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Superhero-Chic : Achtung, Cape!

  • -Aktualisiert am

Ein Junge im Superman-Kostüm feiert in den Vereinigten Staaten Halloween. Bild: EPA

Das Superman-Kostüm kommt zwar nach dem Karnevalsauftakt wieder zurück in den Schrank, das Cape aber bleibt als Herbstaccessoire. Doch dieses Kleidungsstück trägt sich nicht einfach so.

          Sie trägt es auf ihren nächtlichen Streifzügen, beim Fechten und wenn sie mit ihrem Freund Mr. Stringer morgens im Park die Zwischenergebnisse im neuen Fall diskutiert. Wie eine Decke legt sie ihr Cape dann über die Knie des frierenden Freundes.

          Auch bei ihrem Vorsprechen auf der Theaterbühne hat sie es um, beim Reiterball und als der Inspektor sich zum wiederholten Mal weigert, ein Verbrechen für wahrscheinlich zu halten. Wusch. Sie wirft sich das Cape energisch um die Schultern. Ein Weg nur bleibe ihr offen. Sie werde die Sache persönlich in die Hand nehmen.

          Das mag jetzt antiquiert klingen und völlig am Zeitgeist vorbei, aber um das Cape ein bisschen besser zu verstehen, genügt es nicht, sich in postmodernen Kleiderschränken, auf der Straße und im Internet umzusehen, wo einem das Cape mit zugehörigen Stylingtipps derzeit an jeder Ecke begegnet.

          Getragen von Prinzessinnen

          Man sollte unbedingt auch noch einmal Margaret Rutherford und ihre Miss Marple ansehen. Und sie in ihren zwei, drei Capes studieren, besonders in jenem, das an der Garderobe ihres Cottages hängt, direkt neben dem Tischchen mit den fertig gelesenen Büchern aus der Leihbibliothek. Es ist ein wollenes Cape, eines, das wärmt und unkompliziert ist. Margaret Rutherford brachte es von zu Hause ans Filmset mit. Man sollte froh und dankbar dafür sein.

          Miss Marple in ihrem wollenen Cape

          Denn was wäre die Welt ohne dieses Cape? Ohne sein rüstiges Alter, seine Unerschrockenheit, seinen exzentrischen Pragmatismus? Sicher, da wäre immer noch das leuchtend blaue Cape von Givenchy, getragen von einer jungen Audrey Hepburn.

          Da wäre Dovima in einer Abendrobe von Jacques Fath oder der Auftritt Charlotte Casiraghis, die, wie um an ihre Großmutter Grace Kelly zu erinnern, zur Hochzeit ihres Onkels in einem Kleid mit klassischem Cape von Giambattista Valli erschien, und nicht, dass das alles nicht wunderbar wäre und man nicht sofort auf die Knie gehen würde. Aber um das Cape in seiner Weite zu erfassen, genügt die Begegnung mit den Prinzessinnen nicht.

          Gar heldenhaft

          Es ist die Grundform, die das Cape so metaphysisch macht. Ein ärmelloser Umhang. Er ist das Einfachste und Komplizierteste zugleich. Im japanischen Zen-Buddhismus symbolisiert er das Universum. Der Mensch, der ihn trägt, repräsentiert die Achse der Welt. In der christlichen Liturgie zählt das ärmellose Gewand als Symbol der Liebe. Maria, die Gottesmutter und Himmelskönigin, trägt das Mantel-Cape schlechthin.

          Eines der Capes brachte Schauspielerin Margaret Rutherford von zu Hause mit.

          Eine von Versace gesponserte Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum of Art handelte im Frühling von diesen Dingen. „Heavenly Bodies“ war der Titel. Es ging um Mode und die katholische Phantasie, wozu begleitend ein aufwendig gestalteter Katalog gehört, in dem man lernen kann, dass sich der menschliche Körper, sein Fleisch, seine Knochen durch Kleidung in ein Instrument der Gnade und Anmut verwandeln.

          Wir sehen nicht Marias Körper, wir sehen den feinen Faltenwurf ihres Mantels, die majestätische Pracht ihres Capes, das selbst zu einem Gegenstand der Anbetung wird. In der ältesten Pilgerkirche Nordamerikas, der Kathedrale des Heiligen San Fernando in San Antonio im Bundesstaat Texas, hefteten die Menschen, liest man, Zettel mit Botschaften und Fürbitten an die Innenseite des Capes der Marienstatue. Wie an ein freundlich gesinntes Firmament.

          Es gehört auf die Bühne!

          Das Cape. Es verspricht Schutz auf der Wanderschaft und vermittelt durch seine Betonung der Schultern Orientierung und Stärke. Der Zauber des Capes wird gebraucht, scheint es. Kaum eine der aktuellen Herbst- und Winterkollektionen lässt es unbeachtet liegen.

          Ann Demeulemeester zum Beispiel schickt ein beeindruckend selbstbewusstes Fell-Cape über den Laufsteg. Sarah Burton bringt für Alexander McQueen ein glamouröses Pailletten-Cape, das auf die militärische Laufbahn des Capes anspielt.

          Wer die Demokratie bedroht und deren Institutionen verachtet, der soll es mit diesem Cape zu tun bekommen. Das wäre eine schöne Phantasie! Das Cape beflügelt. Bei Valentino kann man das gut erkennen, wo Pierpaolo Piccioli für eine ungeheure Vielfalt an Formen sorgt. Nirgendwo in dieser Saison ist das Cape reicher an Gestalt und Farbe, unbekümmerter in seinem Anspruch, die Bühne für sich allein zu haben. Dieses Cape muss man sich zutrauen, am besten ohne überzuschnappen.

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