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Dürfen wir vorstellen: Das ist Lehman. Bild: Distanz Verlag

Adoptionsbörse für Pflanzen : Pflanze, einsam, trocken, sucht...

  • -Aktualisiert am

Pflanzen mit Namen und Biografien: Die Naturliebhaber Haike Rausch und Torsten Grosch betreiben eine Adoptionsbörse für alles Grüne – und setzen sich dafür ein, dass wir Pflanzen als gleichberechtigte Wesen wahrnehmen.

          Verwahrlost und vernachlässigt steht sie da. Ihre Blätter sind verwelkt, die Erde, in der sie steckt, staubt. Das Schicksal einer unbeachteten Zimmer- oder Büropflanze kann hart sein. Bevor sich jemand ihrer annimmt, fristet sie ein Schattendasein und wird, sofern sie auf dem Schreibtisch steht, im schlimmsten Fall missbraucht, um den letzten Rest des abgestandenen Kaffees loszuwerden.

          Haike Rausch und Torsten Grosch vom Künstlerduo „431art“ aus Frankfurt waren es leid, Pflanzen auf den Spermüllbergen der Innenstädte zu entdecken, und gründeten vor zehn Jahren im Rahmen ihres Projekts „botanoadopt“ die weltweit erste Pflanzenadoptionsbörse. Das Konzept funktioniert sowohl digital als auch analog: Menschen geben ihre Pflanzen auf einer Web-Site zur Adoption frei, wenn diese ihnen zum Beispiel im wahrsten Sinne der Wortes über den Kopf wachsen. Die Adoptanten holen diese dann gratis ab – verpflichten sich aber, sie gut zu versorgen. Dazu bekommt jede Pflanze nicht nur einen Namen, sondern auch eine individuelle Biographie. „Wir wollen Pflanzen, die unsere Lebensgrundlage bilden, erfahrbar machen und zeigen, dass sie schützenswert sind“, sagt Rausch. „Und das machen wir nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern ganz viel Humor.“ Wem das zu viel Aufwand ist oder wer sich für den jämmerlichen Zustand seiner Pflanze schämt, gibt sie anonym in der (analogen) „Pflanzenklappe“ ab, die ihren Standort regelmäßig wechselt. Dort werden sie aufgepäppelt und dann weitervermittelt.

          In zehn Jahren haben das Künstlerduo und ihr Team so über tausend Pflanzen in neun europäischen Ländern ein neues Zuhause gegeben, wie sie gezählt haben. Zum Jubiläum erscheint deshalb der Bildband „Urban Plants“ mit hundert Fotografien, Biographien und Texten, in denen sich Autoren dem Thema mal wissenschaftlich, mal philosophisch nähern. Rausch und Grosch, die ihr Projekt selbst „eine künstlerische Utopie, die Pflanzen als gleichberechtigte Wesen definiert“, nennen, wollen damit auf die Bedeutung von pflanzlichem Leben auf unserem Planeten aufmerksam machen. „Sie werden oft als ,Grünzeug‘ oder ,Unkraut‘ beschimpft. Weil sie keine Augen haben, nehmen wir sie nicht als Lebewesen wahr.“

          Um das Verständnis für Kaktus, Palme und Co. zu erhöhen, bieten die Künstler auch Empathietrainings an, in denen Gruppen einen „Zugang“ zur Flora bekommen sollen. Die Teilnehmer stammen Rausch zufolge aus allen Altersklassen. Wichtig ist den Gründern aber auch der soziale Aspekt der Pflanzenvermittlung: „Manche haben ein Platzproblem oder können sich nicht mehr kümmern, und andere haben nicht die finanziellen Mittel“, sagt Grosch. Eine Win-win-Situation sei das in jedem Fall.

          Hinter dem Projekt, das mit mehreren Nachhaltigkeitspreisen ausgezeichnet wurde, steckt eine viel tiefergehende Philosophie. Da ist einmal die Neubewertung der „Ware“ und des Nutzmittels Pflanze. Außerdem steht es für die Umorientierung des destruktiven Menschen zu einem verantwortungsbewussteren Umgang mit der Natur und ihren Ressourcen. Diese Bewegung nimmt seit einigen Jahren zu; Gärtnern und der Anbau von eigenem Gemüse sind ein Trend. Auf Plattformen wie Instagram findet man unter den Hashtags #plantsofinstagram oder #plantsmakepeoplehappy Millionen von Beiträgen. Manche gehen sogar so weit, dass sie sich als „plantmoms“ oder „plantdads“ bezeichnen. Die Romantik kehrt zurück und mit ihr die Besinnung auf die einfachen Dinge. Analoge Entschleunigung in einer digitalisierten Welt. Überhaupt ist die Achtsamkeit auf dem Vormarsch. Für viele gehört auch der achtsamere Umgang mit Pflanzen dazu.

          Allen, die sich nun ertappt fühlen und schuldbewusst auf die mittlerweile gelbe Grünlilie auf ihrem Schreibtisch schielen, rät Pflanzenfreund Grosch: „Fragen Sie sich, wie Sie die Lebensbedingungen Ihrer Pflanze verbessern können. Würden Sie sich an ihrem Platz wohl fühlen?“ Das klinge zwar etwas esoterisch, sei aber ein erster guter Schritt. „Wenn Sie merken, dass es ihr in Ihrer Gesellschaft nicht gutgeht, finden Sie jemanden, der besser mit ihr zurechtkommt.“ Ein Ansatz, der sicher auf vielen Ebenen greift.

          Lehmans Leben

          Lehman ist spätgeborener und jüngster von vier Brüdern. Trennte sich früh von seiner materiell ausgerichteten Familie und versuchte sich als Stand-up-Comedian. Wurde aufgrund sprachlicher Barrieren und äußerer Erscheinung vom Publikum als Pausenfüller wahrgenommen. Reagierte darauf getreu seinem Motto: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“ mit schallendem Gelächter. Wurde gegen seinen Willen in ein Kasino gebracht und beobachtete fortan die Gesetzmäßigkeiten erfolgreichen Glücksspiels. Verinnerlichte diese und verschafft nun jedem in seiner Anwesenheit materiellen Wohlstand, der auf gesundem Wachstum beruht. Lehman wurde von einer leitenden Mitarbeiterin eines Frankfurter Geldinstituts adoptiert. Auszug aus: „Urban Plants – Bio-Biographies“, hrsgg. von Torsten Grosch und Haike Rausch; erscheint am 4. April im Distanz Verlag, 288 Seiten, 34,90 Euro.

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