https://www.faz.net/-hrx-7pi19

„Chelsea Flower Show“ : Trooping the Colours

Aurikel-Parade: Ein Aussteller betrachtet am Montag prüfend seinen Stand, einen von Hunderten auf der 101. Chelsea Flower Show Bild: Getty Images

In London öffnet die alljährliche „Chelsea Flower Show“. Warum sind die Briten nur so gartenverrückt? Allein im Großraum London gibt es fast vier Millionen private Gärten.

          5 Min.

          Friedrich Engels, der vor allem die britische Arbeiterklasse studierte, war mäßig beeindruckt von deren Weitblick. „Dafür aber waren sie auch geistig tot, lebten nur für ihre kleinlichen Privatinteressen, für ihren Webstuhl und ihr Gärtchen und wussten nichts von der gewaltigen Bewegung, die draußen durch die Menschheit ging“, erinnerte er sich 1845. Die industrielle Revolution politisierte irgendwann auch die Arbeiter im Vereinigten Königreich, aber an ihren Gärten hielten sie fest. Glaubt man den Briten, gibt es kein Land der Welt, in dem das Gärtnern, klassenübergreifend, eine größere Rolle spielt.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Als sie vor einiger Zeit gefragt wurden, wer von ihnen in den zurückliegenden vier Wochen im Garten gearbeitet hat, hoben stolze 60 Prozent den Daumen. Allein im Großraum London zählen Statistiker fast vier Millionen private Gärten, auch wenn viele nur Badezimmergröße haben. Für die verbreitete Leidenschaft gibt es profane Gründe, etwa die geringe Anzahl von Etagenwohnungen und die hohe Anzahl von Hauseigentümern. Aber das Verhältnis zwischen den Briten und ihren Gärten berührt tiefere Schichten. „Das Gärtnern ist Teil des Britischseins“, sagt Sue Biggs, die als Generaldirektorin der „Royal Horticulture Society“ (RHS) in dieser Woche die 101. „Chelsea Flower Show“ eröffnet.

          Tickets für 600 Euro

          Schon Tage vor dem offiziellen Beginn montierte die RHS ein Schild am Eingang, das einem die Bedeutung der Veranstaltung vor Augen führt: „Sold out“ – darunter werden die Enttäuschten gebeten, keine Karten auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, sondern auf ordentlich zurückgegebene Karten zu hoffen. Als der Verkauf begann, dauerte es nur wenige Stunden, bis die Tickets vom Markt verschwunden waren – und kurz darauf von Halsabschneidern zum zehnfachen Preis (bis zu 600 Euro) im Internet angeboten wurden.

          Viel zu viele Blumenfreunde wollen „die wichtigste Gartenshow der Welt“ (Biggs) besuchen. Doch die meisten müssen sich, wie jedes Jahr, in den Sondersendungen des Fernsehens und auf den Extraseiten der Zeitungen ein Bild über die neuesten Trends im Garten machen. Sichere Plätze hat nur die Kaste der Prominenten – und natürlich die Königin, die traditionell am ersten Tag vorbeischaut.

          Sichere Plätze auf der Gartenshow haben nur die Queen und einige Prominente: Schauspieler Benedict Cumberbatch auf der „Chelsea Flower Show“ Bilderstrecke
          Sichere Plätze auf der Gartenshow haben nur die Queen und einige Prominente: Schauspieler Benedict Cumberbatch auf der „Chelsea Flower Show“ :

          Das Gelände vor dem „Royal Hospital Chelsea“ bietet ein pittoreskes Bild. Das liegt nicht nur an den kunstvoll angelegten Schau-Gärten und der Blütenpracht im „Großen Pavillon“, wo Blumen in Wagenrädern, auf Tribünen und zu Figuren geformt ausgestellt sind. Zum traditionellen Ensemble gehören auch die vielen älteren Herren in ihren mit Orden behängten purpurroten Mänteln, die an den Rabatten vorbeischleichen oder Rollatoren vor sich her schieben. Es sind Kriegsveteranen, die als Dauerbewohner des Royal Hospitals über ein angestammtes Platzrecht verfügen.

          Dem unkundigen Besucher geht es wie dem Musiklaien, der sich auf ein Jazz-Festival verirrt hat. Er taucht in eine Welt ein, deren Vielfalt ihm verborgen bleibt. Sind nicht überall die gleichen Blumen, Gestecke, Rasen, Büsche und Bäume zu sehen? Um zu ermessen, wie unterschiedlich die Gärten in Wahrheit sind und wie viel gestalterische Phantasie in sie geflossen ist, muss man einem Mann wie Luciano Giubbilei zuhören, der zu den vielen angeheuerten Stardesignern gehört. „Wenn wir einen Garten anlegen, kreieren wir eine Idee von Verführung, die mit Licht und Schatten spielt, mit Materialien, Pflanzen und Strukturen“, erklärt er.

          Die Schau gibt sich wagemutig

          Der Garten des Italieners gehört zu den Anwärtern auf eine der begehrten Goldmedaillen. Immer wieder springt er hinter die Kordel und fischt Blätter oder Blüten aus seiner kleinen Wasseranlage. Perfektion und Extraklasse sind gefragt, und weil die nur mit großen Architekten zu haben sind, die nur mit noch größerem Geld zu haben sind, steht hinter jedem Garten ein Geldgeber. Ob kanadische Bank oder französisches Champagnerhaus, britischer Zeitungsverlag oder italienischer Modehersteller – die unterschiedlichsten Unternehmen erwarten einen Imagegewinn, wenn ihr Name mit der erdigsten aller Freuden in Verbindung steht.

          Giubbilei versteht selbst nicht viel von Blumen, das gibt er zu. Er arbeitet deshalb mit einem Fachmann des bekannten Dixter-Gartens zusammen, der die Pflanzen zusammengestellt hat (vor allem Lupinen und Iris), und mit der amerikanischen Bildhauerin Ursula von Rydingsvard, deren Skulpturen so entworfen wurden, dass sie dem zentralen Amalanbaum seine Wirkung lassen. Giubbileis Kunst ist das Arrangement, das in diesem Jahr schon deshalb an einen japanischen Zen-Garten erinnert, weil er sein Werk mit Begriffen wie „Kontemplation“ und „Mut zu neuen Aufbrüchen“ überhöht.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Paul Ziemiak, Tilman Kuban und Hendrik Wüst beim „Deutschlandtag“ der Jungen Union am 16. Oktober in Münster

          Imagewandel der Jungen Union : Konservative in Sneakern

          Die Junge Union ist auf der Suche nach einer neuen Außendarstellung. Manche ihrer Mitglieder wollen die Rhetorik abrüsten und den Kleidungsstil ändern. Aber wofür stehen die Jungkonservativen?
          Joshua Kimmich wollte sich bislang noch nicht impfen lassen.

          Corona-Impfung im Profifußball : Kimmich und der Preis der Freiheit

          Joshua Kimmich wollte sich bisher nicht gegen Corona impfen lassen. Für Kritik daran gibt es gute Gründe. Und der Imageschaden für Kimmich wird deutlich größer sein als jeder mögliche Impfschaden, der ihm droht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.