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Wohnen in Köln : Kalk – steh auf!

Verkommen oder schick? In welche Richtung der Trend im Stadtteil geht, ist noch nicht ausgemacht. Bild: Edgar Schoepal

Die rechte Rheinseite ist in Köln verrufen. Ganz besonders der Stadtteil Kalk. Genau das finden auf einmal viele anziehend. Auch für Studenten wird der Stadtteil immer interessanter.

          Na klar, hier arbeiten Kreative. Im Eingang des „Büros für Brauchbarkeit“ parken selbstbemalte Fahrräder. Links neben der Tür gibt es eine Ausstellung alter Kassettenrekorder auf einer Turnhallenbank. Schlauchförmig schließt sich dann der Co-Working-Space an, in dem Grafiker, Designer und Programmierer zusammenarbeiten. Unter hohen Altbaudecken tippen sie in ihre Apple-Computer. Alles ist aufgeräumt, klare Formen, viel weiß. „Früher war das hier eine Kölsch-Kneipe und der Konferenzraum hinten eine Kegelbahn“, erklärt die Inhaberin Martina Höfflin. Und wäre das Detail mit dem Kölsch nicht - das Büro würde wirken, als habe man es aus Berlin-Prenzlauer-Berg entführt und hier in Köln-Kalk wieder aufgebaut.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Ein paar hundert Meter weiter ums Eck sitzt in einer Ecke vor dem Bezirksrathaus ein Grüppchen Männer mit fleckigen Jacken und fettigen Haaren. Es ist neun Uhr morgens, doch die Bierflaschen in ihren Händen sind schon fast leergetrunken. Zwei Frauen mit Kopftüchern und bunten Röcken wühlen einen Mülleimer durch. Autos hupen, weil ein Kleinlaster quer vor dem türkischen Supermarkt die halbe Straße blockiert. Ein Mann mit Schubkarre entlädt Granatäpfel und krumme Gurken.

          Martina Höfflin in ihrem „Büro für Brauchbarkeit“.

          „Warum wir ausgerechnet hier sind?“ Martina Höfflin macht eine Geste in Richtung Fenster. „Weil Kalk der spannendste Stadtteil Kölns ist: authentisch, ehrlich, multikulti.“ Höfflin wohnt und arbeitet hier seit 13 Jahren. Ihre Freunde aus dem Linksrheinischen tuscheln zuweilen, es sei verantwortungslos, ihre 5 und 10 Jahre alten Kinder in Kalk aufwachsen lassen. 60 Prozent der Menschen im Stadtteil haben einen Migrationshintergrund, ein Viertel bezieht Hartz IV. Martina Höfflin bringt das nicht davon ab, die Atmosphäre rund um ihr Büro zu lieben. Neben dem Co-Working-Space gehört auch noch ein Kunstausstellungsraum am anderen Ende des Viertels zum Konzept. Hier zeigen Höfflin und ihre Kollegen zeitgenössische Werke junger Künstler. Das Highlight in diesem Jahr: „Loop“ von Julius Brauckmann, eine Installation, die den Ausstellungsraum in einen Pool mit Sprungbrett verwandelte. „Da standen zeitweise Menschentrauben um das Schaufenster, die Kinder vom marokkanischen Gemüseladen, türkische und italienische Familien, der Kioskbesitzer, kölsche Omis mit Rollator: Und alle haben darüber diskutiert, ob da wohl echtes Wasser drin ist“, erzählt Höfflin. „So viel Aufmerksamkeit hätten wir in Ehrenfeld wahrscheinlich nicht bekommen!“

          Alles Schlechte auf der Welt kommt aus Nippes, Kalk und Ehrenfeld, so heißt ein altes Kölner Sprichwort über die eher verrufenen Quartiere der Stadt. Alle drei sind ehemalige Arbeiterviertel. Doch während sich Nippes und Ehrenfeld schon seit geraumer Zeit zu In-Stadtteilen gemausert haben, tut sich in Kalk wenig. Das liegt nicht zuletzt an der Tatsache, dass es auf der als weniger „cool“ gehandelten rechten Rheinseite liegt. Die „Schäl Sick“, also die scheele, „falsche“ Seite gewinnt erst langsam an Attraktivität, seit die Mieten und Immobilienpreise im Linksrheinischen steil nach oben gegangen sind.

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