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Hobby-Imker : Hoffen, dass der Hype nachlässt

Bild: Nicole Gomes Rodrigues

Überall wird über den Rückgang von Insektenarten geredet – auch deswegen entdecken idealistische Stadtbewohner ihre Leidenschaft für die Imkerei. Dem Wildbienenbestand helfen die Neu-Imker aber nicht.

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          Der Himmel ist grau und es riecht nach Gewitter, als sieben Gestalten mit großen weißen Hüten durch die Gärten laufen. Nach und nach versammeln sich alle um einen der braunen Kästen. „Wonach wollen wir gucken?“, fragt Lotte Jüling-Pohlit in die Runde. Auf dem Lehrbienenstand des Frankfurter Imkervereins soll an diesem Tag eine Gruppe Neu-Imker in Sachen Bienenpflege unterrichtet werden. Alle drängen sich neugierig um den Bienenkasten und lauschen aufmerksam den Erklärungen der Imkerin.

          Als wüssten sie schon, was gleich passiert, schwirren bereits unzählige Bienen vor ihrer Behausung hin und her. Mit ihren großen, honigbefleckten Handschuhen hebt Jüling-Pohlit den Metalldeckel vom Kasten, entfernt eine weitere Platte und noch eine Folie. Sofort wird das Summen eindringlicher. Eine der Schülerinnen hält eine silberne Kanne mit einem kleinen Blasebalg an den Kasten und pustet Rauch hinein. Der Rauch aus dem sogenannten Smoker beruhigt die Bienen und führt dazu, dass sie sich auf die Waben setzen. „Ich finde es toll, dass ich schon selbst an die Bienen darf. Ich habe zwar keine Berührungsängste, aber großen Respekt “, sagt Susanna Thorner. Die junge Frau freut sich auf die eigenen Bienen, die sie zusammen mit Freunden in einem Kleingarten in Bockenheim versorgen will. So denken viele junge Menschen, die etwas Gutes für die Umwelt tun möchten und sich Bienen anschaffen.

          Die Imker-Lehrlinge kontrollieren emsig die Bienenkästen und dokumentieren den Zustand der Waben

          Honigbienen ersetzen keine Wildbienen

          Wie groß der Einfluss der Stadtimkerei auf den Wildbienen-Bestand ist, wissen viele allerdings nicht: Es gibt ihn nicht. „Viele glauben, sie helfen Bienen, wenn sie sich ein Bienenvolk auf den Balkon stellen“, sagt Petra Friedrich vom Deutschen Imkerbund. Diese Form von Aktionismus gehe jedoch am Problem vorbei, da nicht so sehr die Honigbiene von den menschlichen Eingriffen in die Natur bedroht ist, sondern die Wildbiene. „Die Honigbiene hat einen Betreuer, der steht hinter der Kiste. Wildbienen dagegen sind Einzelkämpfer“, sagt auch Manfred Ritz vom Landesverband Hessischer Imker.

          In Deutschland leben etwa 570 Wildbienenarten, zu ihnen gehören auch die Hummeln. Die meisten Wildbienen leben allein oder in kleinen Gruppen. Das Weibchen baut und versorgt das Nest aus bis zu 30 Brutwaben allein. Im Gegensatz zur Honigbiene ist die Wildbiene bedeutend weniger anpassungsfähig an eine Veränderung des Nahrungsangebots. Wildbienen haben sich auf bestimmte Wirtspflanzen eingestellt, die in einem Radius von 200 bis 300 Metern erreichbar sein müssen. Fehlen diese Pflanzen, geht auch die Population der Wildbienen zurück.

          Der Smoker ist das wichtigste Hilfsmittel im Umgang mit Bienen. Der Rauch beruhigt die Tiere während der Arbeit am Bienenkasten

          Durch die intensivere Landwirtschaft gingen in den letzten Jahren zudem viele strukturreiche Lebensräume, wie alte Hecken und Totholzhaufen, verloren. Und damit das Habitat der Wildbienen. Auch Städte sind häufig wenig einladend. Je gravierender die Flächenversiegelung durch den Wohnungsbau ist, umso seltener finden Wildbienen ein Zuhause in der Stadt. Frankfurt bietet mit seinen zahlreichen Kleingartenanlagen und Parks bisher noch ausreichend Zufluchtsorte. Hier sind die Bienen auch vor Pestiziden und Düngemitteln geschützt, wie sie die Landwirtschaft einsetzt. Die knapp 1500 Hektar städtische Grünflächen werden bereits seit 1990 nicht mehr mit Pestiziden behandelt.

          Auch an ungewöhnlichen Orten in der Stadt fliegen Bienen. Wer hätte erwartet, dass auf dem Museum für moderne Kunst Bienenkörbe stehen? Oder auf dem Allianz-Gebäude? Diese Haltungsform sieht die erfahrene Imkerin Lotte Jüling-Pohlit allerdings kritisch: „Ich bin kein großer Freund davon. Dort ist immer Wind. Und wenn eine Biene etwas nicht mag, ist es Wind.“ Ihrer Meinung nach bietet Frankfurt ausreichend Grünflächen, damit jeder Imker einen geeigneten Standort für seine Bienen findet. Genug Platz für alle 250 Vereinsimker. Und in Zukunft? Da werden es wohl noch mehr. „Bienen sind in der Bevölkerung Sympathieträger. Das ist einfach so“, sagt Lotte Jüling-Pohlit.

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