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Neue Sessel im Kanzleramt : Nüchtern wie die Kanzlerin

  • -Aktualisiert am

Schön schlicht: Sessel 620 von Vitsœ Bild: Hersteller

Frischzellenkur im Zentrum der Macht: Das Berliner Kanzleramt hat nach fast 40 Jahren die altgedienten Sessel von Dieter Rams ersetzt.

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          Es ging ein Ruck durchs Kanzleramt. Nur ein ganz kleiner. Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit wurden vor einigen Wochen die Möbel ausgetauscht. Es waren nur gut ein Dutzend, aber es sind die Aushängeschilder deutschen Designs: die Sessel der Serie 620 von Dieter Rams, die Hersteller Vitsœ im Jahr 1962 vorstellte. Ein Klassiker der Nachkriegsmoderne. Seit 1970 gehören sie der ständigen Sammlung des Victoria and Albert Museum in London an, 1976 zogen sie ins neu errichtete Bonner Bundeskanzleramt. Jeder Sessel ein schnörkelloser Thron aus Anilinleder, der an der Seite und am Rücken mit einer Kunststoffschale aus Polyester umschlossen ist.

          Der 620er ist eines der bekanntesten Systemmöbel: Der Sessel kann, ohne die Seitenlehnen, mit anderen Artgenossen zu einem Sofa zusammengeschraubt werden. Dieter Rams’ Entwürfe überlebten auch den Umzug nach Berlin vor 14 Jahren. Dem Vernehmen nach habe Schröder persönlich dafür gesorgt, sie mitzunehmen, um den Besuchern deutsches Design nahezubringen. Vielleicht war es ihm aber auch herzlich egal, man weiß es nicht. Jetzt stehen sie also da und geben jedem Halt, der sich vor ehrerbietiger Erschöpfung vor der Kanzler-Galerie niederlassen muss, und auch ganz oben in der äußerst kargen „Skylobby“ sind sie präsent. In ihren 39 Jahren haben sie reichlich Patina angesetzt, es war Zeit für einen Wechsel. Sie wurden erneuert.

          Ein Glücksfall, denn erst seit zwei Jahren wird der Sessel wieder produziert, auf den gleichen Maschinen wie damals. Nur das Material ist etwas anders - über der Sprungfederkonstruktion steckt jetzt eine Matte aus Kokosfaser. Die zurückhaltende Form blieb erhalten. „Design zu verwenden, um zu beeindrucken, um Dinge aufzupolieren, sie schick zu machen, ist nicht Design. Es ist Verpackung“, sagt Dieter Rams. Die Reduktion aufs Wesentliche ist sein Markenzeichen. Dafür wurde er lange „Aufräumer der Nation“ genannt. Seine Sessel stehen wohl noch für weitere 40 Jahre im Kanzleramt, dem Amtssitz der Aufräumerin Europas.

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