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Ein Bildband für Europa : Drawing Europe together

Bruce Ingmans Botschaft ist klar: Die Tür ist geöffnet, es ist nicht zu spät für Großbritannien. Bild: Bruce Ingman

Die Freude an Europa und die Furcht um die bestehende Gemeinschaft – diese Gefühle greift ein Bildband des Künstlers Axel Scheffler auf, indem er Werke von Illustratoren zu Europa zusammengetragen hat.

          Ein Bus, blau lackiert mit goldenen Sternen. Die Passagiere sind Kinder, von denen zwei sogar auf dem Busdach sitzen und Geige spielen. Ein dritter Platz dort oben ist leer. Hinter dem Bus aber rennt ein Junge mit einem Instrumentenkoffer in der Hand. Sein Pullover trägt die Farben der britischen Flagge. Und durch die noch immer geöffnete Bustür geben ihm die Kinder Zeichen, er solle sich beeilen. Alle warten nur darauf, dass er sich zu den anderen setzt.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Botschaft in Bruce Ingmans Zeichnung könnte gar nicht klarer sein. Der Künstler schreibt dazu: „Ich hoffe wirklich, dass es noch nicht zu spät ist und dass die Leute vernünftig werden. Ich liebe es, Teil von Europa zu sein, und meine Kinder lieben es auch.“

          Ingman, geboren 1963 in Liverpool, hat seine kolorierte Zeichnung für eine Ausstellung geschaffen, die Werke von britischen, deutschen, französischen und niederländischen Künstlern umfasst. Gezeigt wurde sie im vergangenen Jahr unter anderem im Institut Français in London. Wer sie besuchte, sah in zwei großen Sälen, wie emotional sich einige der bedeutendsten Illustratoren unserer Zeit dem Thema „Europa“ nähern, mit wie viel Wärme sie jene Gemeinschaft darstellen, die im Lauf der Jahre mit ihnen gewachsen ist und die sich bisher immer weiter zu vertiefen schien. Die ihre Grenzkontrollen so weit reduzierte, dass man heute kaum merkt, wenn man ein anderes Land betritt, und die es mit ihren vielgescholtenen Normierungen und einer gemeinsamen Währung den Bürgern leichter machte, sich überall zurechtzufinden.

          Zustande brachte diese Ausstellung Axel Scheffler, der seit 1982 in England lebt und spätestens mit dem Bilderbuch „Der Grüffelo“ zu einem der beliebtesten und bekanntesten Illustratoren überhaupt geworden ist. Seine Bücher, von denen viele auf Texten von Julia Donaldson beruhen, sind millionenfach in der Welt verbreitet, nach ihnen sind Filme und zahlreiche weitere Adaptionen entstanden. Gerade ist in Berlin eine „Grüffelo“-Oper mit Musik von Ivan Fischer uraufgeführt worden.

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          Stark wie ein Stier

          Scheffler setzt seine Bekanntheit dafür ein, dass er mit seiner Erbitterung und Enttäuschung über die Brexit-Entscheidung gehört wird, in der nicht mehr allzu großen Hoffnung, etwas dagegen ausrichten zu können. Er gibt Interviews, spricht das Thema in Dankesreden bei Preisverleihungen an, und er versammelte die Zeichnungen der Ausstellung in dem Buch „Drawing Europe together“, für das er auch ein Vorwort geschrieben hat. Nach der englischen Ausgabe bei Pan Macmillan erscheint jetzt die deutsche im Verlag Beltz & Gelberg.

          Die Liebe der Zeichner zu Europa wird auch durch deren Lebensläufe beglaubigt. Axel Scheffler lebt als Deutscher mit einer französischen Partnerin in der britischen Hauptstadt. Die Autorin Judith Kerr, deren Kindheitsgeschichte durch ihr Buch „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“ bekannt geworden ist, fand nach der Flucht der Familie aus Deutschland in England eine neue Heimat und ist mit ihren populären Bilderbüchern („Der Tiger, der zum Tee kam“, „Mog, die vergessliche Katze“) eine Säule des britischen Kinderbuchmarkts. Sie steuerte eine Zeichnung ihrer beiden bekanntesten Charaktere bei, die mit herzwärmendem Lächeln Europafahnen schwenken; die Katze Mog hält dabei die Fahne gut fest.

          Eine Mischung aus Freude an Europa und Sorge um die Gemeinschaft prägt viele der Zeichnungen dieses Bandes. Dass sich in der Brexit-Entscheidung nicht zuletzt auch eine ethische Frage verbirgt, machen die Bilder allemal deutlich. Es geht nicht nur um die Schwierigkeiten beim Reisen oder die Grundversorgung mit Gütern, es geht auch um die Frage, wie viel Offenheit und Durchlässigkeit unsere Gesellschaft verträgt und wie wir uns generell zum Fremden stellen.

          Vielleicht hilft in all dem Bangen um Europa aber auch ein Blick auf das Bild, das der niederländische Zeichner Thé Tjong-Khing zu Schefflers Projekt beisteuerte: Da balancieren Tiere auf dem Rücken eines Stiers. Die Hunde, Katzen und Kaninchen haben Fahnen europäischer Nationen in der Hand und bilden zusammen eine kunstvolle Figur – „Together we are great“ steht handschriftlich daneben. Am bemerkenswertesten aber ist der Stier. Er trägt das alles ohne Anzeichen von Erschöpfung. Europa, soll das wohl heißen, ist stark genug.

          Die Illustrationen stammen aus dem Band: „Zeichnen für ein Europa: Bilder von 45 Illustratorinnen und Illustratoren. Mit einem Vorwort von Axel Scheffler.“ (Beltz & Gelberg, 12,95 Euro).

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