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Der Künstler Andreas Mühe Bild: 2018 Gene Glover / Agentur Focus

Ausstellung von Andreas Mühe : Alte Familienbande wiederaufleben lassen

  • -Aktualisiert am

Kaum eine Familie steht sinnbildlich für die deutsche Geschichte wie seine: der Künstler Andreas Mühe, Sohn des verstorbenen Schauspielers Ulrich Mühe, lässt in seiner bislang persönlichsten Arbeit verstorbene Familienmitglieder wieder lebendig werden.

          „Familie“, sagt Andreas Mühe, „ist alles: das Schöne und das Grauen.“ Familie kann Liebe sein und Verderben. Familie ist nicht verhandelbar. Und kaum eine Familie steht sinnbildlich für die deutsche Identität und Geschichte wie seine. Mühes Vater ist der 2007 verstorbene Schauspieler Ulrich Mühe, der zunächst Schauspieler in der DDR war und später in einem Oscar-Werk spielte, seine Mutter die Theaterintendantin Annegret Hahn. Ulrich Mühes Frauen aus zweiter und dritter Ehe waren selbst hochdekorierte Schauspielerinnen; Susanne Lothar und Jenny Gröllmann, der Ulrich Mühe später Verbindungen zur Stasi vorwarf und sich damit auch selbst schadete. Der Bruder von Andreas Mühe, Konrad, ist Künstler, seine Halbschwester Anna Maria ebenfalls Schauspielerin, mit großem Erfolg. Eine bedeutende Künstlerfamilie mit einer bewegten Geschichte und innerfamiliären Verflechtungen, die tief in die deutsch-deutsche Geschichte reichen.

          Der Fotograf selbst, 1979 geboren in Karl-Marx-Stadt, heute Chemnitz, ist bekannt für seine Porträts von Egon Krenz, Angela Merkel und Helmut Kohl. Er ist der „Fotograf der Macht“, erkundet aber auch die Machtverhältnisse innerhalb seiner Familie, zuletzt in einer komplexen Werkserie, die seit 2015 entsteht. Einer Familie, die von Berufs wegen oft auch ein Leben in der Öffentlichkeit führte. Drei Jahre lang ist er eingetaucht in die Licht- und Schattenseiten dieser Konstrukte, in seiner bislang aufwendigsten und persönlichsten Arbeit: Verstorbene Familienmitglieder hat er aus Wachs nachbauen lassen, und er lässt sie mit dem Rest der Familie in sorgsam komponierten Familienporträts wieder lebendig werden.

          Täuschend echt und lebensgroß

          Die Idee kam ihm in der Villa Hügel der Krupps in Essen, als er ein Gemälde der Industriellenfamilie studierte und der Frage nachging, wie man Familien zeigt: von der Sitzordnung zu den Berührungen zu den Farben zum Machtgefälle. Spezialisten in England haben die Puppen aus Wachs gebaut, täuschend echt und lebensgroß: Ulrich Mühe, Susanne Lothar und Jenny Gröllmann, aber auch Andreas Mühes Großeltern. „Als ich die Bauformen der Puppen hatte, habe ich überlegt, wie ich sie abstrahiert übersetzen und den Herstellungsprozess darstellen könnte", sagt Andreas Mühe. In Berlin traf er Andreas Gerecke von Rosenthal, bei dem das Vorhaben auf offene Ohren stieß: Büsten einer großen Schauspielerfamilie.

          Zwischen Puppe und Mensch: Büsten von Ulrich Mühe und seinen verstorbenen Frauen Susanne Lothar (links) und Jenny Gröllmann.

          Das Unternehmen, einst Weltmarktführer für hochwertiges Geschirr und Kunsthandwerk aus Porzellan, hat schon oft mit Künstlern zusammengearbeitet. Porzellanbüsten gibt es schon seit Jahrhunderten, sie waren immer im Produktportfolio von Rosenthal. „Sie haben etwas Erhabenes", sagt Gerecke, in dessen Firmenarchiv noch viele Büsten stehen, angefangen vom Firmengründer Philip Rosenthal selbst bis hin zu Mozart, Nofretete und einem Kinderkopf von Gerhard Schliepstein. Um das Jahr 1900, in einer Zeit also, als Kaiser und Könige ihre eigenen Manufakturen hatten, waren sie besonders populär. Bei Rosenthal hatte man vor elf Jahren zuletzt eine Büste produziert, natürlich von einem Kaiser: Karl Lagerfeld.

          Andreas Mühe brachte aus England eine Negativform aus Silikon und Kunststoff mit, was für die Kunsthandwerker höchst ungewöhnlich war. Meist werden die Originalbüsten als Positiv geliefert, sie werden von einem Bildhauer aus Ton modelliert, seltener maschinell. „Es kommt immer darauf an, ob ich die künstlerische Komponente will oder einen realistischen Abguss", sagt Robert Suk, der seit 20 Jahren bei Rosenthal arbeitet und die Produktionsentwicklung mit zehn Mitarbeitern leitet; Rechercheure, Modellbauer, 3D-Modelleure.

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