionen der Science-Fiction von der Erkundung und Besiedlung des erdnahen Raums zu verwirklichen.

          Alleine hat nichts einen Wert

          In ihrer schönsten Kunst jedoch bringt unsere Gattung immerhin heute die angemessene Trauer über dieses Lernversäumnis zum Ausdruck: Der Regisseur Duncan Jones, Sohn des bekanntlich selbst vom Himmel auf die Erde gefallenen Popkünstlers David Bowie, hat in seinem elegischen, zutiefst humanen Spielfilmdebüt „Moon“ (2009) für unseren Kummer darüber, dass wir einander nicht beim Aufbruch ins Neue helfen, ein tragisches Sinnbild gefunden, das die Raumfahrtinstitutionen als Schulungsmaterial einsetzen sollten.

          Sam Rockwell hockt darin als Rohstoffbeschaffungsarbeiter einsam auf dem bleichen Erdbegleiter und sehnt sich nach dem fernen Zuhaus, nach Frau und Kind, aber auch nach dem, was Leute früher schufen, um dem Himmel näherzukommen: Eine Postkarte von Notre-Dame gehört zu den wichtigsten Erinnerungsstücken an seiner Kojenwand (von heute aus, zehn Jahre nach der Erstaufführung des Films betrachtet, ein prophetisch-unheimlicher Einfall). Der arme Mann auf der grauen kleinen Welt muss schließlich herausfinden, dass seine Arbeit wie seine Existenz von einem Geheimnis überschattet sind, das mit der schlimmsten Spielart der Arbeitsteilung zu tun hat, der Ausbeutung, also der Vernutzung und Misshandlung von Menschen als bloßem Material. Der Mond-Exilant lernt bei Jones, dass der Mensch, wenn er allein auf den Mond reist, diesen Mond eigentlich nie erreicht, denn Menschen sind gesellschaftliche Wesen - auch der disziplinierteste Astronaut braucht, sagen wir, eine Stimme, die ihm irgendwann sagt: „Du weißt, wenn du zu viel am Bildschirm sitzt, ist das schlecht für deine Augen.“

          Am Ende lernt der Held von „Moon“, seine künstlich isolierten entfremdeten Verhältnisse zu überlisten, um zurückzukehren und diejenigen zu entlarven, die den Fortschritt der Sitten, der Gemeinschaft, der Menschlichkeit aufhalten wollen. Auch die Raumfahrt, sagt uns das, ist wie so vieles, das nicht nach Politik aussieht, ein politisches und ethisches Problem. Sie wird es bleiben, solange wir nicht den Mut haben, einander den Weg zu erleichtern, der über uns hinausführt.

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