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Buchsbäume : Die Kunst des Schneidens

  • -Aktualisiert am

Levens Hall: Mehr als 100 Formschnittgehölze Bild: Ina Sperl

In Form geschnitten werden Pflanzen schon seit der Antike, besonders in England blüht die Leidenschaft für den scharfen Schnitt. Neuerdings aber gehören Buchskugeln und Eibensäulen zum Garteninventar wie Liegestuhl und Grill.

          Hier steht ein kleiner Buchs-Trieb über, dort tanzt ein Eiben-Spross aus der Reihe. Im Sommer werden die Konturen der Pyramiden und Schirme, Schachfiguren und Kronen im Garten von Levens Hall allmählich unscharf, die Formen weicher, wie bei einem herausgewachsenen Haarschnitt. Es wird Zeit, die Schere anzusetzen. Vier Gärtner arbeiten ab dem Spätsommer mehrere Monate daran, die mehr als hundert Formschnittgehölze, im Englischen topiary genannt, zu stutzen. Levens Hall ist einer der prominentesten Orte in Großbritannien, wenn es um Topiari geht - schon Ende des 17. Jahrhunderts entstand der Garten im Lake District, südlich von Kendal. Seinen Charakter hat der Garten bis heute erhalten, einige der Gehölze stammen sogar noch aus der Anfangszeit. Das was heute so typisch englisch erscheint, ein Garten voller geheimnisvoller Formen aus Eiben und Buchs, war damals eine Mode, die aus Holland kam.

          Der Formschnitt, ein Sinnbild für das Maß, in dem der Mensch die Natur beherrscht, war schon in der Antike bekannt: Plinius der Ältere erwähnt in seinen Schriften Pflanzen in Form von Tieren oder Obelisken. In der Renaissance belebten Gärtner an Königshöfen diese Kunst neu: Niedrige Buchsbaumhecken fassten die Pflanzfelder in den Parterregärten ein, was auch als broderie bekannt ist. Der Begriff Topiari, von ars topiaria, Lateinisch für Kunstgärtnerei, wurde für größere Formen gebräuchlich. Im Barock schnitt man Obelisken, Arkaden und Laubengänge aus Gehölzen, wie heute noch zum Beispiel im Schwetzinger Schlossgarten zu sehen. Die Niederländer entwickelten ein Faible für komplizierte und bizarre Figuren - eine Mode, die im 17. Jahrhundert nach Frankreich und von dort nach Großbritannien überschwappte.

          Gartenkunst geht mit der Mode

          Doch jede Mode hat ihre Zeit: Als Landschaftsarchitekt Capability Brown im 18. Jahrhundert die formalen Gärten durch weite Landschaftsparks ersetzte, überlebte das Topiari in Levens Hall eher durch Zufall - das Haus wurde in weiblicher Linie vererbt und geriet in Vergessenheit. Doch seit dem frühen 20. Jahrhundert erlebt der Formschnitt wieder einen Aufschwung, in Großbritannien etwa mit der Arts-and-Crafts-Bewegung. Ein Beispiel sind die Pfauen und Kaffeekannen aus Eiben, die noch heute im südenglischen Great Dixter zu sehen sind. In Frankreich wurde der Renaissancegarten am Schloss Villandry mit seinem großartigen Parterre wiederhergestellt, in den 1990er Jahren die Gärten von Marqueyssac: Die Landschaft aus 150.000 kugeligen Buchsbäumen ist Publikumsmagnet. Ungewöhnliche, amorphe Formen hat der Niederländer Henk Gerritsen in den von ihm angelegten Priona Tuinen nordöstlich von Zwolle geschaffen.

          Auch internationale Gartendesigner wie Piet Oudolf oder Tom Stuart-Smith beziehen gerne Topiari in ihre Entwürfe ein. Fassten Buchshecken in der Barockzeit einst exakt bepflanzte Beete ein, steht das scharf beschnittene Gehölz heute meist neben einer luftigen Bepflanzung im natürlichen Stil, wie es die Mode unserer Zeit ist - ein Kontrast, der beiden zur Geltung gereicht.

          Im Hausgarten ist heute ganz unterschiedlicher Formschnitt vertreten - im romantischen Bauerngarten umgibt das Buchsheckchen die Kräuterbeete, im schlichten modernen Garten setzen die strengen Formen Akzente. Nach asiatischem Vorbild werden Kiefern und andere Gehölze im Wolkenschnitt gestutzt, wobei dieser Art der Gestaltung eine ganz andere Philosophie zugrunde liegt als der westlichen. Liebhaber des Formschnitts zaubern sogar Elefanten, Hunde oder Autos aus dem Gehölz. Was geschnitten wird, ist Geschmackssache. Doch ob Hecke, meterhohe Schachfigur oder Kugel im Blumentopf: Topiari ist immer eine Verpflichtung, denn nur beherrscht sieht diese Natur gut aus. Die Schere muss parat sein, wenn die Zweige beginnen, aus der Reihe zu tanzen.

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