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Bauen auf dem Wasser : Schwimmende Holländer

  • -Aktualisiert am

Neben Luxus-Wohnarchen auch Sozialwohnungen geplant

Auch in Utrecht sind 19 Hausbesitzer in See gestochen. In Maasbommel treiben 40 Häuser direkt am Flussufer, aber auf der „falschen“ Seite des Deichs, auf der Wasserseite. Und wenn „Het Nieuwe Land“ im Polder in Westland, südlich von Den Haag 2015 geflutet und bebaut ist, wird es hier auf 70 Hektar Fläche 1200 Wohnungen geben, die Hälfte davon auf dem Wasser. Darunter 60 luxuriöse Wohnarchen oder treibende Privatinseln. Aber auch „Starterwohnungen“ von 130.000 Euro an aufwärts und ein Drittel Sozialwohnungen.

Vorausgesetzt, der Plan der Konstrukteure geht auf. Das Projekt ist mit 300 Millionen Euro veranschlagt, das erscheint Kritikern in diesen unsicheren Zeiten doch ein wenig viel. Sie werfen die Frage auf, ob hier tatsächlich „gesunde Ambitionen“ am Werke sind, die später als Blaupause für die übrigen 3500 Polder dienen können – oder ob es nur ein „gigantisches Prestigeprojekt“ ist. Jedenfalls sei schon knapp die Hälfte des Projektumfangs realisiert, verkünden die Planer von Waterstudio, der Firma von Koen Olthuis. Es seien rund 240 Wohnungen und ebenso viele Baugründe verkauft. Es wird aber wohl mehr „grundgebundene“ als schwimmende Wohnungen geben als bisher gedacht, das spart Geld.

Das Geld ist ohnehin der häufigste Kritikpunkt der Skeptiker, denn die Schwimmhäuser sind nicht gerade billig. Eine halbe Million Euro haben viele Bewohner in IJburg je Kubus versenkt, aber dafür besitzen sie jetzt Eigentum in Amsterdam. Die Villen in Maasbommel kosten bei 120 Quadratmeter Wohnfläche 350000 Euro. Schwimmhäuser sind etwa so teuer wie Festland-Wohnungen, dazu kommen aber schnell noch 110000 Euro für ein Stück Wasseroberfläche.

Als „teuerste Hausboote der Stadt“ verspottet

Hierzulande ist das nicht anders: Auch auf deutschen Flüssen und Seen gibt es ein paar wenige Treib-Häuser. Für zwei Stockwerke mit Sonnendeck auf dem Geierswalder See in Sachsen zahlen Käufer 484000 Euro. In Großstädten wie Hamburg liegen Schwimmhäuser von einer halben Million Euro an aufwärts auf den Kanälen und werden als „teuerste Hausboote der Stadt“ verspottet. „Bisher sind Schwimmhäuser hierzulande eine Nische im hochpreisigen Wohnungsbau“, räumt Jörg Knieling ein, Professor für Stadtplanung an der HafenCity Universität Hamburg, „auch weil die Planungsanforderungen so komplex sind. Das hat durchaus kritische Folgen aus Sicht einer sozial verantwortlichen Stadtplanung.“

Natürlich könnten Kommunen auch den Mietwohnungsbau auf dem Wasser forcieren. „Sie müssten bei der Stadtplanung nur die Vorgabe machen, dass es zur sozialen Durchmischung in solchen Vierteln kommt, und entsprechende Liegeflächen ausweisen“, sagt Knieling. In Holland geht es ja auch.

Anders als unsere sturm- und fluterprobten Nachbarn tun sich aber deutsche Gemeinden schwer mit Schwimmimmobilien. In Berlin gibt es mehrere Anträge, aber Flüsse gelten als Bundeswasserstraßen, deshalb darf man auf ihnen – wie auf Autobahnen – nicht wohnen. „An anderen Orten gibt es Konflikte wegen der öffentlichen Zugänglichkeit von Wasserflächen“, sagt Knieling, „weil die als öffentliche Freiräume eine soziale Funktion erfüllen.“ So schnell wird es hier deshalb keine größeren Schwimmsiedlungen geben. Vielleicht schauen wir uns das Polderexperiment erst mal in Ruhe bei den Holländern an. Ein bisschen verrückt waren die ja schon immer.

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