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100 Jahre Bauhaus : Freischwinger und Plattenbau

Das neue Museum in Dessau wird, wie zu hören ist, erst „im Frühherbst“ 2019 öffnen. „Früher wäre schöner gewesen“, gibt Stiftungsdirektorin Perren zu. „Es grenzt aber bereits an ein Wunder, dass wir überhaupt 2019 eröffnen.“ Baubeginn war erst 2016 gewesen. Zuvor gab es auch in Dessau Streitigkeiten über den Standort, in deren Verlauf der damalige Stiftungsdirektor Philipp Oswalt gehen musste. „Der Vorlauf war nicht lange genug, da wurde unendlich viel Zeit verloren“, bestätigt ein an dem Projekt Beteiligter. Mit Blick auf die Planung des Bauhaus-Jubiläums bemängelt er zudem, dass die beteiligten Länder nicht ausreichend kooperieren würden und zu viel über die Geschichte des Bauhauses gesprochen werde, aber zu wenig über dessen gegenwärtige Relevanz. Letzteres war auch schon das Manko des Luther-Jubiläums gewesen.

Dabei könnte die Ausgangslage für das Bauhaus-Jubiläum kaum besser sein. Fast jeder kann heute anhand seines eigenen Wohnzimmers nachvollziehen, wie stark die Formensprache und die Methoden des Bauhauses die heutige Lebenswelt prägen. Und die Fragen nach guter Architektur, erschwinglichem Wohnraum und neuen Materialien sind gegenwärtig so brennend wie zu Zeiten von Walter Gropius und Mies van der Rohe. Man muss die Themen nur aufgreifen.

Die Wirkungsgeschichte des Bauhauses

An Schwung würden die Debatten im Jubiläumsjahr sicherlich gewinnen, wenn dabei auch kritisch über die Wirkungsgeschichte des Bauhauses gesprochen würde. Gehören nur Freischwinger-Sessel zum Erbe des Bauhauses oder auch die uninspirierten Wohnwürfel, welche Bauträger in aller Welt seriell in die Landschaft setzen? Gerade in Dessau ließe sich fragen, ob von den Meisterwerken der Bauhaus-Architekten nicht auch Linien zu den Plattenbauten führen, an denen es in dieser Stadt wahrlich nicht mangelt.

Vor einer „Idealisierung des Bauhauses“ warnt auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff. „Gründerzeitbauten sind heute noch hervorragend bewohnbar, die Platte war nach dreißig Jahren moralisch verschlissen.“ Der CDU-Politiker gibt jedoch zu bedenken, dass es sich hierbei „nicht um Bauhaus, sondern nur um dessen Technik“ gehandelt habe. „Was am Anfang noch berücksichtigt worden war, wurde später aus ideologischen Gründen und ökonomischem Druck fallengelassen.“ Zur Wahrheit zählt Haseloff auch, dass es gerade im Dessauer Hochschulgebäude von Gropius „im Winter schweinekalt und im Sommer brütend heiß ist“. Die Bauhaus-Architektur bedürfe auch unter Klima-Gesichtspunkten einer „Fortschreibung“, fordert der Ministerpräsident. Seine Erwartung ist daher, dass das Bauhaus-Jahr nicht bei „konservatorischer Bewahrung stehenbleibt“.

Als Beispiel für die Innovationsorientierung des Bauhauses führt Haseloff den erzwungenen Umzug 1925 an. Gropius und seine Mitstreiter seien damals nach Dessau gezogen, weil sie dort eine hochmoderne Industrie vorfanden. „Die klassische Moderne hat dort angedockt, um eine eigene Technologie und eigene Kunst zu entwickeln“, sagt Haseloff. Im Krieg wurde Dessau allerdings Opfer seiner damaligen Modernität. Wegen ihrer Flugzeugindustrie wurde die Stadt bei Bombenangriffen nahezu vollständig zerstört. Der Wiederaufbau verlief ebenfalls unglücklich. Bis heute hadert Dessau-Roßlau, wie die Stadt inzwischen heißt, mit ihrer Identität. Die Hoffnung Haseloffs ist, dass das Bauhaus-Jubiläum auch dieser gebeutelten Stadt einen Schub gibt.

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