https://www.faz.net/-hrx-8kepl

Kohls Chauffeur : Der getreue Eckhard

Seeber hat, wie er selbst sagt, keine Hobbys. Nicht einmal Fußball. Wenn ihn Kohl samstags nach den Bundesliga-Ergebnissen fragte, musste er meistens passen. Klar, Seeber sammelt alles mögliche. Das meiste davon hat aber irgendwie mit seiner einzigen großen Leidenschaft zu tun: dem Autofahren. 1000 Kilometer am Tag seien noch immer kein Problem, sagt der Siebenundsiebzigjährige. Und Rückengymnastik habe er noch nicht ein Mal im Leben machen müssen. Wenn er genügend Geld hätte, würde er sich einen Audi A6 Allrad zulegen, „mit allen Schikanen“. Tatsächlich fährt er einen kleinen BMW.

Kohl saß immer vorn im Auto

Aber die großen Autos hatte er ja bereits. Beim Freiherrn einen schwarzen Mercedes 190 mit Nappalederbezug. Bei Kohl einen Mercedes 220 mit Autotelefon. Später, als der Chef bereits Kanzler war, einen Mercedes 500, den Seeber bei sich zu Hause parkte. Wegen der Panzerung war der Wagen aber so schwer, etwa vier Tonnen, dass es der Boden der Fertiggarage irgendwann nicht mehr mitmachte. Den fälligen Neubau übernahm das Kanzleramt. Das war nur recht und billig, schließlich verlangten die Seebers von der Bundesrepublik Deutschland keine Garagenmiete.

Viele Begegnungen und fünf Millionen Kilometer: Eckhard Seeber bewahrt in seinem Haus in Oggersheim die Erinnerungen an schöne Jahre auf.

Das Vergnügen des Fahrens wurde durch den Fahrgast potenziert. Die meisten Spitzenpolitiker sitzen im Fond des Autos, da können sie arbeiten oder sich mit einem Referenten besprechen. Kohl saß immer vorne. Das hatte vor allem mit seiner Körpergröße zu tun. Vorne hat man mehr Beinfreiheit, vorne fällt das Einsteigen leichter. Vorne hat der Politiker aber auch engeren Kontakt zum Chauffeur. Die Rollenverteilung war dabei klar: „Ich fahre, Sie machen die Politik“, hat Seeber zu Kohl gesagt.

Was auf Seebers Visitenkarte stand

Manchmal schoben sich die Lebenswelten aber auch ineinander. Zum Beispiel, wenn sie in Eile waren. „Dann fuhr er selber“, sagt Seeber und meint damit, dass Kohl auf der Beifahrerseite seinen Fuß gegen ein imaginäres Gaspedal drückte. Ein tatsächlicher Rollenwechsel wäre keine gute Idee gewesen. Zum einen, weil sich Seeber, wie er freimütig zugibt, für Politik kaum interessiert. Zum anderen, weil Kohls Fahrkünste über die Jahre verkümmert sind - das Schicksal teilt er mit vielen Spitzenpolitikern. Seeber erinnert sich noch daran, wie Kohls Versuch, mit dem eigenen Wagen rückwärts von seinem Grundstück zu fahren, misslang, das heißt: im Auto des Nachbarn endete.

Eckhard Seeber war aber mehr als bloß Kohls Fahrer. „Persönlicher Betreuer des Kanzlers“ stand auf seiner Visitenkarte. Dazu gehörte, dass er Kohl auf Reisen morgens weckte - ohne Wecker, nach Bauchgefühl - und ihm die zum jeweiligen Protokoll passende Garderobe hinlegte. Dass Seebers Daseinsnotwendigkeit weder an den Dienstwagen noch an ein politisches Amt seines Chefs gebunden war, zeigte sich zum Beispiel 2004, als die beiden ohne Auto zur Ayurveda-Kur in Sri Lanka waren und dort gerade so dem Tsunami entkamen.

Seebers Frau wurde Haushälterin bei den Kohls

Seeber ist ein diskreter Mensch. Nie hätte er versucht, die Kompetenzen, die sich aus seiner Funktion ergaben, eigenmächtig zu erweitern. Es war Kohl, der das forcierte, wenn nicht sogar verlangte. Der Kanzler nahm Seeber überall hin mit, obwohl dieser so gut wie kein Englisch sprach und sich keine große Mühe gibt, den Mann von Welt zu spielen. So kam er in der Sauna neben Jelzin zu sitzen, so gelangte er im Weißen Haus in die Privatgemächer von Bill Clinton, der den deutschen Gästen Eiscreme servierte und auch sonst ganz unprätentiös gewesen sein muss.

Weitere Themen

Topmeldungen

Missbrauchsfall Lügde : Angeklagter zu Bewährungsstrafe verurteilt

Der Mann soll nicht direkt an dem Missbrauch beteiligt gewesen sein, sondern per Webcam zugeschaltet. Ein Gutachter hatte ihn für voll schuldfähig erklärt. Die Vorsitzende Richterin nannte die Taten „schäbig und menschenverachtend“.

Lichtverschmutzung : Der helle Wahnsinn

Die Nacht verschwindet und mit ihr zahlreiche Tierarten. Dabei wäre es so einfach, das Licht in den Städten zu dimmen, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Wie der Wandel gelingen kann, führt die Sternenstadt Fulda vor.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.