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Ausgewandert nach Panama : „Ich habe mit Deutschland abgeschlossen“

Ein Paradies für Touristen und Auswanderer: Panama und seine Urlaubsregion Bocas del Toro. Bild: Picture-Alliance

Jedes Jahr wandern Zehntausende Deutsche aus und versuchen den Neustart in Südamerika oder auf Mallorca. Manche von ihnen werden sogar berühmt – zumindest ein bisschen. Was ist ihr Antrieb? Ein Besuch bei „Panama-Kalle“.

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          Um Mitternacht gibt es noch ein kleines Feuerwerk. Die Musik wummert weiterhin lautstark durch die Tür – regelmäßig unterbrochen vom Klingelton eintreffender Whatsapp-Nachrichten des an die Boxen angeschlossenen Smartphones. Es ist Karneval. Auch in Panama. Und die Menschen feiern ausgelassen an diesem Sonntagabend im „Paradise Inn“-Hotel in der kleinen Stadt Las Lajas, nur einige Kilometer von der Pazifikküste entfernt.

          Die Unterkunft mit den etwa ein Dutzend Bungalows und zwei Pools gehört dem Deutschen Karsten Pokall, der sich von seinen Freunden „Panama-Kalle“ rufen lässt und mit seinem Spitznamen auch im Internet für sich und sein Hotel wirbt. Vor etwas mehr zehn Jahren habe er den Entschluss gefasst, auszuwandern. Hauptsache weit weg von Europa, dorthin, wo es warm ist und die Sonne scheint. „Das Wetter in Deutschland hat mich krank gemacht. Gefühlt gab es ja keine richtigen Sommer oder Winter mehr, eigentlich hat es immer nur geregnet“, sagt Pokall rückblickend.

          „Ich war sofort begeistert“

          Damals habe er den Bruder seines Nachbarn kennengelernt, der Jahre zuvor nach Florida ausgewandert ist, dort aber nicht zufrieden war und nach Panama weiterziehen wollte. „Wir sind dann in Kontakt geblieben und schließlich habe ich ihn in Las Lajas besucht. Ich war sofort begeistert“, sagt der 51-Jährige. Die Entscheidung, seinen Lebensmittelpunkt an die Pazifikküste zu verlegen, sei dann schrittweise gefallen. Erst sei er noch ein zweites und drittes Mal zum Urlauben in Las Lajas gewesen, dann habe er schließlich vor Ort ein Haus gemietet und neben seinem damaligen Auto auch immer mehr persönliche Utensilien aus Deutschland nach Panama verschifft. Schließlich sei er komplett dort geblieben.

          „In Deutschland ist es mir einfach zu gefährlich geworden. Wenn ich heute die Nachrichten höre, wie es dort mittlerweile zugeht, wird mir übel“, sagt der ehemalige Brandenburger. „In Panama interessiert es die Menschen nicht, wie viel Geld du verdienst. Hier gibt es auch keine Schikanen oder ständige Kontrollen von Behörden oder das zwanghafte Beharren auf Pünktlichkeit.“

          Imposante Skyline: Panama-Stadt ist eine der wirklichen Metropolen in Mittelamerika. Bilderstrecke

          Mit seiner Einstellung, der Bundesrepublik den Rücken zu kehren, ist Pokall hierzulande längst nicht allein: Mehr als die Hälfte der Deutschen würde gern für eine längere Zeit oder auch für immer im Ausland leben. Entsprechend äußerten sich Anfang des Jahres 55 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Yougov-Umfrage. Jedes Jahr stürzen sich mittlerweile etwa 250.000 Deutsche in das dauerhafte Abenteuer Ausland – Tendenz steigend. Im Durchschnitt sind sie dann 48 Jahre alt und die meisten von ihnen hoffen Studien zufolge auf ein ruhiges Leben sowie auf deutlich besseres Wetter als in Deutschland. So wie „Panama-Kalle“ wollen die meisten lieber eine entspannte zweite Lebenshälfte verbringen anstatt im Ausland noch einmal große Geschäfte zu machen.

          Auch Pokall ist eher durch Zufall Eigentümer des „Paradise Inn“ geworden. „Mein neuer Kumpel hat damals einen stillen Teilhaber für ein neues Hotel gesucht. Das fand ich gut, weil ich eigentlich kein richtiges Geschäft mehr führen wollte“, sagt Pokall. Er habe dann in Deutschland seine Firma und Immobilien verkauft und gemeinsam mit seinem neuen Partner angefangen zu bauen. „Wenig später hat er sich dann aber von seiner Frau getrennt und wollte zurück nach Deutschland. So bin ich dann doch zu dem Hotel gekommen, was ich nie haben wollte“, sagt Pokall, der zwar weiterhin morgens gerne ausschläft und den Tag langsam beginnt, inzwischen aber auch ins Immobiliengeschäft eingestiegen ist und in Las Lajas Grundstücke und Häuser vornehmlich an Auswanderer verkauft.

          Leicht ist das „Paradise Inn“ allerdings nicht zu finden. Es liegt weder am Strand noch an der Straße, die dorthin führt. Nur ein ziemlich verblichenes Hinweisschild weist den Weg zu der abseits liegenden Unterkunft. Dass sein Hotel von Touristen nur schwerlich gefunden werden kann, stört Pokall indes nicht. Im Gegenteil: „Unsere Gäste sind hauptsächlich Einheimische. Die lieben es, dass der lange Sandstrand nicht weit weg ist und sorgen besonders an Karneval oder Ostern in unserer Bar für ordentlich Stimmung“, berichtet der Auswanderer, der in seinem Hotel auf Luxus verzichtet:

          Die Zimmer sind zweckmäßig ausgestattet, Pool und Bungalows könnten einen neuen Anstrich vertragen. Das W-Lan ist oftmals schwach und das Frühstück ist mit zwei Scheiben Toast, etwas Rührei und ein wenig Melone und Ananas pragmatisch gehalten. Auf den Vergleichsportalen im Internet werden Lage und Sauberkeit durchschnittlich bewertet. „Natürlich übernachten bei uns auch mal Amerikaner oder Europäer, die höhere Ansprüche als die Panaminhos haben – aber meist beschweren die sich dann darüber, dass die Musik zu laut ist und sie nicht schlafen können“, sagt Pokall.

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          In der Liste der beliebtesten Auswanderungsländer der Deutschen taucht Panama übrigens nicht auf. Am ehesten suchten die Menschen in den vergangenen Jahren in der Schweiz, in Österreich und den Vereinigten Staaten ein neues Zuhause. Erst danach folgen Spanien oder Griechenland. Dass Auswanderer in ihrer alten Heimat jedoch sogar eine zum Teil zweifelhafte Berühmtheit erlangen können, haben, die durch die TV-Sendung „Goodbye Deutschland“ bekannt gewordenen, Jens Büchner alias „Malle-Jens“ oder Christian „Currywurst-Chris“ Töpperwien – die mit ihren Spitznamen dem „Panama-Kalle“ von Las Lajas durchaus ein Vorbild sein könnten – bewiesen.

          Zurück nach Deutschland? Auf gar keinen Fall!

          Büchner eröffnete, von einem Kamerateam begleitet, auf Mallorca zunächst eine Boutique und versuchte sich unter anderem als Hotelier, Schmuckdesigner und Schlagersänger, bevor er Ende vergangenen Jahres an den Folgen von Lungenkrebs starb. Töpperwien tourt seit 2012 mit einem Currywurst-Truck vornehmlich durch Los Angeles und hat sein Geschäft mittlerweile auf Florida ausgeweitet. Beide nahmen zudem in den vergangenen zwei Jahren an Reality-TV-Formaten für C- bis F-Promis wie dem Sat1-„Sommerhaus der Stars“ oder dem RTL-„Dschungelcamp“ teil.

          Für Karsten Pokall kommt eine solche „Karriere“ allerdings nicht infrage. Er versichert lieber, dass er eine Teilnahme an solchen Fernsehformaten finanziell überhaupt nicht nötig habe. Und außerdem habe er sich emotional schon so weit von seiner früheren Heimat entfernt, dass ihn so etwas nicht interessiere. Ob er sich denn vorstellen könne, eines Tages zurück nach Deutschland zu ziehen? Auf gar keinen Fall, verneint Pokall: „Ich war zwischendurch mal ein paar Leute dort besuchen. Aber das Leben und das Klima gefallen mir hier deutlich besser. Ich habe mit Deutschland abgeschlossen.“ Für ihn stehe fest: Einmal „Panama-Kalle“ immer „Panama-Kalle“.

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