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© Architekturmuseum Breslau

Die neue Welt von gestern

Von JUDITH LEMBKE

30.11.2016 · Wer glaubt, dass Miniwohnungen das Allerneueste sind, muss nach Polen fahren. In der Breslauer Werkbundsiedlung wurden vor fast 90 Jahren Konzepte erprobt, die heute wieder gefragt sind. Eine Wiederentdeckung.

Manchmal sitzt Dorota Haśko in ihrem Garten und beobachtet, wie sich kleine Grüppchen ihren Weg durch das Gestrüpp bahnen. Sie bleiben vor einigen Häusern stehen, häufig auch vor ihrem, das leuchtend weiß wie ein frisch gestärktes Tischtuch strahlt zwischen abgeblättertem Putz und ungestrichenen Fenstern. Die Besucher blicken sich dann um, weisen auf dieses oder jenes, doch worüber sie reden, das versteht Dorota Haśko nicht, denn sie sprechen Englisch, Deutsch und manchmal auch Japanisch – nur Polnisch, das hört sie fast nie.

Die Werkbundsiedlung in Breslau sei Architekturinteressierten aus der ganzen Welt ein Begriff, aber viele Breslauer hätten noch nie etwas von ihr gehört, berichtet sie. „Meine Arbeitskollegin, die seit Jahren in Breslau lebt, kam nur hierher, weil eine Gruppe Amerikaner die Wuwa besuchen wollte“, erzählt Haśko. „Erst jetzt weiß sie, in was für einem wichtigen historischen Gebäude ich wohne, weil Leute vom anderen Ende der Welt kommen, um es zu sehen.“

© Architekturmuseum Breslau Inbegriff der Moderne: Das elegante weiße Einfamilienhaus schuf Heinrich Lauterbach für die Modellsiedlung in Breslau.

Haśko lebt in einem Einfamilienhaus, das der Architekt Ludwig Moshamer 1929 für die Modellsiedlung des Werkbundes in Breslau entwarf, die noch heute nach ihrem damaligen Ausstellungsmotto „Wohnung und Werkraum“, kurz Wuwa, bezeichnet wird. Sechs Mustersiedlungen realisierte der Deutsche Werkbund in den zwanziger und dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Europa, neben Breslau auch in Brünn, Zürich, Prag und Wien. Die erste und bekannteste entstand 1927 in Stuttgart unter der Leitung von Ludwig Mies van der Rohe, ihr wichtigstes Exponat, das Doppelhaus von Le Corbusier, wurde in diesem Jahr zum Welterbe der Unesco erklärt.

Als „Kleinmarokko“ oder „Damaskus“ verhöhnt Zum „Deutschen Werkbund“ hatten sich Architekten, Künstler und Industrielle im Jahr 1907 zusammengeschlossen und nichts Geringeres im Sinn, als die Wohn- und damit auch die Lebensverhältnisse der Zeit zu revolutionieren. „Vom Sofakissen bis zum Stadtplan“ wollte man die Welt verbessern, wie Gründungsmitglied Hermann Muthesius es formulierte, mit gut geformten Objekten die Bevölkerung erziehen. Die Gruppe propagierte eine radikale Entrümpelung der Innenräume und des Geistes, der sich in leeren Räumen ebenso frei bewegen sollte wie der sportlich schlanke Körper, in dem er lebte – befreit von überflüssigen Möbeln oder gar Dekoration. Dabei blickte man, dem Zeitgeist entsprechend, äußerst optimistisch in die Zukunft: Hofften die Gründer doch, der Werkbund werde sich nach zehn Jahren selbst überflüssig gemacht haben, weil die Ziele erreicht seien.

Stattdessen wurden die Siedlungen zunächst verspottet. Die Weißenhofsiedlung als „Araberdorf“, die kleine Schwester in Breslau mit ihren weißen Flachdachbauten als „Kleinmarokko“ oder „Damaskus“ verhöhnt. Auch die Annahme der Werkbund-Mitglieder, ihre Thesen seien schon nach einer Dekade Allgemeingut, war zu fortschrittsgläubig: Ob das denn alte oder neue Häuser seien, wurde Dorota Haśko schon gefragt, während andere Wuwa-Bewohner berichten, sie seien schon mit Forderungen konfrontiert worden, man müsse „diese ganzen hässlichen Flachdachbauten“ doch einfach abreißen.

© Architekturmuseum Breslau Die Sonnenterrasse des Hauses 27

Dabei sind die Ziele, die mit der Breslauer Mustersiedlung erreicht werden sollten, heute mindestens ebenso aktuell wie vor fast 90 Jahren: Es sollte schnell und kostengünstig qualitativ hochwertiger Wohnraum für die wachsende niederschlesische Metropole geschaffen werden, die zu Beginn der zwanziger Jahre so überbevölkert war wie kaum eine andere Stadt in Deutschland, zu dessen Staatsgebiet sie damals gehörte. Anders als in anderen Werkbundsiedlungen wie Wien oder Stuttgart sollten in Breslau vor allem kleine und mittelgroße preiswerte Wohnungen für die breite Bevölkerung entwickelt werden. Vorgefertigte Bauelemente sollten eine Massenbauweise ermöglichen und die Kosten niedrig halten, ohne dabei die individuellen Bedürfnisse der Bewohner aus dem Blick zu verlieren. Das Konzept einer „Wohnung für das Existenzminimum“ entstand, in der das Raumprogramm so optimiert war, dass der Platz gerade zum Schlafen, Kochen und Essen ausreichte. Damit der moderne Mensch nicht vereinsamte, waren ein Teil der Räume der Gemeinschaft gewidmet.

Die Mustersiedlung umfasste insgesamt 28 Gebäude, die in einer rekordkurzen Bauzeit von nur drei Monaten entstanden. Die Folgen davon spürt man noch heute, die bauliche Qualität der meisten Häuser ist schlecht, jahrzehntelange Vernachlässigung tat ihr Übriges. Die Gebäude stehen auf einem Gelände, das sich in zwei Teile gliedert: Im Süden gibt es die besagten kleinen Wohnungen, Reihenhäuser und einen Kindergarten. Im nördlichen Teil befinden sich freistehende Einfamilienhäuser und das sogenannte Ledigenheim, das bekannteste Haus der Siedlung, entworfen von Hans Scharoun, dem Architekten der Berliner Philharmonie. Dieser elegante geschwungene Bau, der an einen stolzen Ozeandampfer erinnert, war ein echtes Experiment: In einem Flügel sollten unverheiratete arbeitende Frauen wohnen, im anderen kinderlose Ehepaare. In der Mitte des Hauses befinden sich Restaurant und Gemeinschaftsräume – hier sollten die Bewohner zusammenkommen.

© Caro, Architekturmuseum Breslau Neue Frauenzimmer: Hans Scharoun entwarf das Ledigenheim für arbeitende Frauen. Anstatt zu kochen, sollten sie lieber Sport machen. Auch ein Kindergarten war vorgesehen.

Wenig Individualfläche, luxuriös bemessene Gemeinschaftsräume Wenn man das Haus betritt, das heute als Herberge der polnischen Arbeitsinspektion genutzt wird, fühlt man sich unweigerlich an die Miniwohnungen erinnert, die in den Groß- und Universitätsstädten als Antwort auf knappe Flächen und hohe Preise aus dem Boden schießen wie Pilze nach dem Spätsommerregen. Wenig Individualfläche, dafür luxuriös bemessene Gemeinschaftsräume – was Investoren heute als neuen Megatrend anpreisen, entwarf auch Scharoun. Nur Smartphone-Apps, über die man sich mit den Nachbarn verabreden kann, gab es damals noch nicht – man musst noch klopfen, um seinen Mitbewohner zu treffen.

Die Wohnungen im Ledigenheim sind gerade groß genug, dass sich zwei Personen darin umdrehen können. Trotzdem ist die Musterwohnung so charmant, dass man verweilen möchte. Man betritt die Wohnung über eine Mini-Diele und steigt über ein paar Stufen in den ersten Stock, wo sich das Wohnzimmer mit einer Teeküche befindet, die sich hinter einem Rollo verbergen lässt. Ein großes Fenster öffnet den Blick auf den Balkon und das dahinter liegende Grün. Ein paar Stufen darüber gelegen ist das Schlafzimmer mit den Einbauschränken. Der Grundriss ist radikal fortschrittlich, nicht nur, weil er wenige Quadratmeter optimal ausnutzt, sondern auch mit Blick auf das Frauenbild: Die moderne Frau blieb nicht zu Hause und kochte, sondern ging ebenso wie der Mann zur Arbeit und aß dafür abends mit ihm zusammen im Restaurant.

Allerdings spüre man auch in diesem Gebäude die Folgen der kurzen Bauzeit bis heute, sagt Leszek Czarnecki von der polnischen Arbeitsinspektion, der durch das Haus führt: „Es ist sehr hellhörig, man bekommt von seinen Nachbarn alles mit.“ Der Hauseigentümer bemühe sich, das Haus denkmalgerecht zu sanieren. „Jedes Jahr bekommen wir ein bisschen Geld, und dann machen wir etwas.“ Die Innenräume sind wieder in den Originalfarben, Terracotta und einem leuchtenden Blau, gestrichen. Viele Details wie Türklinken oder Fensterrahmen sind sogar von damals erhalten. Im Gegensatz zur Stuttgarter Werkbundsiedlung wurde die Breslauer im Krieg nicht so stark zerstört.

© Architekturmuseum Breslau Haus 22

In den Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft nach dem Zweiten Weltkrieg versank die Siedlung in einen Dornröschenschlaf. Das lag an mangelnden Ressourcen und einem fehlenden Verständnis für die baulichen Experimente der Moderne – aber nicht nur. Zu sehr haftete der Siedlung auch etwas genuin Deutsches an, mit dem die neuen Bewohner fremdelten. Es waren zwangsumgesiedelte Ostpolen, vor allem aus Lemberg, das nach dem Krieg der Sowjetunion zugeschlagen wurde, die in die Häuser zogen. In ihnen hatten vorher Deutsche gewohnt, die Breslau nach dem verlorenen Krieg in Richtung Westen verlassen mussten.

© Architekturmuseum Breslau Situationsplan 1929

Breslau besinnt sich auf sein modernes Erbe Wie es in den Wohnungen aussah, haben Bewohner anlässlich einer Ausstellung zum 85-jährigen Jubiläum der Wuwa im Jahr 2014 geschildert: Viele Fassaden waren durchlöchert von Einschüssen. Die Wohnungen waren noch möbliert, in den Vorzimmern standen Koffer und Taschen herum, viele persönliche Gegenstände waren zurückgelassen worden. „Unsere Großeltern waren selbst aus ihrer Heimat vertrieben worden. Als meine Großmutter in diese Wohnung kam und die zurückgelassenen Sachen sah, verstand sie, dass es hier genauso abgelaufen sein musste, wie sie es selbst in Lemberg erlebt hatte“, schildert ein Bewohner, der seit seiner Geburt in derselben Wohnung lebt.

Im festen Glauben, die Deutschen würden bald zurückkehren und ihre alten Wohnungen zurückfordern, lebten die Neuankömmlinge wie im Transit. Die Gebäude verfielen. Heute ist die Siedlung noch immer fast vollständig erhalten, auch wenn sich die einzelnen Gebäude, die zum größten Teil in Privatbesitz sind, in einem sehr unterschiedlichen Zustand befinden. Einige wurden mit viel Liebe zum Detail saniert wie das von Familie Haśko, andere wurden stark verändert oder vernachlässigt.

© Caro Vergessen: Manche Häuser sind in keinem guten Zustand.

Seit einiger Zeit besinnt sich die Stadt, die in diesem Jahr neben dem spanischen San Sebastián europäische Kulturhauptstadt ist, auch auf ihr modernes Erbe. Neben der Jahrhunderthalle, einem Bau aus Stahlbeton mit einer 45 Meter hohe Kuppelhalle, den der Stadtbaurat Max Berg von 1911 bis 1913 errichten ließ, die 2006 zum Weltkulturerbe der Unesco erklärt wurde, soll nun auch die Werkbundsiedlung Besucher aus aller Welt anlocken. Doch die Stadtplaner, die in ihrem Ehrgeiz an ihre Vorgänger aus dem vergangenen Jahrhundert anknüpfen, wollen nicht nur die Geschichte bewirtschaften. Seit diesem Jahr wächst die „Wuwa 2“ in die Höhe, eine Modellsiedlung, die Antwort darauf geben soll, wie modernes Wohnen fast 90 Jahre nach dem ersten großen Breslauer Architekturexperiment aussehen kann.

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 30.11.2016 17:04 Uhr