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Villa Gio Ponti in Teheran : Fehler mit Folgen

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In Gefahr: Die Villa Nemazee in Teheran Bild: Gio Ponti Archives

Ein Mitarbeiter der Denkmalschutzbehörde in Teheran erlaubt den Abriss einer historischen Villa von Gio Ponti. Sein Nachfolger will das um jeden Preis verhindern.

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          Gio Ponti war ein Mann vieler Gaben. Gewissenhaft stand er jeden Morgen um 5 Uhr auf, schrieb 30 Briefe und ging in sein Studio. Ponti war das, was man in Amerika einen „Jack of all trades“ nennt und in Deutschland einen Generalisten: Als einem der wenigen italienischen Architekten gelang es ihm, auch als Designer zu Ruhm und Ehren zu kommen. Unvergessen sind sein federleichter Stuhl Superleggera, den er 1957 für Cassina entwarf; der 1958 nach Pontis Vorgaben erbaute Pirelli Tower, heute eines der Wahrzeichen Mailands. Das Magazin Domus, das der Architekt 1928 gründete und das den Diskurs italienischen Designs nachhaltig prägen sollte, wird bis heute fortgeführt. Ponti selbst produzierte 560 Ausgaben und schrieb in jedem Heft mindestens einen Text. Die irakische Architektin Zaha Hadid sagte einmal, Gio Ponti habe sie zur Architektur geführt; sie wuchs in unmittelbarer Nähe zum Planungsministerium in Bagdad auf, das Ponti in den fünfziger Jahren gebaut hatte und das im Irakkrieg stark beschädigt worden ist.

          Weit weniger bekannt ist Gio Pontis einzig intakt gebliebenes Gebäude im Nahen Osten: Die Villa Nemazee in Teheran, die er zwischen 1960 und 1965 für den Industriellen Shafi Nemazee und seine Ehefrau Vida gebaut hat. Sie soll jetzt, wie kürzlich bekannt wurde, einem 20-stöckigen Fünf-Sterne-Hotel weichen.

          Die Villa Nemazee ist die dritte Villa, die Gio Ponti entwarf. Sie bildet mit den Villen Planchart und Arreaza, die beide in Caracas stehen, eine Einheit. Ponti wollte das „joie d’y vivre“ betonen; im Erdgeschoss sind großflächige Empfangsräume mit großen Öffnungen zum Garten untergebracht, man kann durch die Villa hindurchsehen. In der Mitte befinden sich ein großer Speisesaal und ein Casino. Das Treppenhaus ist mit farbigem Marmor ausgestattet, ein beeindruckender Patio mit Skulpturen von Fausto Melotti ausgeschmückt. Die Decke der Terrasse ist mit blauen und weißen Kieselsteinen besetzt. Die Villa Nemazee ist eine Symbiose aus Kunst und Design, jeder Rundgang eine visuelle Reise.

          Die Villa Nemazee ist eine Symbiose aus Kunst und Design, jeder Rundgang eine visuelle Reise. Bilderstrecke
          Die Villa Nemazee ist eine Symbiose aus Kunst und Design, jeder Rundgang eine visuelle Reise. :

          Eigentlich stand die Villa unter Denkmalschutz, bis der für Teheran zuständige Leiter der iranischen Organisation für Kulturerbe, Handwerk und Tourismus 2013 den Antrag des Eigentümers bewilligte, das Haus vom Schutz zu befreien. „Es stimmt, das Gebäude ist nach dem Gesetz nicht mehr auf der Liste“, bestätigte Mohammad-Hassan Talebian, stellvertretender Leiter der Organisation. Er will den Abriss um jeden Preis verhindern. Die Justiz allerdings will dem Wunsch der Denkmalschützer nicht mehr stattgeben: Das Haus sei mit 57 Jahren zu jung, um geschützt zu werden. „Das Argument, in islamischen Ländern sei die Architektur aus dem Westen bedeutungslos, liegt auf der Hand. Aber es stimmt nicht“, sagt Paolo Rosselli, der Enkel von Gio Ponti. Selbst der Bürgermeister von Teheran setzt sich für Pontis Villa ein. „Er soll ein sehr kundiger und intelligenter Mann sein“, sagt Rosselli, „doch die Situation ist für ihn nicht leicht; im Mai wird in Iran gewählt. Wie in vielen Ländern derzeit geht mit der Wahl eine große Ungewissheit einher. Ich weiß nicht, ob die Villa überhaupt eine Rolle spielen wird, oder ob aus der Debatte ein Politikum gemacht wird.“

          Gio Ponti starb 1979, im Jahr der islamischen Revolution, als in Iran ein anderer Wind einzog. Die Villa diente fortan als Standesamt. Später kaufte sie der Nokia-Manager Ahmad Abrishami und ließ die Villa unter Denkmalschutz stellen. Vor vier Jahren verkaufte er das Haus an seinen jetzigen Eigentümer, der es gewinnbringend loswerden will. Es liegt in bester Lage: Hier in Niavaran, dem wohlhabenden Norden der iranischen Hauptstadt, besaß auch der Schah viele Häuser, fast alle wurden in den letzten Jahrzehnten zerstört. Den Klerikern kommt der Hunger der Spekulanten nach neuem Baugrund in einer nicht an ihre Grenzen zu stoßen scheinenden Stadt gerade gelegen. Im letzten Jahr kämpften Architekten für den Erhalt einer Fassade, die der Architekt des Opernhauses in Sydney, Jørn Utzon, entworfen hatte. Viele Bauten sind dem Verfall preisgegeben, etwa der Perlenpalast von Prinzessin Shams Pahlavi, der von William Wesley Peters entworfen wurde, einem Schüler Frank Lloyd Wrights.

          Der Garten der Villa ist eine grüne Lunge

          Eine Reihe namhafter iranischer Architekten hat nun eine Kampagne gestartet, um das Gebäude zu erhalten. Die renommierte Architektin Faryar Javaherian sagte: „Es ist eines der ersten Häuser seiner Art mit durchgehender Wohnfläche und abgehängter Decke. Und es ist sehr ansehnlich.“ Überhaupt regt sich viel Widerstand: „Die Erlaubnis war ein Fehler; anstatt das Haus abzureißen, sollte man lieber die maßregeln, die den Fehler begangen haben“, sagte Rajabali Khosroabadi, der Leiter des Teheraner ICHHTO-Büros, dessen Vorgänger den Abriss ermöglicht hat. Khosroabadi sagte der Nachrichtenagentur Mehr, er werde diese Entscheidung nicht hinnehmen. Zur Not werde er die Schutzzone um das Rahnama-Haus – ein Gebäude aus der Kadscharen-Dynastie in unmittelbarer Nähe zur Villa – vergrößern, um den Bau eines Hotels zu verhindern. Er forderte eine Richtlinie, die den Abriss von historisch bedeutenden Häuser so teuer mache, dass keine Investoren daran Interesse hätten. Zupass kommt den Protestierenden ein Gesetz, das Teherans Grünflächen schützen soll. Mit einer Grundstücksgröße von 8000 Quadratmetern ist der Garten der Villa Nemazee eine grüne Lunge in der von Smog geplagten Millionenmetropole.

          „Wir müssen das Problem lösen, ohne uns in Schuldzuweisungen zu verlieren“, sagt Rosselli. „Ein Vorschlag wäre, dass die Villa Nemazee als Anbau erhalten bleibt. Sie könnte gewissermaßen das Juwel der Hotelanlage werden. Der neue Eigentümer würde damit zeigen, dass er weltgewandt ist und die Vergangenheit nicht ausblendet.“ Er versuche, im Frühjahr nach Teheran zu reisen. Sein Onkel, ein Sohn Pontis, war vor einem Jahr schon dort. In Teheran hat er sich mit der jungen Architektin Leila Araghian getroffen, die mit nur 26 Jahren das neue Wahrzeichen der Stadt, die preisgekrönte Tabiat-Brücke, entworfen hatte. „Sie haben versucht, in die Villa zu kommen, aber es hat leider nicht geklappt.“ Leila Araghian immerhin kann der Debatte etwas Positives abgewinnen: „Die Iraner werden selbstbewusster. Sie zeigen, dass der Fall ihnen nicht gleichgültig ist.“ Vor 15 Jahren, sagt Araghian, wäre die Villa wohl einfach abgerissen worden.

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