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Beton-Möbel : Wie hingegossen

Ein Prachtstück dieser Art hat der Freiburger Betondesigner Christian Egenter, Inhaber der Manufaktur Villa Rocca, vor einiger Zeit gegossen: eine Badewanne in fliederfarbenem Beton. 2,40 auf 2 Meter, mit zwei rechtwinkligen Sitzecken. Vier Wochen hat allein der Schreiner am Dummy aus Holz gearbeitet, bevor, nach ausgiebigem Probesitzen, die finale Form zum Gießen fertig war. Anders als etwa ein Tisch oder ein Regal müsse eine Badewanne in einem Stück hergestellt werden, erläutert Egenter, was sowohl in der Produktion als auch in der Montage eine Herausforderung sei.

Knackpunkt Gewicht: Badewanne mit 1500 Kilogramm

Auch Egenter spürt eine „konstant wachsende Nachfrage“ nach Möbeln aus Beton. Sein erstes Stück fertigte er einst, als er bei seinen Eltern auszog: eine Säule für die Lautsprecher seiner Stereoanlage. 1997 gründete er Villa Rocca und werkelt seitdem für Privatleute und Unternehmen gleichermaßen. Küchentresen, Waschbecken und Duschen sind die gängigsten Aufträge, aber auch so mancher Sonderwunsch hat schon den Weg nach Freiburg gefunden. Für ein Sado-Maso-Studio hat Egenter mal ein Bett mit allerlei Haken und Ösen für die einschlägigen Hilfsmittel hergestellt. Im Prinzip sei alles machbar, sagt er. Einmal schlug er für die Lüftungsanlage einer Tiefgarage vier Meter lange, durchlöcherte Betonplatten vor. Technisch nicht möglich, sagte der Architekt – Egenter belehrte ihn eines Besseren.

Häufigster Knackpunkt bei der Verwendung von Beton ist das Gewicht der Möbelstücke. Die fliederfarbene Badewanne brachte es auf immerhin anderthalb Tonnen (und kostete 20.000 Euro). Sie in die Dachgeschosswohnung (!) eines Altbaus einzubauen, war erst möglich, als der Boden entsprechend verstärkt wurde. Im Zuge der Sanierungsarbeiten wurden gleich auch breitere Wasserleitungen angelegt, auf dass die Wanne schneller mit Wasser vollläuft.

Durch geschicktes Einarbeiten von Hohlräumen können die Betondesigner das Gewicht der Stücke zwar um mehr als 40 Prozent reduzieren, aber besonders bei größeren Stücken empfiehlt es sich, bei den Planungen einen Statiker hinzuzuziehen. Zwischen 250 und 300 Kilogramm je Quadratmeter hielten Böden in Deutschland aus, sagt Egenter. Ein Küchentresen aus Beton sei daher meist kein Problem, der bringe es auf 75 Kilogramm je Quadratmeter. Aber je schwergewichtiger die Wünsche, desto kniffliger wird die Sache.

Brachialer Gegensatz zum Kleinod

Erwähnt werden muss auch, dass Beton nicht ganz so pflegeleicht ist, wie er aussieht. Säurehaltige Haushaltsreiniger und Scheuermittel mag er beispielsweise gar nicht, stattdessen will er mit spezieller Steinseife gepflegt werden. Alexis Oehler rät auch dringend davon ab, einen Topf mit kochendem Nudelwasser in einem Beton-Waschbecken auszuschütten, zu groß sei die Gefahr, dass sich Risse bilden. Flecken, ob Rotwein oder Fettspritzer, sollte man unter Patina verbuchen – entfernen lassen sie sich kaum.

Wer es nicht ganz so monumental mag oder sich erst mal langsam an das Material herantasten will, findet bei nahezu allen Betondesignern auch kleinere Einrichtungsgegenstände. Ein Hingucker ist beispielsweise die „Lito“-Serie des Leipziger Labels Betoniu, darunter ein filigraner Hocker aus Stahlrohr mit einer Sitzfläche aus Beton (nominiert für den German Design Award 2016, 444 Euro). Der Entwurf des Hallenser Designers Stephan Schulz fügt sich auch in kleine Räume gut ein.

Erhellend: Lichtwürfel für drinnen und draußen
Erhellend: Lichtwürfel für drinnen und draußen : Bild: Betonware

Auch Vasen, Schalen, Buchstützen, Kerzenhalter und Türstopper aus Beton gibt es reichlich. Die sind gewissermaßen ein Abfallprodukt der Möbelproduktion. Denn wer ein größeres Teil aus Beton herstellt, rührt dafür eher zu viel als zu wenig Material an – nachgießen ist schwer möglich. Die Reste lassen sich dann zu kleineren Teilen verarbeiten. Diese Stücke sind um einiges handlicher und erschwinglicher als die großen Klötze. Der Bestseller von Alexis Oehler in Berlin ist ein Stövchen für 69 Euro. Der heimliche Liebling des Designers ist aber eine kleine mit Blattgold verzierte Schale (98 Euro): „Da wird das brachiale Element zum Kleinod.“

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