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Bilder einer Anstellung

Fotos BARBARA KLEMM, Text ROSE-MARIE GROPP

Jahrzehntelang hat sie für die F.A.Z. fotografiert. Am 27. Dezember wird Barbara Klemm 80 Jahre alt. Höchste Zeit, mit ihr ins Bildarchiv hinabzusteigen und unbekannte Aufnahmen herauszusuchen.

B arbara Klemm und das Licht sind eine Liebesgeschichte. Deshalb hätte man aber noch nicht direkt erwartet, dass sie eine ausgesprochene Schwäche für Schaufenster hat. „Ich liebe Schaufenster“, sagt sie, „ich sammle sie richtig.“ Vor allem die Spiegelungen gefallen ihr, wenn das Licht seine eigenen Spiele treibt.

Südkorea, 2017

Barbara Klemm besuchte die Wanderausstellung mit ihren „Bildern aus Deutschland“, die auf der Welttournee 2017 im Fotografie-Museum von Busan in Südkorea Station machte. Auf dem Flughafen fiel ihr das Schaufenster der französischen Luxusmodefirma auf, die dort gerade für ihre aktuellen Handtaschen Werbung machte. Der amerikanische Kunststar Jeff Koons hatte sie mit dem Porträt der Mona Lisa verziert. Wer genau hinschaut, kann erkennen, dass La Gioconda ihren Kopf etwas anders neigt als auf Leonardo da Vincis Gemälde im Louvre in Paris. Es handelte sich nämlich um eine Video-Installation, auf der Mona Lisa mit den Augen den Vorübergehenden zu folgen scheint, um ihnen endlich zuzuzwinkern. Daran hatte Barbara Klemm ihren ganz persönlichen Spaß.



Vietnam, 2018

Das Bild entstand auf dem Land, nahe der Hauptstadt Hanoi. Die Frau hat sich nicht eigens für Barbara Klemm so hingesetzt – sie saß dort einfach, in ihrer Haltung zwischen Entspanntheit und Aufmerksamkeit. Vielleicht ist sie eine Wächterin der Schriftfragmente, die hinter ihr unter Glas bewahrt sind? Die Tafel mit der Zahl „13“ rechts von ihr und die gerahmten Dokumente links von ihr könnten Hinweise darauf sein. Die Frau sitzt da in einem Kleid ganz von heute, keineswegs in traditionellem Gewand. Sie ist eine Person auf der Schwelle zwischen den Zeiten. Die Einrichtung des Raums um sie herum, ihr Stuhl und der Stuhl neben ihr weisen zurück, mindestens bis ins 19. Jahrhundert. Der Ventilator und die moderne Uhr rechts am Bildrand verorten sie in der Gegenwart. Was bleibt, ist das Geheimnis, das Barbara Klemm dieser Fremden – lächelt sie vielleicht sogar ein wenig? – nicht entreißen wollte.


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Kuba, 1997

Das Foto entstand auf einer Reportagereise nach Kuba mit dem im Jahr 2015 verstorbenen F.A.Z.-Kollegen Walter Haubrich, der sich in Lateinamerika auskannte wie kaum ein anderer. Eigentlich fotografiert Barbara Klemm bis heute auf ihren Streifzügen immer am liebsten „unterschiedlichste Menschen, bevor sie es bemerken“. Der starke junge Mann allerdings wollte für sie posieren und ließ die bemerkenswerten Muskeln vor seinem Bodybuilding-Center spielen. Sie hat die Gelegenheit genutzt, um daraus ein phantastisch durchkonstruiertes Spiel von Licht und Schatten zu machen – mit den Palmwedeln im Hintergrund, die das Ganze zu einer Komposition voller Humor machen.



Paris, 1977

„Lido“ heißt das Revuetheater in Paris an den Champs-Elysées, das seine allerbesten Tage inzwischen hinter sich hat. Barbara Klemm war dort 1977, in den hohen Zeiten des Cabarets, vor mehr als 40 Jahren, dienstlich auf Reportage unterwegs. Die umwerfende Geste der Tänzerin kennt indessen kein Verfallsdatum. Es war vielleicht hilfreich, dass die jungen Frauen, die dort auftraten, die Fotografin, damals selbst noch in ihren Dreißigern, zuvor hinter die Kulissen in ihre Garderobe gelassen hatten (auch davon gibt es Bilder). So konnte Barbara Klemm diesen Moment zerbrechlicher Anmut erfassen, die sich professionell ein Lachen ins Gesicht gemalt hat.


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Skopje, 2018

Das Bild entstand auf einer privaten Reise Barbara Klemms nach Skopje, in die Hauptstadt des heutigen Nordmazedoniens. Im vergangenen Jahr hieß der Staat in Südosteuropa noch Republik Mazedonien. Nach langem Streit um den Namen mit dem benachbarten Griechenland gilt erst seit Februar 2019 die offizielle Bezeichnung Nordmazedonien. Zu sehen ist die Front eines Herrenausstatters in der Altstadt. Das Szenario offenbart seinen tieferen Witz auf den zweiten Blick: Oben rechts unter dem jugendstiligen Vordach hängen die Anzüge mit ihren sorgfältig arrangierten Hosenbeinen, unten links sind die modischen Jeans in den Vordergrund gerückt. Neben der eingewickelten Puppe in der Mitte, die ihrer Ausstaffierung offenbar noch harrt, steht im Eingang des Ladens die einzige lebende Person auf dem Foto, vielleicht der leger gekleidete Besitzer, als würde er über den Fortgang der Kostümierungen nachsinnen. Es ist eines der klassischen Bilder von Barbara Klemm, das wie eine für sie bereitete Bühne aussieht: perfekt in der Ausnutzung des Raums über die ganze Breite, ohne Verengung auf ein Zentrum. Um das allerdings im Vorübergehen zu erkennen, braucht es den Blick der Fotografin.



Mongolei, 1992

Gemeinsam mit Kollegen des Wissenschaftskollegs in Berlin bereiste Barbara Klemm die Mongolei. In ihrem großartigen Aufbau hat die Fotografie die Anmutung eines Landschaftsgemäldes im Breitwandformat. Für diesen Effekt benutzte die Fotografin ein Teleobjektiv. Die Weite der Steppe wird erfahrbar in den ziehenden Herden mit Rindern und Schafen, begleitet von einem Reiter und einem Hirten. Darüber erheben sich die Berge und ein dramatisch bewölkter Himmel. Wie graphische Markierungen erscheinen vor dem Horizont die Masten einer Überlandleitung, Zeichen nicht allzu ferner technischer Zivilisation. So legt die Fotografie Rechenschaft ab über die Begegnung der Phantasie von Unberührtheit mit dem für Menschen notwendigen Fortschritt – vor mehr als einem Vierteljahrhundert.



Busan, 1988

Die Olympischen Sommerspiele fanden 1988 in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul statt. Barbara Klemm nutzte ihre Reportagereise dorthin für weitere Erkundungen im Land, unter anderem in Busan, der zweitgrößten Stadt Südkoreas. Auf einem Markt am Hafen entstand dieses Foto. Der kleine Junge betrachtet ein Hündchen, das wie zwei andere Welpen und Kätzchen in seiner Pappschachtel zum Verkauf bereitsteht. Es ist ein zärtliches Bild. Und doch ist es auch durchkomponiert – das genaue Gegenteil eines Schnappschusses. Eine Diagonale zieht sich von links unten nach rechts oben durch die Fotografie. Sie trennt gleichsam das Kind von den Tieren. So ist es auch eine kurze Geschichte über Sehnsucht und Hoffnung, weit über die an sich alltägliche Szene hinaus.

San Cristobal, 1985

Ihre Reise nach Mexiko führte Barbara Klemm auch nach San Cristóbal de las Casas, in eine Stadt im Hochland des südlichen Bundesstaats Chiapas. In San Cristóbal wohnen bis heute vor allem Mayas. Weltbekannt ist die Stadt für ihre Kolonialarchitektur, die Barbara Klemm auch fotografiert hat. Aber dieses hier ist ein noch nie veröffentlichtes Bild, das ihr am Herzen liegt. Die zwei kleinen Mädchen, sagt sie, seien ihr damals erschienen wie von alten Zeiten her, als könnten sie so auch noch als alte Frauen zusammensitzen. Sie sind, mit Wollfäden beschäftigt, ganz in ihr Gespräch vertieft, in wärmende Kleidung gepackt, doch mit bloßen Füßen, neben ihnen eine Feuerstelle. In ihrer Versunkenheit haben sie die Fotografin nicht bemerkt; sonst wäre der Augenblick zerstört gewesen. So aber kann er eine Utopie des Miteinanders bewahren.


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Berlin, 2006

Dieses Foto ist Barbara Klemm wichtig. Es zeigt Sibylle Bergemann (links) und Inge Keller. Sibylle Bergemann (1941 bis 2010) war schon in der DDR eine bekannte Fotografin, bis heute sind ihre Aufnahmen für das Frauenmagazin „Sibylle. Zeitschrift für Mode und Kultur“ in Erinnerung – der Titel geht auf die Gründerin Sibylle Gerstner zurück. Nach dem Mauerfall war Sibylle Bergemann im Jahr 1990 Mitbegründerin der Agentur Ostkreuz in Berlin. Barbara Klemm zählt, wie viele internationale Fotografen, zu ihren Verehrern. Inge Keller (1923 bis 2017) war eine bedeutende Theaterschauspielerin, schon in Ost-Berlin gefeiert. Nach der Wende war sie zudem in deutschen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen, noch immer eine eindrucksvolle Erscheinung; auch Sibylle Bergemann hatte sie porträtiert. Das Bild entstand, als Sibylle Bergemann 2006 eine Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin hatte, da war sie schon sehr krank. Barbara Klemm hat die beiden Frauen fotografiert, einander innig zugewandt wie auf einem Freundschaftsporträt der Romantiker.



Frankfurt, 2000

Den amerikanischen Bildhauer Richard Serra schätzt Barbara Klemm hoch. Bestimmt nicht deshalb, weil er nur einen Monat vor ihr geboren wurde. Serra und sie sind wahre Zeitgenossen, weil sie beide aus Licht und vorhandenem Material Skulpturen machen können. Er aus Stahl, sie mit der Kamera. Barbara Klemm hat die berühmtesten Künstler fotografiert, in deren Umgebung, vor deren Arbeiten. Jedoch ein Werk nur für sich allein stehen zu lassen, ausgesetzt in einem unbekannten Raum, ist eine Kunst für sich. Serras Werk „The Drowned and the Saved“ war im Jahr 2000 in Frankfurts Historischem Museum ausgestellt in der Schau „Das Gedächtnis der Kunst“. Der Titel erinnert an Primo Levis letztes Buch „Die Untergegangenen und die Geretteten“ von 1986. Die Fotografie ist reine Synthese aus Materialität und Geometrie, aus Licht und Schatten. Aufgenommen von Barbara Klemm im Gegenlicht, steht Richard Serras scharfkantiger stählerner Tisch nackt da, wie ein aller Utensilien entkleideter Altar. Es entsteht ein Raum fast klösterlicher Andacht.



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Beim Sichten: Rose-Maria Gropp (links) und Barbara Klemm im Archiv Foto: Helmut Fricke

W ir befinden uns im Fotoarchiv der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und schauen Abzüge ihrer Fotografien durch. Dabei verfolgen wir für unsere Auswahl eine spezielle Strategie: Wir wollen Bilder von ihr zeigen, die noch nie zuvor veröffentlicht worden sind. Barbara Klemm hat die Idee sofort gefallen. Ihr Vergnügen besteht jetzt darin, solche Bilder zu finden, die man „mit mir nicht unbedingt in Verbindung bringt“. Wir haben uns also auf die Suche gemacht. Wobei es ziemlich unmöglich ist, ihren unverwechselbaren Blick zu verkennen. Aber es darf schon ein wenig gestaunt werden über die Entdeckungen. Zu denen, gleich zum Auftakt gut sichtbar, übrigens der Tribut an die oben erwähnte Sympathie für reizvolle Schaufenstergestaltung gehört.

Barbara Klemm hat bis zu ihrer Pensionierung im Jahr 2005 als Redaktionsfotografin dieser Zeitung gearbeitet. Im Fotoarchiv ruht dieser Bilderschatz – genauer, er ist von dort aus bis heute im ständigen weiteren Einsatz. Es gibt allein rund 450 Schachteln, die ursprünglich für Fotopapier waren, jede von ihnen enthält 20 oder mehr großformatige Abzüge. Die ungezählten Streifen mit den Negativen – Barbara Klemm fotografiert ausschließlich analog und in Schwarzweiß – füllen dort viele Meter von Wandschubern, sorgsam geordnet nach einem ausgeklügelten System; denn ein falsch einsortierter Umschlag mit Kontaktstreifen ist ein verlorener in dieser Menge. In Aktenordnern ist die einzigartige Ausbeute von fast einem halben Jahrhundert dokumentiert.

Wir machen uns über die Schachteln mit den Abzügen her, die gegenüber in den Regalen stehen, chronologisch beschriftet. Barbara Klemms phänomenales Gedächtnis ist unser Begleiter: „Da ist nichts, was wir brauchen können, dort lass uns gucken." Also schauen wir in der Schachtel „Paris 1977“, der dann die Schöne der Nacht aus dem „Lido“ entstieg, und wir öffnen „Kuba 1997“, für den Auftritt des muskelstolzen Bodybuilders. Einige großartige Bilder müssen wir aus Platzgründen wieder aussortieren, wie eine aufgeregte Männerhorde beim Rodeo aus der „Texas“- Schachtel; dafür sollten die so selbstversunkenen kleinen Maya-Mädchen aus „Mexiko 1985“ bleiben dürfen.

Rose-Maria Gropp (links) und Barbara Klemm Foto: Helmut Fricke

Denn Barbara Klemm und die Menschen – das ist die andere große Geschichte. Dafür stehen ihre Reportagefotografien aus allen Weltgegenden, die Porträts von Politikern oder Künstlern. Als sie 2011 in den Orden Pour le mérite aufgenommen wurde, nannte der Dichter Durs Grünbein sie in seiner Laudatio „die Demokratin der Fotografie“. Und das heißt, dass sie eine Teilnehmerin ist am gesellschaftlichen und politischen Geschehen, das sie festhält mit ihrer Kamera. Dass sie Stellung bezieht mit diesem leisen Klick im entscheidenden Moment, der oft mehr sein kann als lautstarkes Engagement – dafür ist sie berühmt geworden.

Bei unserer Sichtungsarbeit im Archiv suchen wir nach eher stillen Bildern, die den Menschen in deren Umgebung gewidmet sind. In der Schachtel „Mongolei 1992“ finden wir die fast noch archaische Landschaft, ein wirkliches Traum-Bild, ein perfektes fotografisches Kunstwerk obendrein. Und Barbara Klemm wählt das Bild des Herrenausstatters in Skopje aus, in dem das wie aus der Gegenwart gefallene Geschäft als Kulisse des wirklichen Lebens dasteht. Tatsächlich hat sie den Straßenladen erst jüngst fotografiert, im Jahr 2018.

Barbara Klemm hat nie aufgehört, was sie sieht, wo immer sie ist, erst mit ihrem eigenen Blick, dann mit ihrer scharfgestellten Kamera festzuhalten. Am Grund ihrer geräumigen Handtasche ist jederzeit mindestens mit ihrer kleinen Leica zu rechnen. Dass sie am 27. Dezember 80 Jahre alt wird, ist da nur ein Datum. Doch was für ein Glück für uns alle – und Anlass, mit ihr zu feiern.


Fotos Barbara Klemm, Text Rose-Marie Gropp
Multimedia: Carsten Feig

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 27.12.2019 13:23 Uhr