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Kohls Chauffeur : Der getreue Eckhard

Eckhard Seeber fuhr Kanzler Kohl jahrzehntelang. Bild: Wolfgang Eilmes

Jahrzehntelang fuhr Ecki Seeber Helmut Kohl - es ist sein Lebensthema. Dann stieg der Altkanzler aus. Seeber fährt weiter.

          6 Min.

          Eckhard Seeber, jahrzehntelang Chauffeur von Helmut Kohl, wohnt mit seiner Frau etwa einen Kilometer Luftlinie vom Haus des Altkanzlers im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim entfernt. Aber Eckhard Seeber sagt nicht: einen Kilometer. Sondern: „Fünf Minuten Fahrt mit dem Auto.“ Die Strecke ist er früher tausendfach gefahren. „Nach drüben.“ Diesen Begriff verwenden die Seebers, wenn sie über das Anwesen der Kohls sprechen. „Drüben“ - das klingt zugleich ganz nah und sehr weit weg. Und genau so ist es.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Wir haben uns eigentlich verabredet, um allgemein über den Beruf des Chauffeurs zu sprechen. In den Vorgesprächen hatte Seeber angedeutet, dass er nicht noch einmal in den alten Erinnerungen an seinen einstigen Chef wühlen wolle. „Das hat alles schon mal in den Zeitungen gestanden.“ Im Haus der Seebers wird aber schnell klar, dass es für beide Seiten künstlich wäre, übers Autofahren zu reden und über den Kanzler zu schweigen. Denn Kohl ist nun einmal Seebers Lebensthema.

          „Das Beste am Kanzler ist Ecki, Wetten dass!“

          Allein der Keller birgt so viele Erinnerungsstücke an die gemeinsame Zeit, dass man dereinst ein Museum daraus machen könnte: die Trikolore, die François Mitterands Limousine bei dessen letztem Deutschland-Besuch schmückte; Autokennzeichen aus der ganzen Welt; ein Blechschild mit der Aufschrift „Früher hatten wir den Kohl, jetzt haben wir den Salat.“ Auch der Aufgang zum Wohnzimmer ist getäfelt mit Erinnerungen: „Ecki“, wie Kohl ihn nannte, auf einem Foto mit Papst Johannes Paul II., neben Boris Jelzin, zwischen George W. Bush und Kohl. Außerdem eine Widmung von Thomas Gottschalk: „Das Beste am Kanzler ist Ecki, Wetten dass!“

          Im Jahr 1962 sind sie sich zum ersten Mal begegnet. Eckhard Seeber hatte zuvor, bei den Fallschirmjägern der Bundeswehr, erste Erfahrungen gesammelt als professioneller Fahrer: Er chauffierte den Kommandeur. Über einen Kameraden beim Militär kam der Kontakt zu Wigand Freiherr von Salmuth zustande, dem Chef der in Ludwigshafen ansässigen Chemie-Firma Giulini. Seeber wurde sein Fahrer und Butler. So kam der gebürtige Thüringer, der in Bayern aufgewachsen ist, überhaupt in die Pfalz. Eines Abends gab der Freiherr ein Essen. Kohl, seinerzeit stellvertretender Vorsitzender der CDU-Landtagsfraktion in Mainz, war auch eingeladen. Als Seeber ihn nach Hause fuhr, fragte ihn der Politiker, ob er ihm nicht einen Fahrer empfehlen könne, er suche einen.

          „1000 Kilometer am Tag - noch immer kein Problem“

          Seeber ist kein Mann gedrechselter Worte. Auf die Frage, wie er Kohl damals erlebt habe, sagt er: „Ganz normal.“ Eine Woche später bot er sich selbst als Fahrer an, mit Erfolg. Er blieb zwar noch in Diensten des Freiherrn, der aber akzeptierte, dass Seeber einen zusehends größeren Teil seiner Arbeitszeit für den aufstrebenden Politiker aufwendete. 1969 wurde Kohl Ministerpräsident und erwarb damit das Recht auf einen eigenen Fahrer. Von nun an waren die beiden auch offiziell ein Team, bis ins Jahr 2008, also fast vier Jahrzehnte lang.

          Seeber hat, wie er selbst sagt, keine Hobbys. Nicht einmal Fußball. Wenn ihn Kohl samstags nach den Bundesliga-Ergebnissen fragte, musste er meistens passen. Klar, Seeber sammelt alles mögliche. Das meiste davon hat aber irgendwie mit seiner einzigen großen Leidenschaft zu tun: dem Autofahren. 1000 Kilometer am Tag seien noch immer kein Problem, sagt der Siebenundsiebzigjährige. Und Rückengymnastik habe er noch nicht ein Mal im Leben machen müssen. Wenn er genügend Geld hätte, würde er sich einen Audi A6 Allrad zulegen, „mit allen Schikanen“. Tatsächlich fährt er einen kleinen BMW.

          Kohl saß immer vorn im Auto

          Aber die großen Autos hatte er ja bereits. Beim Freiherrn einen schwarzen Mercedes 190 mit Nappalederbezug. Bei Kohl einen Mercedes 220 mit Autotelefon. Später, als der Chef bereits Kanzler war, einen Mercedes 500, den Seeber bei sich zu Hause parkte. Wegen der Panzerung war der Wagen aber so schwer, etwa vier Tonnen, dass es der Boden der Fertiggarage irgendwann nicht mehr mitmachte. Den fälligen Neubau übernahm das Kanzleramt. Das war nur recht und billig, schließlich verlangten die Seebers von der Bundesrepublik Deutschland keine Garagenmiete.

          Viele Begegnungen und fünf Millionen Kilometer: Eckhard Seeber bewahrt in seinem Haus in Oggersheim die Erinnerungen an schöne Jahre auf.

          Das Vergnügen des Fahrens wurde durch den Fahrgast potenziert. Die meisten Spitzenpolitiker sitzen im Fond des Autos, da können sie arbeiten oder sich mit einem Referenten besprechen. Kohl saß immer vorne. Das hatte vor allem mit seiner Körpergröße zu tun. Vorne hat man mehr Beinfreiheit, vorne fällt das Einsteigen leichter. Vorne hat der Politiker aber auch engeren Kontakt zum Chauffeur. Die Rollenverteilung war dabei klar: „Ich fahre, Sie machen die Politik“, hat Seeber zu Kohl gesagt.

          Was auf Seebers Visitenkarte stand

          Manchmal schoben sich die Lebenswelten aber auch ineinander. Zum Beispiel, wenn sie in Eile waren. „Dann fuhr er selber“, sagt Seeber und meint damit, dass Kohl auf der Beifahrerseite seinen Fuß gegen ein imaginäres Gaspedal drückte. Ein tatsächlicher Rollenwechsel wäre keine gute Idee gewesen. Zum einen, weil sich Seeber, wie er freimütig zugibt, für Politik kaum interessiert. Zum anderen, weil Kohls Fahrkünste über die Jahre verkümmert sind - das Schicksal teilt er mit vielen Spitzenpolitikern. Seeber erinnert sich noch daran, wie Kohls Versuch, mit dem eigenen Wagen rückwärts von seinem Grundstück zu fahren, misslang, das heißt: im Auto des Nachbarn endete.

          Eckhard Seeber war aber mehr als bloß Kohls Fahrer. „Persönlicher Betreuer des Kanzlers“ stand auf seiner Visitenkarte. Dazu gehörte, dass er Kohl auf Reisen morgens weckte - ohne Wecker, nach Bauchgefühl - und ihm die zum jeweiligen Protokoll passende Garderobe hinlegte. Dass Seebers Daseinsnotwendigkeit weder an den Dienstwagen noch an ein politisches Amt seines Chefs gebunden war, zeigte sich zum Beispiel 2004, als die beiden ohne Auto zur Ayurveda-Kur in Sri Lanka waren und dort gerade so dem Tsunami entkamen.

          Seebers Frau wurde Haushälterin bei den Kohls

          Seeber ist ein diskreter Mensch. Nie hätte er versucht, die Kompetenzen, die sich aus seiner Funktion ergaben, eigenmächtig zu erweitern. Es war Kohl, der das forcierte, wenn nicht sogar verlangte. Der Kanzler nahm Seeber überall hin mit, obwohl dieser so gut wie kein Englisch sprach und sich keine große Mühe gibt, den Mann von Welt zu spielen. So kam er in der Sauna neben Jelzin zu sitzen, so gelangte er im Weißen Haus in die Privatgemächer von Bill Clinton, der den deutschen Gästen Eiscreme servierte und auch sonst ganz unprätentiös gewesen sein muss.

          Seebers Frau Hilde, mit der er drei Kinder hat, war in all der Zeit zu Hause. Aber die heute Sechsundsiebzigjährige hatte eine Schicksalsgenossin: Hannelore Kohl, die Ehefrau des Bundeskanzlers. Sie war den Seebers Ende der siebziger Jahre bei ihrem Hauskauf behilflich gewesen, indem sie, wie Hilde Seeber sagt, „darauf achtete, dass der Bankkredit Hand und Fuß“ hat. Etwa zu der Zeit wurde bei den Kohls auch die Stelle der Haushälterin frei. Eckhard Seeber schlug vor, seine Frau könne das übergangsweise machen. Dass daraus gut 30 Jahre wurden, hatte nicht zuletzt mit Hannelore Kohl zu tun. Hilde Seeber hat für sie nur gute Worte übrig. Auch in dieser Beziehung herrschte Klarheit darüber, wer Chef und wer Angestellter ist. Aber Hannelore Kohl gehörte nicht zu der Sorte Mensch, die das ständig dokumentieren muss. Sie suchte auch den privaten Kontakt. So unternahmen die beiden Frauen aus Anlass von Hilde Seebers fünfzigstem Geburtstag und auf Einladung von Hannelore Kohl eine mehrtägige Reise nach Paris.

          Der jähe Abschied von Kohl

          2001 war es Hilde Seeber, die Hannelore Kohl tot in ihrem Bett fand. Die Frau des Kanzlers, die schwer unter ihrer Lichtallergie litt, hatte sich das Leben genommen. Sieben Jahre später, 2008, war es Eckhard Seeber, der Helmut Kohl nach seinem schweren Sturz ins Krankenhaus fuhr. Es war die letzte gemeinsame Fahrt.

          Seeber zeigt uns ein Foto aus dem Jahr 2005. Der Altkanzler, noch vital, habe ihm bei der Gelegenheit gesagt: Selbst wenn das Kanzleramt irgendwann einmal sagen werde, jetzt sei es vorbei mit der Bezahlung eines eigenen Fahrers, dann werde er seinen „Ecki“ eben privat finanzieren. Drei Jahre später, als Kohl sich in der Reha von seinem Sturz erholte, verlangte seine heutige Ehefrau die Autoschlüssel von Seeber. Seine Dienste würden nun nicht mehr benötigt. Zum jähen Abschied von seiner Lebensaufgabe empfing Bundeskanzlerin Angela Merkel ihn und seine Frau eine halbe Stunde zum Kaffee im Kanzleramt. Das fanden die Eheleute Seeber sehr nett. Aber ein Trost war es nicht.

          Die letzte Begegnung mit Helmut Kohl

          Eckhard Seeber ist ein anständiger Mann. Manch anderer, der so viele berühmte Leute trifft, so viele Geheimnisse kennt, führt Tagebuch und schreibt irgendwann ein Enthüllungsbuch, wenigstens seine Memoiren. Seeber hat das nicht getan. Als er sich 2012 in der Zeitschrift „Bunte“ darüber beklagte, dass man ihn nicht mehr zu Helmut Kohl lasse, wollte er keinen Skandal provozieren, obwohl er unmissverständlich klar machte, in wem er den Verantwortlichen oder besser: die Verantwortliche für seinen Schmerz und die Entfremdung von seinem so hoch geschätzten früheren Chef sah. Er hoffte vielmehr auf eine Reaktion von „drüben“. Aber die blieb aus.

          Die Seebers zeigen uns noch ein weiteres Foto, es stammt aus dem Jahr 2010, vom Empfang der Stadt Ludwigshafen und des Landes Rheinland-Pfalz zum 80. Geburtstag des Altkanzlers. Die Einladung dazu kam nicht von „drüben“, sondern von der Oberbürgermeisterin. Das Foto zeigt Hilde und Eckhard Seeber, wie sie dem im Rollstuhl sitzenden alten Mann die Hand reichen. Er lächelt, angestrengt zwar, aber doch. Das war die letzte Begegnung. Die Seebers haben sich mittlerweile damit abgefunden, dass es dabei vermutlich bleiben wird. Geholfen hat ihnen, dass „Ecki“ wieder als Chauffeur arbeitet - für den Enkel des Freiherrn.

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