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Paneele aus Reisstroh : Ist ein altes Bauverfahren die Zukunft für Afrika?

  • -Aktualisiert am

Hält Hitze und Kälte ab: Aus zu Paneelen verarbeiteten Reisstroh baut Eckhardt Dauck Decken und Wände für Häuser. Bild: Peter Pauls

Der Unternehmer Eckardt Dauck hat ein altes Bauverfahren wiederentdeckt. Dabei werden Häuser frei von Umweltbelastungen und ohne CO2-Ausstoß aus Stroh hergestellt. Könnte das Verfahren in Afrika helfen?

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          Nicht nur der Name der Rhino Highschool, der Nashorn-Oberschule, ist ungewöhnlich. Die meisten der 600 Schüler sind auch vor dem Bürgerkrieg in Süd-Sudan ins benachbarte Uganda geflohen und leben nun in einem der Flüchtlingslager, die sich über die Provinz West-Nil erstrecken, in der es früher einmal Rhinozerosse gab.

          Besonders beliebt ist ein neues Schulgebäude. Nicht nur, dass junge Flüchtlinge beim Bau helfen, sich so das Schulgeld verdienen und eine berufliche Qualifikation erwerben konnten. Dort ist es auch merklich kühler. Wände und Decken sind nach einem Verfahren gebaut, das Maßstäbe für den schonenden Einsatz von Rohstoffen setzen könnte.

          Auf 200 Grad erhitztes Reisstroh, ein landwirtschaftlicher Abfallstoff, wird zu Paneelen gepresst. Der Stoff Lignin, der Pflanzen Festigkeit gibt, wirkt durch Hitze und Pressvorgang wie ein Kleber. Die Paneele sind stabil – und sie halten Hitze und Kälte ab.

          Bauern liefern Reisstroh zum Bauen

          Wiederentdeckt hat das seit 1930 erprobte Verfahren der Berliner Unternehmer Eckardt Dauck. Die Technik sei fast in Vergessenheit geraten. Neu sei, dass die Paneele in Mischbauweise auch Lasten wie weitere Stockwerke tragen können, wenn man Metallgerüste in Leichtbauweise verwende.

          Neue Klassenzimmer aus Reisstroh:  Schüler der Rhino-Oberschule in Uganda
          Neue Klassenzimmer aus Reisstroh: Schüler der Rhino-Oberschule in Uganda : Bild: Peter Pauls

          In Äthiopien hatte Dauck schon vor vielen Jahren auf dem Gelände der Universität von Addis Abeba ein Musterhaus errichtet. Dann starb Meles Zenawi, der charismatische Präsident des Landes, und Dauck wich aus Sorge vor Instabilität nach Ruanda aus, wo er mit Geschäftspartnern ein Netzwerk aufbaute. Bauern liefern Reisstroh und erzielen einen Nebenverdienst, die Paneele werden von Facharbeitern zu Häusern zusammengebaut, die Architekten entworfen haben.

          Nach Uganda ging der Neunundfünfzigjährige, um sein eigener Herr zu sein und sich als sozialer Unternehmer zu betätigen. Sicher wolle er Geld verdienen, sagt er. Doch gehe es ihm auch darum, Lösungen für erschwingliches und nachhaltiges Wohnen in Entwicklungsländern anzubieten. Dauck hat nichts von der Hemdsärmeligkeit, die man mitunter bei europäischen Geschäftsleuten in Afrika beobachtet. Er ist aber auch mit klassischen Afrika-Erfahrungen bei der Hand: „Wenn hier etwas schief gehen kann, dann geht es schief.“

          Umweltverträglich hergestellte Gebäude

          Häuser frei von Umweltbelastungen und ohne CO2-Ausstoß aus Stroh herstellen – es wundert nicht, dass Dauck in der Entwicklungshilfe bekannt ist und er den Delegationen deutscher Außenminister angehörte. Mit der Deutschen Investitions- und Entwicklungsgesellschaft aus Köln plant er ein Forschungsinstitut auf dem Campus der Makerere-Universität in der ugandischen Hauptstadt Kampala, die Kreditanstalt für Wiederaufbau will ihn mit dem Bau von öffentlichen Toiletten beauftragen, auf deren Dach sich als Clou ein Café befinden soll.

          Die Bauern beliefern Dauck und die Schule mit Stroh – und verdienen sich so einen zusätzlichen Nebenverdienst.
          Die Bauern beliefern Dauck und die Schule mit Stroh – und verdienen sich so einen zusätzlichen Nebenverdienst. : Bild: Peter Pauls

          Zentral aber ist Malteser International aus Köln. Das Hilfswerk gab gleich mehrere Gebäude bei Daucks Firma in Auftrag. Im Norden Ugandas gehört die Nashorn-Oberschule dazu und eine Entbindungsstation, in Kampala sind es mehrere größere Erweiterungsbauten für das Lubaga-Hospital, 1899 gegründet, das älteste Krankenhaus des Landes. Für den Unternehmer sind es Musterprojekte, für die Malteser umweltverträglich hergestellte Gebäude.

          Klassische Ziegelbauweise ist zwar preiswerter als der Bau mit Reisstroh, bedeutet aber Raubbau an der Natur. Dem Boden werden größere Mengen Lehm entnommen, der zu Rohlingen geformt und in kleinen Meilern gebrannt wird. Das ländliche Uganda ist durchsetzt von ihnen.

          1000 neue Arbeitsplätze

          Das Holz wird ohne viel Federlesens illegal geschlagen. Diese Form des Bauens führt durch Entwaldung und wilde Lehmgruben zu erheblichen Umweltschäden wie Erosion und Verwüstung. Ein Übriges tun im Norden des Landes die 1,4 Millionen Flüchtlinge. Weite Landstriche wurden von ihnen mangels Alternativen entwaldet – zum Hausbau und um Brennholz zu gewinnen.

          Dauck schwebt ein System lokaler Wertschöpfung vor: Es umfasst die Bauern, die das Reisstroh liefern und die Arbeiter, die in seiner Fabrik in Lolim beschäftigt sind. Architekten entwerfen die Häuser, Arbeiter bauen sie mit den Fertigteilen. Das alles hat erst eine Chance, wenn Produktions- und Lieferketten im ganzen Land mit seinen 41 Millionen Einwohnern entstanden sind.

          Dauck und die Malteser, die aus der Zusammenarbeit ein Entwicklungsprojekt gemacht haben, rechnen mit 1000 Arbeitsplätzen, die durch die neue Fabrik entstehen: 900 im Hausbau, 100 in der Produktionsstraße. Dauck ist ein eloquenter Vertreter seiner Produkte. Langsam füllen sich die Auftragsbücher. Natürlicher Widerpart für seine Pläne sind die Umstände und das Gewohnte, die trügerische Verfügbarkeit von Lehm und Brennholz, für die scheinbar niemand unmittelbar bezahlt – also das Afrika, das sich selbst verzehrt, weil es seine Ressourcen vernichtet.

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