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Ästhetik der „alten BRD“ : Grüße aus dem Gestern

Zimmer frei? Die Pension im Frankfurter Westend ist in den Sechzigern stehengeblieben, aber auch online buchbar. Bild: Kim Björn Becker

Auf Zeitreise in die deutsche Vergangenheit: Noch heute entdeckt man das Lebensgefühl der „alten Bundesrepublik“, wenn man nur richtig hinschaut. Erinnerungen an eine Zeit, die kleiner, überschaubarer und langsamer zu sein schien.

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          Diese Zeit scheint lange vorbei zu sein, und doch grüßt sie an mancher Ecke freundlich wie ein alter Bekannter – vorausgesetzt, man schaut genau hin. Die „alte Bundesrepublik“, die mit der Wiedervereinigung 1990 zu Ende ging, lebt weiter, zumindest ein bisschen. Bruchstückhaft wird sie in alten Werbetafeln und Gebrauchsgegenständen als verloren geglaubtes Fragment der Geschichte greifbar, als vage Erinnerung an eine vergangene Zeit.

          Kim Björn Becker

          Redakteur in der Politik.

          Dabei kommt es gar nicht so sehr darauf an, dass die Artefakte exakt historisch bestimmt werden können. Gut möglich, dass mancher Schriftzug erst kurz nach der Wiedervereinigung angebracht wurde oder dass ein Gegenstand ursprünglich aus Ostdeutschland stammte. Das verbindende Element der Grüße aus dem Gestern, die auf dieser Seite dokumentiert sind, besteht darin, dass sie an ein bestimmtes Lebensgefühl erinnern – das zumindest jene noch erleben konnten, die in den achtziger Jahren in Westdeutschland geboren wurden.

          Es war eine Zeit ohne Internet und Handys. Eine Zeit, in der man nicht ständig erreichbar war, sondern nur dann, wenn man das wollte (oder musste). Eine Zeit, in welcher der Satz „nach Diktat verreist“ noch eine Bedeutung hatte und nicht durch Mails oder Whatsapp-Nachrichten der Irrelevanz preisgegeben wurde. Die „alte Bundesrepublik“ erinnert an eine Zeit, in der das Leben aus heutiger Sicht einfacher gewesen zu sein schien, kleiner, überschaubarer und auf beruhigende Weise langsamer.

          Festhalten an der Ästhetik des Vergangenen

          Die Sehnsucht nach Vergangenem wird auch in der Kunst gerne thematisiert. Eine besondere Form der Nostalgie erfasste – unter etwas anderen Vorzeichen natürlich – einen gewissen Gil Pander, den Protagonisten in Woody Allens Film „Midnight in Paris“, der sich als Zeitreisender ins Paris der zwanziger Jahre zurückträumt. Dort trifft der Schriftsteller nicht nur die Idole seiner Zunft, Ernest Hemingway und F. Scott Fitzgerald, er verliebt sich auch in Adriana. Und verliert die Angebetete dann prompt an eine andere, frühere Epoche. Denn Adriana hat ihrerseits ein Faible für das Vergangene, und die Zeit, die Gil Pander so leuchtend erscheint, ist der Zeitgenössin Adriana längst zu fad – sie träumt sich fort, von Pander und den zwanziger Jahren, und entschwindet ins Paris der Belle Époque.

          Leuchtend: Der Schriftzug einer Apotheke in der Mainzer Oberstadt hat schon viele Jahre überdauert. Bilderstrecke

          Die Vergangenheit wurde eben schon immer verklärt, das ist bei der Faszination für die „alte Bundesrepublik“ nicht anders. Denn klar ist auch, dass früher vielleicht manches besser, aber gewiss nicht alles gut war. Die Überschaubarkeit des Lebens zeigte vielen Menschen enge Grenzen auf: Frauen hatten längst nicht so viele berufliche Chancen wie heute, Schwule und Lesben konnten noch nicht heiraten, der Klimaschutz war als Begriff zwar bekannt, aber noch nicht virulent – die Fortschritte in diesen Fragen datieren erst auf spätere Jahre.

          Und doch übt die Ästhetik des Vergangenen eine Faszination aus, sie weckt Erinnerungen an die frühe Kindheit, an ein jüngeres Ich. Wir halten die Dinge von gestern fest, bevor sie entschwinden in eine noch tiefere Vergangenheit.

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