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Foto: Finn Winkler

Sein Bild der Berge

Text von ANDREAS LESTI
Fotos von FINN WINKLER
Foto: Finn Winkler

14. Juli 2021 · Ein Alpen-Maler und sein Werk: Der ehemalige Bergführer Josef Stich aus Vils in Tirol malt seit 50 Jahren Bergbilder. Nur für sich, einfach so.

Der angeheiratete Onkel meiner Frau ist Tiroler, und seine eigentümliche Geschichte erzählt sich in etwa so: Es war einmal ein Maler und Alpinist, der 50 Jahre lang Bilder von den Bergen malte, die er bestiegen hat. Er malte Aggenstein und Matterhorn, Großglockner und Cevedale, Grandes Jorasses und Monte Rosa, Gimpel und Ortler, Drei Zinnen und Säuling. Unfassbare 3000 Bilder sind entstanden, von Bleistift-Skizzen in Din-A5-Größe bis zur sieben mal vier Meter großen Panorama-Ansicht der Sesvenna-Gruppe. Dutzende von Bergen hat er aus verschiedenen Blickwinkeln und in vielen Stimmungen verewigt, ein Kapitel gemalte Alpingeschichte.

Malt seit 50 Jahren Bergbilder: Josef Stich aus Vils in Tirol.

Die Bilder unseres Onkels aus Tirol bewegen sich im breiten Spektrum zwischen William Turner, Paul Cézanne, E.T. Compton, Bob Ross und Franz Marc – zwischen Romantik, Realismus, Kitsch und Expressionismus. Doch während Turner heute in der Tate in London und Cézanne im Metropolitan Museum in New York ausgestellt werden, nach Compton eine Berghütte, nach Franz eine ganze Bewegung benannt wurde und Ross bis heute als Fernsehmaler nachwirkt, hat sich Josef Stich, mittlerweile 86 Jahre alt, mit seinen Bildern nie an die Öffentlichkeit gewandt. Auf Familienfeiern habe ich „den Sepp“ immer wieder getroffen. Er erzählte wilde Geschichten vom Hörnli-Grat, aber nie von seinen Bildern. Das haben andere Familienmitglieder übernommen, doch es klang immer mehr nach einem G'spinnerten als nach einem Künstler. Warum nur?

Ein Tupfer hier, ein Tupfer da: das breite Spektrum Josef Stich bewegt sich zwischen William Turner, Paul Cézanne, E.T. Compton, Bob Ross und Franz Marc.

„Jaja, kimm nur“, hatte ich ihn am Telefon mit seiner Krächzstimme sagen hören und war mir vorgekommen wie Sebastian Zöllner, der in Daniel Kehlmanns „Ich und Kaminski“ als junger Journalist aus der Stadt einen alten, schrulligen, blinden Maler im Gebirge besucht. Die Fahrt führte quer durch Bayern, dann über die Grenze, den Lech und an der Südseite des Säulings vorbei in das Vilser Tal im Außerfern, jenem entlegenen Stück Tirol, von dem auch die meisten Innsbrucker nicht so genau wissen, wo es liegt. Rechts erhob sich die Ruine Falkenstein, links standen die ebenso imposanten wie unterschätzten Gipfel der Tannheimer Gruppe: Rote Flüh, Gimpel, Schlicke, Aggenstein. Allein den Aggenstein hat Josef Hunderte Male und aus sämtlichen Perspektiven gemalt, es ist sein Hausberg, also das, was für Cézanne die Montagne de Sainte-Victoire war – von der es allerdings nur 87 Bilder gibt.

87 und kein bisschen müde: der Künstler in seinem Atelier
87 und kein bisschen müde: der Künstler in seinem Atelier

Der Sepp öffnet die Tür. Ein vitaler Mann, groß, dichtes graues Haar, grauer Pulli, dunkle Augen: „Griaß di.“ Das Haus steht am Hang, so dass wir durch Garage und Keller ins Erdgeschoss gehen. Überall, wirklich überall, hängen, stehen oder liegen Bilder. Im Heizungskeller, hinter den Getränkekisten, an der Innenseite des Garagentors. Im Treppenaufgang, im Flur, in der Küche und schließlich im Atelier im ersten Stock stapeln sich die Bilder in Regalen, Schubladen und Schränken. An der Wand ein düsteres Matterhorn in Öl, an Turners „The Blue Rigi“ erinnernd, an der Tür ein Großglockner im schrillen Sonnenuntergang und immer wieder auch Abstraktes, angedeutete Gipfelsilhouetten, die sich beim Betrachten auflösen wie ein Felsgrat im Nebel.    

In seinem Atelier sind über die Jahrzehnte mehr als 3000 Kunstwerke entstanden, kleine Bleistiftskizzen, Ölgemälde und großformatige Acrylbilder.
In seinem Atelier sind über die Jahrzehnte mehr als 3000 Kunstwerke entstanden, kleine Bleistiftskizzen, Ölgemälde und großformatige Acrylbilder.

Das Atelier sieht so aus, wie ein Atelier aussehen muss: ein kreatives Chaos aus Farbtöpfchen, Pinseln, Spachteln, Gläsern, Fläschchen, Leinwänden und einer Staffelei. An der Wand Schwarz-Weiß-Fotos von ihm, als junger Mann im Luis-Trenker-Stil. In den frühen Siebzigern hatte er angefangen, auf der Basis von Skizzen ernsthaft zu malen. So war das turnerhafte Matterhorn entstanden, sein erstes Bild, damals noch in Öl, düster und schwer. Von der „dunklen Phase“ spricht seine Frau Maria, mit der er seit 46 Jahren verheiratet ist. Er winkt ab, will davon nichts wissen. Seine zweite Phase dann: Acryl, erst konkret, später abstrakt, viel mit Spachteltechnik und in intensiven Farben. Wir sitzen an einem Tisch, auf dem ein weiterer Stapel Bilder liegt, und langsam kommt der Sepp ins Erzählen: Im Vilser Steinbruch hat er als „Minör“ gearbeitet, und er dehnt das „ö“ so lange, als wäre es ein französischer Tanz. Später ist er Bagger und Raupe gefahren. Früh zog es ihn in die Berge, erst in die der Umgebung, bald in die Dolomiten und in die Westalpen. Bei der Vilser Bergrettung war er Gründungsmitglied und mehr als 60 Jahre lang dabei. Im Ötztal wollte er Bergführer werden, aber „der Ausbilder war ein Depp“, keine weiteren Fragen. Und so wurde er eben Bergwanderführer und ging Jahre lang „mit dene Spitzfiedler“ auf Touren, ein Außerfern’sches Synonym für den „Piefke“.

Das Werk Sein erstes Bild: das Matterhorn in Öl und unter einem dunklen Himmel. Die Almen in der Umgebung von Vils fielen später fröhlicher aus.
Das Werk Sein erstes Bild: das Matterhorn in Öl und unter einem dunklen Himmel. Die Almen in der Umgebung von Vils fielen später fröhlicher aus.
Später wurde es bunt und abstrakt, und die Berglinien lösten sich auf, weil es Josef Stich zu fad wurde, nur die Realität abzubilden.
Später wurde es bunt und abstrakt, und die Berglinien lösten sich auf, weil es Josef Stich zu fad wurde, nur die Realität abzubilden.

„Auf den hohen Bergen war ich aber allein oder mit Freunden“, sagt er. „Ich war auf dem Monte Rosa, dem Ortler, der Großen Zinne und zweimal auf dem Matterhorn. Nur auf dem Großglockner war ich nie.“ Das sagt auch einiges über ihn aus.

Dann schaut er auf seine Bilder, überlegt, lässt sein Leben Revue passieren. Und nach einer kurzen Pause sagt er: „Dreimal bin ich in eine Gletscherspalte gefallen und dreimal in eine Lawine gekommen, einmal k’eerig, da hab‘ ich g’meint: Jetzt is‘ aus.“ Er zuckt mit den Schultern und lacht: „Holladiridi“. Was soll man auch sagen? Für ihn ging es immer glücklich aus. Aber nicht für seinen Kameraden, wie der Sepp nach der nächsten Pause erzählt: „Am Matterhorn ist der Fritz im Abstieg abgestürzt und ums Leben gekommen – vor meinen Augen.“

Bald folgten abstrakte Gemälde, in denen der Berg nur noch vage zu erkennen ist.
Bald folgten abstrakte Gemälde, in denen der Berg nur noch vage zu erkennen ist.

Triumph und Tragödie liegen im Bergsteigerleben nah beisammen. Und vielleicht ist das Malen ein Weg, das alles zu verarbeiten. Er zwinkert mit dem linken Auge von unten nach oben, wahrscheinlich weil die Geschichten ihm selbst zu viel sind, zu ergründen ist das nicht. Doch in diesen Momenten flackert bei aller Tragik immer wieder der Lausbub von früher in seinen Augen auf: „Holladiridi!“ Was soll man auch sagen?

Und warum hat er nie von seinen Bildern erzählt oder versucht, sie auszustellen? „Hab‘ ich doch – sie hingen im Nebenzimmer des Schwarzen Adlers.“ Sagen wir mal so: Diese Ausstellung beim Dorfwirt von Vils hat seinen Bekanntheitsgrad nur bedingt beeinflusst, dafür seine Schrulligkeit in den Augen der Einheimischen verstärkt. Die Antwort ist wohl eher: Josef Stich hat nie für die Öffentlichkeit gemalt, weil es ihn schlichtweg nicht interessiert hat, was die Menschen von seinen Bildern oder von ihm denken. Es sind seine Erlebnisse und Erinnerungen, seine Berge und seine Bilder. Die Aneignung seines Lebensthemas, dokumentiert in Bildern. Im Zeitalter von Facebook, Twitter und Instagram, in dem jedes noch so unbedeutende Gipfelfoto gepostet, jedes mittelmäßige Panorama geliked und jeder überlaufene Aussichtspunkt gehashtagged wird, ist das nur schwer zu begreifen. Es ist eine Umkehrung der Motivlage: Heute gibt es „Instagram-Places“, die Menschen nur deswegen besuchen, weil sie auf irgendeiner Bucket List stehen. Das Erlebnis selbst wird dabei zur Nebensache. Josef Stich dagegen ging in die Berge, weil es ihm Freude bereitete. Und hielt das Gesehene in seinen Bildern fest – nur für sich.

Rund 70 ungerahmte Bilder liegen auf dem Tisch, alle schwarz und kantig mit „Stich“ signiert. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt seines Werks, wie eine kleine Goldkiste eines riesigen ungehobenen Schatzes. Er hat sie ausgewählt, um sie mir zu zeigen. Abstraktes wechselt sich ab mit Bergbildern, die Übergänge sind fließend. Erst einige Darstellungen aus der Umgebung, die Vilser Alm, der Aggenstein, Burg Falkenstein. Dann wird es schon schwieriger zu deuten. „Sieht du das?“, fragt der Sepp und deutet vage über eine Farbexplosion. „Ein Gesicht, ein Vogel, ein Haifisch, ein Schwan, eine Taube im Absturz und ein schlafender Rübezahl“, sagt er, während wir das Bild betrachten. „Das ist alles da drin.“ Nun zwinkert sein rechtes Auge. „Und hier: ein Vulkanausbruch.“ Das nächste Bild zeigt wieder eine Hütte in den Bergen. „Alm im Ötztal, von hinten.“ In der Selbstironie steckt eine Eigenwilligkeit, die an Ihr-könnt-mich-alle-mal grenzt. Das ist die Freiheit eines Künstlers, der immer genau das tat, was er gerade im Kopf hatte.

  • Ist das noch ein Berg? Oder eine Stadt? Oder ein Baum? Oder ein schlafender Rübezahl, von hinten?
  • Ist das noch ein Berg? Oder eine Stadt? Oder ein Baum? Oder ein schlafender Rübezahl, von hinten?

Es ist dunkel geworden, draußen stürmt es, und ein Fensterladen schlägt. Wir sitzen noch immer am Tisch und sprechen über die Bilder. Der Stapel ist von links nach rechts gewandert, nur etwa zehn Bilder haben wir noch nicht angesehen. Doch das sind die interessantesten, die Bilder, auf denen der konkrete Berg zum abstrakten Gebilde wird, weil es dem Sepp irgendwann einfach zu fad wurde, nur die Realität abzubilden.

Augen zusammenkneifen: Ist das noch ein Berg? Oder eine Stadt? Oder ein Baum? Oder ein schlafender Rübezahl, von hinten? Schwarze Zacken und bunte Linien schießen nach oben, fallen wieder ab, ergeben ein Tal, nein, einen Gipfel, nein, ein Panorama, nein, eigentlich nichts von alledem. Ich schaue den Sepp fragend an. Doch er sitzt nur da, grinst, lacht, als wollte er sagen: Das musst du schon selber entscheiden – und sagt: nichts.

Die interessantesten Bilder sind die, auf denen der konkrete Berg zum abstrakten Gebilde wird, weil es Josef Stich irgendwann einfach zu fad wurde, nur die Realität abzubilden.
Die interessantesten Bilder sind die, auf denen der konkrete Berg zum abstrakten Gebilde wird, weil es Josef Stich irgendwann einfach zu fad wurde, nur die Realität abzubilden.

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Paula Macedo Weiß ist Juristin, Kunstvermittlerin, Farbexpertin, Autorin und Mutter von vier Kindern. Ihr Haus lebt auch von Kunst und Design.
Haus von Paula Macedo Weiß Na Casa da Paula

Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 14.07.2021 08:16 Uhr