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Spontane Reise durch Europa : Take the long way home!

  • -Aktualisiert am

Mit dem Eurostar sollte es eigentlich spontan nach Brüssel gehen – stattdessen führte die Reise nach Paris. Bild: Simon Schwartz

Eigentlich sollte die Reise nur ein Wochenende dauern und nach London gehen. Stattdessen waren unsere Autoren fast eine Woche unterwegs – und sahen London, Paris, Brüssel, Amsterdam. Wie aus einem Familien-Trip ein persönlicher Brexit wurde.

          Marcus
          Als wir wieder in Berlin ankommen, ist es weit nach Mitternacht. Die Stadt ist still, menschenleer und wirkt verändert, als sei in der Zeit unserer Abwesenheit irgendetwas vorgefallen. Aber so ist das ja immer, wenn man von einer langen Reise zurückkehrt. Man denkt, irgendwas ist anders, und kommt nicht darauf, dass man es selbst ist, der sich verändert hat. Ursprünglich hatten wir nur ein Wochenende in London verbringen wollen. Alexa, unsere beiden Kinder und ich. Es war unsere erste größere Reise, und wie das bei ersten Malen so ist: Es sollte alles perfekt sein.

          Ich hatte ein besonders englisches Hotel gefunden, das nicht weit vom Stadtzentrum entfernt lag, und Alexa hatte eine Wunschliste mit lauter wunderbaren Orten, die sie gern besuchen wollte, weil sie für ein neues Buch recherchierte, in dem sowohl Vincent van Gogh als auch London vorkommen sollten. Wir flogen am Freitagnachmittag hin und wollten am Sonntagabend wieder in Berlin sein. Stattdessen waren wir fast eine Woche unterwegs. Die Reise führte uns von London nach Paris und Brüssel bis Amsterdam, und wir benutzten dabei so gut wie alle verfügbaren Verkehrsmittel. Kurz gesagt: Unser persönlicher Brexit war kein Stück unkomplizierter als das, was die Briten gerade versuchen.

          Alexa
          Das letzte Mal war ich in der achten Klasse in London gewesen. Was ziemlich aufregend gewesen war, weil uns einige englische Jugendliche vor Wut über Dünkirchen in der Fußgängerzone mit Steinen bewarfen. – Aber es gab auch erfreuliche Momente. Zum Beispiel, als wir bei Madame Tussauds im Wachsfigurenkabinett waren und ich mir zum Schluss dieses edle James-Dean-T-Shirt im Souvenir-Shop kaufte. Seitdem wünschte ich mir nichts sehnlicher, als noch einmal ins Wachsfigurenkabinett zurückzukehren in dem mich besonders die Figuren aus längst vergangenen Zeiten beeindruckt hatten.

          Das Sektionsvortrag von Vincent van Gogh in einer Illustration von Simon Schwarz nachempfunden.

          Daher lag es nahe, dass ich nun einen mysteriösen Roman über eine Wachsfigur plante. Darin sollte der modellierte Vincent van Gogh die tragende Rolle spielen. Also stand ich mit meiner Familie an besagtem Wochenende, 25 Jahre später, vor diesem feinsinnigen Mann, der auf frappierende Weise Ähnlichkeit mit meinem Mann hatte – ich rede nicht von der wächsernen Gesichtsfarbe, sondern von der Tiefe seines Blicks. Nachdem ich die Aura des nachempfundenen van Gogh aufgesogen und mir Notizen zu seinen Gesichtszügen gemacht hatte, besuchten wir auch noch die anderen Abteilungen.

          Marcus und ich nutzten die zur Schau gestellten Szenerien, um den Kindern einen Intensiv-Lehrgang über die Schlacht von Trafalgar und Jack the Ripper zu geben. Anschließend wollten wir uns richtig was gönnen und flanierten im Nieselregen an der Baker Street vorbei zum Landmark Hotel. Der Eingang des schlossähnlichen Gebäudes glitzerte golden. Drinnen war alles noch eindrucksvoller. Palmen schossen in den gläsernen Himmel, zierliche Tische standen terrassenartig angeordnet, und wir bestellten uns zu viert eine heiße und sehr teure Schokolade. Finanziell war nach den kostspieligen Erinnerungsfotos bei Madame Tussauds einfach nicht mehr drin.

          Marcus
          Wir taten alles, damit unsere Kinder auch merkten, dass sie wirklich in London waren. Wir gingen zu Harrod's, wo wir in der Spielwarenabteilung eine Art magnetischen Sand entdeckten, der auf geheimnisvolle Weise zusammenhielt und auseinanderfiel und dabei ein angenehmes Gefühl auf der Haut hinterließ. Minutenlang standen wir vor der Kiste und steckten unsere Hände hinein. Wir fuhren mit dem Taxi die Sensationen ab, Big Ben, Tower of London, London Eye, Buckingham Palace, Piccadilly Circus, und aßen einen fabelhaften Apple Crumble im Café der Kirche St Martin-in-the-Fields.

          London Westminster

          Wir spazierten durch Notting Hill, das die Kinder – und ehrlich gesagt auch wir – bisher nur aus dem gleichnamigen Film kannten. Da standen an einer Ecke tatsächlich ein paar Studenten mit Pappmasken von Hugh Grant und Julia Roberts, die man aufsetzen konnte, um sich als falscher Star vor echter Kulisse fotografieren zu lassen, was Alexa und ich natürlich sofort machten. Zum Schluss fuhren wir quer durch die Stadt zum Victoria-Park, einer schönen Anlage mit alten Bäumen und einem kleinen, in Beton eingefassten Teich, auf dem Schwäne leben, die man füttern kann. Uns befiel eine angenehme Müdigkeit.

          Im Pavillon am Seeufer bestellten wir, bevor wir zum Flughafen mussten, ein letztes Mal Tee und Scones und spielten eine Art Mensch ärgere Dich nicht, das unser Sohn in einem Regal entdeckt hatte. Zwei Tage lang waren wir durch London geschossen, als könnten wir etwas verpassen. Jetzt, am Ende des Besuchs, in diesem Pavillon im Park, war es, als seien wir keine Touristen, sondern Einheimische, die ein entspanntes Wochenende in ihrer Stadt verbringen. Als wir das nächste Mal auf die Uhr sahen, war es für den langen Weg zum Flughafen bereits überraschend spät.

          Alexa
          Natürlich haben wir uns beeilt, zum Flughafen zu kommen, was nicht wirklich gut geklappt hat, weil die Straßen in London um die Feierabendzeit ziemlich dicht waren und wir auch noch unser Gepäck aus dem Hotel holen mussten. Sehr lange standen wir an einer Stelle vor einem hübschen Townhouse und guckten hilflos aus den Taxifenstern, weshalb wir uns irgendwann entschlossen, mit der Regionalbahn zum Flughafen zu fahren. Das klappte nicht unbedingt besser, da mehrere Züge nacheinander ausfielen. Mir hat das nicht allzu viel ausgemacht, da ich grundsätzlich nicht gern fliege.

          Ich leide unter Flugangst, und für mich ist eine Reise eigentlich immer erst im Nachhinein entspannend, wenn ich wieder gelandet bin und weiß, dass alles gut gegangen ist. Doch plötzlich, als klar war, dass wir unseren Flieger verpassen, wurde ich so richtig fröhlich. Ich machte Scherze auf dem regnerischen, zugigen, überfüllten Bahnsteig, während Marcus versuchte, uns doch noch in einen Flieger am Abend einzubuchen, was nicht möglich war. Ich geriet richtig in Hochstimmung – denn nichts zwang uns, am nächsten Tag wieder zu Hause zu sein. Es waren Herbstferien, also keine Schule.

          Einen Flug zu verpassen kann bei Flugangst durchaus ein Segen sein.

          Da wurde ich total spontan und schlug vor, dass wir doch mit dem Eurostar durch den Tunnel fahren könnten und von dort aus weiter nach Berlin. So kompliziert konnte das ja nicht sein. Marcus, der jetzt die Faxen dicke hatte mit dem windigen Bahnsteig, den Koffern, der Aussichtslosigkeit, noch einen Flieger zu bekommen, fand meine Idee zumindest interessant. Außerdem konnte er jetzt in seinem Handy was Neues recherchieren.

          Es dauerte nicht lange, schon rief er: „Los! Beeilt euch, Leute! Wenn wir den letzten Eurostar noch kriegen wollen, müssen wir rennen!“ Das taten wir! Ich war so stolz auf meine Kinder, wie sie mit all unseren Koffern und Taschen sprinten konnten. Absolut entschlossen und einsatzbereit. Keine halbe Stunde später hetzten wir durch die Sicherheitskontrolle und sprangen in den rettenden Super-Zug, von dem Marcus meinte, es sei der richtige. Mit brennenden Lungen, begeistertem Grinsen, total aufgepeitscht, keuchten wir auf unseren Sitzen, weil in diesem Augenblick ein echtes Abenteuer mit ungewissem Ausgang begann.

          Marcus
          Es ist wirklich ein erhebendes Gefühl zu verreisen, aber wenn man denkt, man kommt nicht mehr nach Hause, verkrampft man plötzlich. Ich war im Paparettet-uns-Modus, als ginge es nur darum, irgendwie rauszukommen aus London. Aber jetzt waren wir auf dem sicheren Heimweg, auch wenn der erst mal unter dem Ärmelkanal hindurch nach Brüssel führen würde. Hinter den Fenstern lag die mauerdicke Schwärze des Tunnels, und wir hatten uns gerade in der Sitzgruppe eingerichtet, als die Ansage kam, dass wir in einer halben Stunde in Paris eintreffen würden. „Wieso Paris“, fragte Alexa, „fahren wir nicht nach Brüssel?“

          Unverhofft den Eiffelturm in Paris zu besichtigen, dürfte vor allem für die Kinder eine große Freude gewesen sein.

          Ich antwortete schnell: „Ist bestimmt nur ein Zwischenhalt.“ So als sei das ein Bummelzug von Berlin nach Neubrandenburg und nicht der Eurostar. Dann sah ich auf der Fahrkarte, dass wir tatsächlich nach Paris fuhren. Nur nach Paris. Um nach Brüssel zu kommen, hätten wir einen anderen Zug nehmen müssen. Das hatte ich am Schalter übersehen. „Paris!“, riefen die Kinder, „wir fahren nach Paris! Ist das nicht Wahnsinn?“ Und das war es auch.

          Alexa
          Als wir mit unseren Koffern aus dem Gare du Nord traten, war es kurz vor Mitternacht. Paris lag vor uns, wie man es sich vorstellt. Rote und pinkfarbene Lichter blinkten vor dunklem Nachthimmel. Autohupen. Es war ein Fest. Einziges Problem: Wir hatten kein Hotel. Daher nahmen wir den kürzesten Weg, schräg über den Bahnhofsvorplatz, zum Mercure. Das Etablissement kam uns herrschaftlich vor. Wie die Kinder im Mary-Poppins-Film, als sie die Phantasiewelt ihres Kindermädchens betreten, betraten wir mit leuchtenden Augen die Hotellobby.

          Van Goghs Sonnenblumen sind ein Teil der Wesenserfassung des Künstlers auf der Familienreise.

          Der Concierge führte uns über eine Hintertreppe zum letzten freien Zimmer und ließ uns eintreten, als hätte er es die ganze Zeit für uns freigehalten. Darin stand ein einziges riesiges Bett, der Blick ging auf eine Brandschutzmauer. Unter anderen Umständen hätte ich es übertrieben gefunden, zu viert in einem Bett zu schlafen. Doch jetzt, mitten in der Nacht, waren wir alle nur dankbar. Ich besonders, denn nun ging noch ein Wunsch von mir in Erfüllung, um nicht zu sagen: mehrere Wünsche. Ich war in Paris. Mit meiner Familie. Wir würden den Eiffelturm besichtigen und das Musée d'Orsay besuchen, um dort das berühmte Selbstporträt von Vincent van Gogh zu bestaunen, nach dem seine Wachsfigur bei Madame Tussauds angefertigt worden war.

          In Amsterdam

          Mit einem Mal erkannte ich den tieferen Sinn dieser Reise. Ich sollte Vincent van Goghs Wesen erfassen und gleichzeitig meinen Kindern die Welt zeigen. Selbstverständlich schritten wir am nächsten Tag auch noch im goldenen Schein der Gewölbe von Notre-Dame herum, bis wir am frühen Nachmittag nach Brüssel aufbrachen, von wo es nur ein Katzensprung nach Zundert war, zum Geburtshaus Vincent van Goghs.

          Marcus
          Ich schätzte die Chancen, in Paris eine Autovermietung zu finden, die uns einen Wagen überlässt, mit dem wir über mehrere Landesgrenzen nach Berlin fahren dürfen, als gering ein. Aber ich wollte nicht der Spielverderber sein, darum sagte ich meiner Familie nichts. Während uns die Leute in der ersten Autovermietung noch ansahen, als würden wir fragen, ob wir ihr Auto nicht gleich behalten könnten, waren sie in der zweiten Station froh, uns zu sehen. Sie hatten tatsächlich einen Kleinbus da, eher ein Lieferwagen mit Sitzen, der nach Berlin überführt werden musste.

          Langsam begann ich zu glauben, was Alexa schon die ganze Zeit sagte: dass wir auf unserer Reise das Glück an unserer Seite hatten. Es bewahrte uns zwar nicht davor, auf dem Pariser Autobahnstadtring die Orientierung zu verlieren und ihn im Berufsverkehr zwei Mal zu umkreisen, aber nach einer kurzen Nacht in einem Hotel in Brüssel parkten wir unseren Lieferwagen am Mittag allen Ernstes in Zundert.

          Einer Stadt, in der, einschließlich der Pommes, die wir auf dem Markt aßen, alles schwer und dunkel wirkte, obwohl sich das Museum, zu dem das Haus der van Goghs umgebaut worden war, die größte Mühe gab, alles freundlich aussehen zu lassen. Im Museumsshop kauften wir eine Flasche mit trauriger Brabanter Erde, als würden wir damit genauer verstehen, woher van Gogh kam, und fuhren weiter nach Amsterdam.

          Alexa
          Amsterdam habe ich schon als junges Mädchen geliebt. Doch das Van-Gogh-Museum kannte ich noch nicht. Und als nunmehr größter Fan des Malers war ich berauscht von den Originalen, die dort an den Wänden hingen. Ich fasste Mut, dass mein Roman mit dem auferstandenen van Gogh ebenfalls ein Meisterwerk werden könnte, gleichzeitig war ich hingerissen, was für tolle Eltern Marcus und ich waren. Wie aus dem Nichts bescherten wir unseren Kindern eine großartige Bildungsreise, durchquerten halb Europa, als sei es keine große Sache, aßen viel Fast Food, kauften Erinnerungsstücke im Museumsshop.

          Marcus und ich bekamen uns auch nur ab und zu in die Wolle, wenn Marcus am Steuer nach der langen Fahrt die Augendeckel zuklappten. Aber das war ja auch normal. Als wir schließlich nachts in Berlin ankamen, war es so, als hätten wir eine Reise zum Mond unternommen und Unglaubliches erlebt. Nur war leider niemand auf der Straße, dem wir davon aufgeregt hätten erzählen können. Nun denn, einiges davon sollte in meinen Roman fließen und ein paar der Reisequittungen in meine Steuerabrechnung. Kleiner Scherz.

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