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Bildband „Beyond the West“ : Schöner Bauen im Süden

  • -Aktualisiert am

Der Bildband des Taschenverlags „Beyond the West“ zeigt Architektur abseits der westlichen Normen. Bild: gestalten

Westliche Architekturbüros haben die Baulandschaft im globalen Süden geprägt. Der Bildband „Beyond the West“ wirft der einen Blick auf heimische Architekturbüros und deren innovative Entwürfe.

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          Die heutigen Anforderungen an Architekten kann man mit einer gebäudegewordene eierlegende Wollmilchsau vergleichen: Die Bauten sollen schick aussehen, repräsentieren, unter fairen Arbeitsbedingungen gebaut sein und außerdem einen möglichst geringen ökologischen Fußabdruck hinterlassen  - und obendrein dem eigenen Kunstanspruch auch irgendwie noch gerecht werden.

          Das ist schon in westlichen Ländern nicht einfach, doch je weiter Richtung Süden man sich bewegt, desto größer werden die Herausforderungen für das Bauen. Der Band „Beyond the West“ aus dem „gestalten“-Verlag stellt auf rund 300 Seiten über 40 Projekte einer „New Global Architecture“ vor, der dieser Spagat gelingt: Gebäude, die sich in die Umgebung fügen und auf die sozialen und klimatischen Gegebenheiten abgestimmt sind. Und schön sehen sie auch noch aus.

          Die Häuser und Gebäude, die in dem Band gezeigt werden, eint vor allem eins: Sie sind von lokalen Architekten entworfen. Die knallbunten „Cholets“ des bolivianischen Architekten Freddy Mamani beispielsweise: Das Wort ist eine Mischung aus „Chalet“ und „Cholo“, der oft abwertend gebrauchten Bezeichnung für die indigene Bevölkerung. Mamanis „Cholets“ – Wohn- und Geschäftshäuser im bolivianischen El Alto – sind mit ihren seltsam verschnörkelten Fassaden und der knallbunten Farbgebung nicht nur Blickfang, sondern auch Zeugnis des Aufstiegs der neuen indigenen Mittelschicht in Bolivien. Die Fassaden und Farben sind Referenzen an traditionelle Kleidung und Muster aus Ruinen, die in der Nähe gefunden wurden. Die aufstrebende indigene Bevölkerung Boliviens hat mit Mamanis Bauten eine ganz eigene architektonische Sprache bekommen.

          Ein Kéré-Bau in Burkina Faso

          Lärm soll draußen bleiben

          Sein überbordender Farb-Irrsinn ist aber eher die Ausnahme in diesem Band. Meistens ist das Farbspektrum eher erdig gehalten: Je nach Region dominiert ein kräftiges Ocker, elegantes Steingrau oder verschiedene Holz-Töne. Bei vielen vorgestellten Projekten zeigt sich, wie der westliche Hang zum ästhetischen Minimalismus sich mit lokalen Materialien und sozialer Verantwortung verträgt. Die Projekte von Kéré Architecture sind eines der Beispiele, die die Autoren besonders hervorheben: Das Büro von Francis Kéré baut in Afrika unter anderem Schulen, wie die Gando Primary School in Burkina Faso.

          Kéré hat für den Bau unter anderem ein neues Verfahren entwickelt, bei dem Ziegel aus lokaler Erde hergestellt werden können. Die seien zum einen günstiger als Beton, zum anderen hielten sie auch den örtlichen Regenfällen stand. Dazu kommt, dass auf den Baustellen Menschen aus der Region arbeiten. Die Low-Tech-Bauweise ermögliche es der Dorfgemeinschaft beim Bau und bei der Reparatur zusammen zu helfen, so wie es in Burkina Faso Tradition ist.

          In Iran zeigen die Macher ein schlichtes, wunderschönes Haus, das aus lokalem Travertin gebaut ist und sich so, trotz seiner modernen Fassade, gut in die Umgebung fügt. Ähnliches gilt für den Neubau einer Moschee in Ägypten, der paradoxerweise gleichzeitig ausgesprochen prunkvoll und trotzdem westlich-minimalistisch wirkt. Im Begleittext erklärt Autorin Tracy Lynn Chemaly dann auch, vor welchen besonderen Herausforderungen die Architekten hier standen: Die Gerüche und der Lärm des nahegelegenen Marktes sollten draußen bleiben. Gelungen sei den Architekten das mit einer klugen Dachkonstruktion und einer selbstauferlegten Beschränkung: Es gibt zur Straße hinaus nur den Haupteingang.

          Ein Bau des Architekten Porky Hefer: „The Nest @Sossus“ befindet sich in Namibia

          Grün statt Glas

          In Südostasien stehen Architekten vor ganz anderen Herausforderungen: Die Temperaturen dort sind ohne Klimaanlage fast nicht zu ertragen, dementsprechend dominieren hermetisch abgeschlossene, vollklimatisierte Glasbauten. „Beyond the West“ zeigt aus dieser Region Gebäude, die auf offene Räume und viel Grün setzen. Pflanzen spenden Schatten und Kühle, das weiß jeder, der im Sommer in den Wald geht. Glas, Stahl und Beton sind hier trotzdem beliebte Baumaterialien. Dafür sehen die Grundrisse etwas anders aus, die Räume sind offener und es wird viel Wert auf Begrünung und Luftzirkulation zwischen drinnen und draußen gelegt. So entstehen natürliche Klimaanlagen.

          Der Band „Beyond the West“ zeigt: Die Bandbreite der Architektur ist riesig, vor allem, wenn man von Westen aus über den Tellerrand blickt. Jenseits der unpraktisch-wuchtigen Stahlgerippe eines Santiago Calatrava oder den kurvigen Bauten von Zaha Hadid tut sich im globalen Süden eine ganz andere, mindestens genauso spannende Welt auf. Dass viele Architekten, deren Projekte hier vorgestellt werden, im Westen gelernt haben, ist unverkennbar. Modernen Minimalismus findet man tatsächlich von West nach Ost über den ganzen Erdball verteilt. Und doch zeigt „Beyond the West“, dass die alte Befürchtung, die Globalisierung führe dazu, dass Architektur überall gleich aussehen wird, nicht unbedingt stimmt. Und – eigentlich noch viel wichtiger – dass ein klug geplantes Projekt auch eine kleine Utopie sein kann und dass es nur ein paar kleine Stellschrauben sind, mit denen Architektinnen auch soziale Verantwortung übernehmen können.

          Der Bildband „Beyond the West“ erscheint am 1. September bei Gestalten und kann ab Mitte Mai vorbestellt werden. (Der ursprüngliche Veröffentlichungstermin dieser Tage wurde verschoben.) Das gebundene Buch umfasst über 400 Fotografien auf 304 Seiten und kostet im Handel 49,90 Euro.

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