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Internationale Friseurbesuche : Short cuts

  • -Aktualisiert am

Indien 2010 Bild: Nusha Westhoff

Ohne Rasierer reisen – das begann, als der Bart noch kaum wuchs und das Haupthaar noch spross. Später wurde es Absicht. Denn bei Besuchen in Friseurbuden fallen gute Geschichten ab.

          Malaysia 2005

          Dem Jüngling war die Verunsicherung anzumerken. Bitte, bitte, schien sein Gesicht auszudrücken, hoffentlich will der nicht rasiert werden. Ich war schon ein wenig stolz, als nach knapp drei Wochen durch Thailand und Malaysia eine Art zusammenhängender Bart mein Gesicht ummäntelte. Der Lehrling guckte sich ein paar Mal hilflos um, aber er war allein im Laden, ganz allein.

          Dann mischte er mit zittrigen Händen ein dünnes Süppchen aus Wasser und Seife, zückte das Rasiermesser – und begann die Prozedur, die uns alle schmerzte: ihn aus Mitleid, mich aufgrund der peinvollen Trockenarbeit des Greenhorns. Meine Freundin wandte sich entsetzt ab; er kratzte und schabte in meinem Gesicht herum; ich versuchte irgendwie, die Tränen, die sich im Auge stauten, vor dem Überschwappen zu bewahren. Vergeblich.

          Malaysia 2005

          Indien 2006

          Ob dieser knarzende, zerschlissene Schemel mich trägt? Der Friseurmeister konnte es gar nicht erwarten, sich mit dem Messer über mich herzumachen. Er fixierte mein Gesicht mit eisernem Griff, seine Finger rochen nach herzhaftem Mittagessen. Der Seniorchef bedeutete derweil meinem Vater, der mir die gemeinsame Reise zum Studienabschluss geschenkt hatte, sich seine berühmte Nacken- und Kopfmassage nicht entgehen zu lassen. Oder besser: über sich ergehen zu lassen. So saß ich dort, eisern an die Kopfstütze gedrückt, während neben mir dumpf klingende Handkantenschläge auf Nacken und Schultern meines Vaters prasselten. Als ich wieder in den Spiegel blickte, sah ich, dass der Meister mir einen Schnurrbart hatte stehenlassen. Leider einen, wie er hierzulande seit dem „Dritten Reich“ nicht mehr angesagt ist.

          Indien 2006

          Swasiland 2007

          Kurz vor dem Ende der Welt noch ein Friseursalon! So fühlte es sich an in dem bunkerartigen Bau, der mit dem vergitterten Fenster auch ein prima Gefängnis wäre, irgendwo abseits der Hauptstadt Mbabane, in der staubigen roten Erde des kleinen Königreichs. Obwohl auf einer Bank einige Männer warteten, jeder rauchte, winkte mich der Meister sofort auf einen Stuhl. Auf die Versuche meiner Freundin, in einer Mischung aus Englisch und Zeichensprache unseren Wunsch zu übermitteln, reagierte er nicht. Keine Geste, nicht mal ein Blick. Was folgte, war meine erste Prügelstrafe im Friseurstuhl. Er verstand sein Handwerk, keine Frage, aber um meinen Kopf auf die eine oder andere Seite zu neigen, setzte er üppige Faustschläge gegen die Schläfen ein. Und um den Hals zu rasieren, verpasste er mir einen Kinnhaken.

          Swasiland 2007

          Laos 2008

          Nein, der uralte Friseurstuhl aus Kolonialzeiten war nicht für 1,91 Meter Körperlänge ausgelegt. Ich saß quasi auf der Fußstütze, damit mein Oberkörper nicht weit über die Kopfstütze hinausragte. Der weiße Umhang wirkte wie ein Leichentuch. Der Senior-Chef des kleinen Ladens in der Hauptstadt Vientiane nahm sich persönlich meiner an, mit der chirurgischen Präzision des Meisters, immer wieder triumphierend zu seinem Lehrling hinüberschauend. Im Spiegel sah ich meine Verlobte anerkennend nicken. Nur das Rasierwasser - eine Mischung aus 4711 mit irgendetwas zwischen Lotusblume und Zitronengras - hätte nicht sein müssen.

          Laos 2008

          Indien 2010

          Spätabends auf einer dunklen Landstraße im Umland von Mysore im Bundesstaat Karnataka. An einer Bretterbude brannte noch Licht. Ein Friseur! Ein paar Männer lümmelten vor der Tür und ließen eine Schnapsflasche kreisen. Der Coiffeur mit dem braunen Cordhut lachte herzhaft, als wir eintraten. Kabel hingen offen aus den Wänden. Meine Frau wollte noch die Sprachbarriere überwinden und die Haarlänge absprechen. Der Meister lachte nur, zückte eine messingfarbene Apparatur aus Großvaters Zeiten, die sich als Haarschneider ohne Elektrik herausstellte, und machte eine Art Probeschnitt. Nur, dass dieser gut und gerne acht Zentimeter vom Nacken bis in die Mitte des Hinterkopfs reichte. Im Spiegel sah ich den Schreck in den Augen meiner Frau. Dann klopfte sie dem Friseur anerkennend auf die Schulter („Gut so!“) und ließ sich grinsend auf das speckige Sofa fallen, aus dem breitflächig die Watte quoll.

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