https://www.faz.net/-hrx-8bxwf

Mid-Century Modern : Der Mad-Men-Effekt

  • -Aktualisiert am

Welch schöner Kontrast: In der Serie „Mad Men“ um Werbeprofi Don Draper war das Rollenbild verstaubt, das Design jedoch wegweisend. Bild: INTERTOPICS/LMKMEDIA Ltd.

Seit der Fernsehserie „Mad Men“ sind Möbel aus der Mitte des 20. Jahrhunderts richtig angesagt. Der große Trend heißt: Zurück in die Zukunft.

          5 Min.

          Mad Men ist Geschichte. Die letzte Staffel der amerikanischen Fernsehserie um den Werber Don Draper ist abgedreht und vor Monaten ausgestrahlt. Kein Schattenriss mit Aktenkoffer mehr, der im Vorspann in bodenlose New Yorker Straßenschluchten fällt, vorbei an Schönheit bejubelnden Werbetafeln. Vorbei auch an sehr vielen Drinks und Zigaretten auf den Büroetagen, an stilsicheren Anzugträgern, Frauen mit Hochsteckfrisuren und Spitztüten-BHs – und auch an Eames-Chairs, Knoll-Sofas und Saarinen-Tischen. Welch schönen Kontrast die Serie ihren Zuschauern bot – die Rollenbilder deutlich verstaubt, das Design wegweisend.

          Das ist es auch, was nach acht Jahren Mad Men und dem in Erinnerung gerufenen Optimismus der Fifties und Sixties in unseren Wohnungen zurückbleibt: die Möbel dieser Zeit, die zum Trend wurden. Auch wenn der Begriff, unter dem sie gefasst sind, in Europa deutlich unbekannter ist als es die Namen der Designer sind. Während fast jeder von Ray und Charles Eames, von Harry Bertoia, Eero Saarinen oder Arne Jacobsen gehört hat, erntet man bei „Mid-Century Modern“ fragende Blicke. Es erstaunt nicht, wenn Händler der Bezeichnung ein erklärendes „die Zeit von Mad Men“ hinzufügen.

          Entwürfe rund um die Fünfziger im Trend

          Doch was war zuerst da? Die Henne oder Jacobsens Egg Chair? Wurde eine Kultserie wie Mad Men nicht gedreht, weil man sich schon zuvor für die Zeit interessierte, wenn auch in einem engeren Kreis? Keiner will behaupten, dass nicht schon ehe die Geschäftsmänner aus der Madison Avenue auf unseren Bildschirmen erschienen, Menschen von Eames’ Aluminium Chair oder Saarinens Tulip Stuhl besessen waren.

          Gubi hat unlängst den Spiegel Randaccio von Carlo Ponti wieder aufgelegt.

          Ein kontinuierlich zunehmendes Interesse an der Zeit beobachtet man tatsächlich schon seit vielen Jahren. Trotzdem lassen sieben Staffeln die Sehgewohnheiten der Zuschauer nicht unberührt – die Möbel bekamen ein Setting und eine Story, wurden greifbar und mehr Menschen vertraut. Auch solchen, die sich nicht unbedingt für Möbeldesign interessieren.

          Dass die Entwürfe rund um die Fifties im Trend liegen, beweist nicht nur der Blick in Wohn- und Lifestyle-Magazine sondern auch ins Programm der Möbelhersteller. Man stellt Klassikerkollektionen mit Mid-Century-Schwerpunkt zusammen. Vergessen geglaubte Modelle kommen wieder in die Produktion. Teils benennen die Unternehmen einen Anlass, wie ein Firmenjubiläum oder den Geburtstag eines Designers aus der Zeit.

          Zu Ehren des Hundertsten von Hans J. Wegner etwa haben sowohl das Unternehmen PP Møbler als auch Carl Hansen & Søn alte Modelle des Dänen neu auf den Markt gebracht – darunter der Stuhl CH 88, der seit 1955 nur als Prototyp existierte und den „Tub Chair“, der dank technischer Fortschritte erst heute in Serie produziert werden kann. Zum Centennial von Harry Bertoia hat Knoll International eine Geburtstagsedition des „Plastic Side Chairs“ herausgebracht.

          „Gefragter denn je“

          Auf der Kölner Möbelmesse im Januar wird das deutsche Unternehmen Walter Knoll den „Easy Chair 375“ von 1957 als Reedition vorstellen, nachdem sie bereits den „Votteler Chair“ von 1956 wieder auflegten. „Die Klassiker aus den späten Vierzigern und Fünfzigern sind gefragter denn je“, sagt der Vorstand Markus Benz. Und zwar so gefragt, dass es sich lohnt, sie im großen Stil zu kopieren. Vor wenigen Wochen erst zerstörte der norwegische Zoll tausend chinesische Repliken eines berühmten Wegner-Stuhls, die ein Restaurant geordert hatte.

          Walter Knoll zeigt in zwei Wochen auf der Kölner Möbelmesse den Sessel „375“ als Reedition.

          Dass die Ära Mid-Century Modern heißt, ist vor allem der amerikanischen Journalistin Cara Greenberg zuzuschreiben. Sie hat 1983 unter diesem Titel das erste Überblickswerk herausgegeben. Um den Zusatz „die Möbel der fünfziger Jahre“ kam sie damals nicht herum, so wenig bekannt war die Bezeichnung. Die Wortwahl hatte ein paar entscheidende Vorteile: Sie knüpft an die Moderne des Bauhauses und Le Corbusiers an. Sie war zeitlich nach allen Seiten offen – man konnte getrost sogar die Dreißiger oder die Siebziger hineinpacken, falls gewünscht.

          Wie hätte man den Stil auch sonst nennen sollen? Nachkriegsdesign? Die Marketingleute in der Mad-Men-Werbeagentur hätten sich die Haare gerauft. Wer würde je schwärmerisch vom eigenen Faible für Nachkriegsdesign sprechen? Auch Nierentisch-Zeitalter ist nicht gerade ein Wort, das Herzen höher schlagen lässt. Dann doch lieber der Anglizismus, den man international übernahm.

          Erstmals konnte man in Massen produzieren

          Inhaltlich ist der vorausgegangene Weltkrieg keinesfalls wegzudenken. Der Optimisumus, die Konsumfreude, die neuen Techniken und Materialien, die Schaffenslust der Designer – all das spiegelt eine Art gesellschaftliches Aufatmen. Mid-Century Modern startete in den Staaten, wo die Wirtschaft am meisten boomte, die Konsumkraft am größten war, entwickelte sich aber bald zur ersten wirklich internationalen Stilrichtung, umfasste auch das nordische, das italienische, französische und deutsche Design. Wegner, Ponti, Prouvé – sie alle zählten dazu.

          Die Disziplinen waren kaum getrennt. Bildhauer wie Bertoia entwarfen Möbel. Genauso Architekten wie Eero Saarinen, George Nelson und Richard Neutra, die ihre neue Art des Bauens gern mit eigenen Entwürfen komplettierten. Modelle konnte man erstmals in Massen produzieren, was nicht als Malus, sondern als Vorteil gesehen wurde.

          Zeitlos: Sunflower Clock von George Nelson

          Cara Greenberg schreibt in ihrem Buch, das Design sei wie gemacht gewesen für junge Familien. „Es war bequem, kindersicher und so dimensioniert, dass es in die kleineren Nachkriegshäuser und -apartments passte.“ Man konnte sie sich leisten, wenn vielleicht auch nicht in jedem Raum. Außerdem habe man nicht zwingend ganze Garnituren kaufen müssen. „Vor allem aber war es stylish.“

          Kreativität, demokratischer Ansatz, Internationalisierung

          Stylisch ist es heute wieder – nur warum? Was haben wir weit nach der Jahrtausendwende mit der letzten Jahrhundertmitte zu schaffen?

          Zugegeben: Die Entwürfe waren großteils sehr gut und zeitlos. Die Kreativität, der demokratische Ansatz und die Internationalisierung dieser Zeit faszinieren bis heute. Vor allem ist da aber etwas, wonach wir uns offenbar sehnen: Optimismus, Leichtigkeit und Lust auf die Zukuft – das scheint ein wenig abhandengekommen in unserer skeptischen und fast verkrampft nachhaltigen Welt. Schnell wird da die Vergangenheit idealisiert.

          Eine andere Erklärung: Der Retrotrend als Reaktion auf unsere technische Welt? Natürlich passt da auch Mid-Century hinein. Die Sehnsucht nach Klassikern, nach Bewährtem. Doch dann könnten es auch Art déco, Biedermeier oder Bauernschränke sein. Warum gerade Möbel aus der Zeit um die fünfziger Jahre, als die Technik doch schon hoch im Kurs stand? Ist es der Wunsch nach einer neuen Eleganz, wie manche vermuten?

          Stilbewusst und wohnlich

          Immerhin war die Ära sowohl stilbewusst als auch wohnlich, die Möbel weder ungemütlich streng noch zu dramatisch, sondern für den Menschen gemacht. Die Formen organisch, die Beine konisch. „Nie zuvor waren Themen wie Image, Identität und Styling so wichtig“, liest man im bei DuMont erschienenen, neuen Mid-Century-Modern-Basiswerk.

          Für Vintage-Stücke aus jenen Jahren werden bereits verrückte Preise bezahlt. Statt nur in Kunst oder in antike Möbel investieren Sammler heute durchaus großzügig in Mid-Century-Modelle. Für einen Kantinentisch von Jean Prouvé zahlte im Oktober ein Bieter 1,29 Millionen Euro, Rekord für einen französischen Designer. Der „Goodyear Table“ von Isamu Noguchi fand vor einem Jahr bei einer Phillips-Auktion für 4,45 Millionen Dollar einen neuen Besitzer.

          In der Serie nie beachtet oder bewundert

          Eigentlich ist Massenproduktion typisch für die Zeit. Doch auf Auktionen werden natürlich Einzelstücke am teuersten gehandelt. Was nicht heißt, dass in Serie Produziertes günstig wäre. Betrachtet man die Ergebnisse der letzten Christie’s-Designauktionen in New York Mitte Dezember, war Liebhabern der „Drop Chair“ von Arne Jacobsen 20.000 Dollar, ein Paar Armlehnstühle von Gio Ponti, Modell 835, 35.000 Dollar und ein Sessel von Wegner sogar 52.500 Dollar wert.

          Allein das eigene Homeoffice so einzurichten wie Don Drapers Büro würde inzwischen ein Vermögen kosten. Wenn es denn, wie auch am Set verwendet, Vintage-Stücke sein sollen. Dafür müsste man noch besser im Geschäft sein als die Werber aus der Madison Avenue, die das Mobiliar in der Serie im Übrigen nie beachtet oder gar bewundert, sondern einfach nur benutzt haben. Etwas Besonderes ist es ja nur aus unserer Sicht.

          Weitere Themen

          An die Leine gelegt

          Kolumne Modeerscheinung : An die Leine gelegt

          Die Handykordel hat den Anfang gemacht, aber auch andere Accessoires kann man um den Hals binden. Auch für die Corona-Stoffmaske kann das praktisch sein.

          Topmeldungen

          Donald und Melania Trump am Unabhängigkeitstag in Washington

          Am Unabhängigkeitstag : Trump sammelt die Getreuen

          Donald Trump setzt weiter auf rassistische Appelle und einen Kulturkampf um das Coronavirus. Auch am Nationalfeiertag wollte er vor allem diejenigen aufstacheln, die ihm ohnehin treu ergeben sind.
          „Diese Krise wird wirtschaftliche Bremsspuren hinterlassen, die viele noch spüren werden“, sagt DFL-Chef Christian Seifert.

          Mut in der Corona-Krise : „Worauf sollen wir denn warten?“

          Nico Hofmann ist Filmproduzent, Christian Seifert Fußballmanager. Im Interview sprechen sie über die energetische Wirkung von Zuschauern, mutiges Vorangehen in der Corona-Krise und die gemeinsame Anstrengung, das Land am Laufen zu halten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.