https://www.faz.net/-hrx-8le7f

Die Zukunft des Handels : Kleine Läden werden nicht untergehen

Fahrradladen in Leipzig (Archivbild): Kleine Läden werden nicht untergehen. Bild: Jens Gyarmaty

Der Mittelsmann ist gar nicht tot, er hat sich nur verkleidet. Start-ups, die vorgeben, den Händler auszuklammern, treten an seine Stelle – und vermitteln selbst.

          3 Min.

          Der kleine Sören-Johannes aus dem integrativen Oliver-Samwer-Kindergarten im Prenzlauer Berg weiß nicht mehr, was ein Kaufladen ist. Mit Ida-Marie spielt er stattdessen „Sojamilch-Online-Shop", das Holzspielzeugmodell des Start-up-Lofts liefert der DHL-Bote innerhalb von vier Stunden. Palim, Palim, wir befinden uns im Jahr 2042, aber wir spulen noch einmal ins Jetzt zurück. Die Rolle des Mittelsmanns in unserer Gesellschaft ist romantisch verklärt, aber immerhin kennen wir ihn noch. Doch er droht auszusterben. Der Tante-Emma-Kaufladen, in dem wir unsere Milch abholten, ist schon heute Geschichte. Und wenn wir nicht aufpassen, loben wir die örtliche Buchhandlung so lange für ihre tolle Beratung und kaufen dann doch nicht mehr dort ein, bis es sie nicht mehr gibt.

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Würde Werner Schulze-Erdel, der legendäre Moderator der Fernsehsendung „Familienduell", heute zu seinem bekannten Satz „100 Leute haben wir gefragt" ansetzen, und es ginge plötzlich um das zuletzt gekaufte Buch – Amazon wäre die Top-Antwort. Es gibt Leute, die gehen gar nicht mehr in Schuhläden, sondern kaufen alles bei Zalando. Zum Optiker muss man heute auch nicht mehr, wenn Unternehmen wie Warby Parker die Brille gleich anfertigen und verschicken lassen, mit Probetragezeit und Geldzurück-Garantie.

          Neue Technologie könnte das Ende von Vermittlern bedeuten

          Wann haben Sie zum letzten Mal in einer Taxizentrale angerufen? Da lacht der Fahrdienstvermittler, und der Taxifahrer wundert sich, dass Uber schon daran arbeitet, ihn zu ersetzen. Wozu sich teures Menschenpersonal leisten, wenn das Auto von alleine fährt? Selbst Unternehmen wie Uber oder Airbnb, die mit Milliardenbeträgen von Investoren bewertet werden, ohne eine einzige Fabrik, Fahrzeugflotte oder Lagerhalle zu haben, könnten schneller wieder verschwinden, als ihnen lieb ist.

          Denn denkt man die Technologie der Block Chain konsequent zu Ende, dann braucht man weder einen Wohnungs- noch einen Fahrdienstvermittler. Mit Hilfe der sogenannten „Smart Contracts", also kluger Verträge, deren Echtheit von Millionen Computern gleichzeitig verifiziert wird und die dann in ebenjener Block Chain wie Perlen einer Kette aneinandergereiht werden und damit transparent und nachprüfbar sind, könnten Kunden und Anbieter direkt in Kontakt treten. Ohne eine Gebühr zu entrichten an die amerikanischen Unternehmen, die in nur wenigen Jahren den Taxi- und den Wohnungsmarkt umgekrempelt haben. Bis die Block Chain aber wirklich etwas ändert, dürften die Ubers und Airbnbs ihre Milliardenbewertungen längst verdoppelt haben.

          Nicht nur die Start-ups sind schuld

          Denn seien wir ehrlich: Der Mittelsmann ist gar nicht tot – er hat sich nur verkleidet. Amazon und Zalando, Uber und Airbnb sind an seine Stelle getreten und haben ihm die Läden geraubt und sie ins Internet gestellt. Doch natürlich vermitteln auch sie. Flugsuchportale sind die ins Internet verlagerten Reisebüros. Der Mittelsmann ist nur tot, wenn man sich ihn als Verkäufer mit Namensschild vorstellt. Und wer jetzt einzig den Start-ups die Schuld dafür zuschreiben will, irrt ebenfalls: Denn das große Problem des Gemischtwarenladens heißt nicht Lieferando oder Foodora, sondern Rewe. Und die Boutique um die Ecke stöhnt nicht über Outfittery oder Modomoto, die sich auf den Versand und die Beratung für Kleidung spezialisiert haben, sondern über Zara und H&M, die sich nun wirklich in jeder größeren Einkaufsstraße von Bielefeld bis Berlin breitmachen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Militäreinsatz im Inneren : Darf Trump das?

          In Washington wurden schon Black Hawks eingesetzt, um Randalierer im Tiefflug einzuschüchtern. Können anderswo die Gouverneure einen Armeeeinsatz verhindern? Und warum nennt Trump die Antifa eine Terrororganisation? Die wichtigsten Antworten.
          Mehr Normalität als anderswo: Freizeitvergnügen in einem Park in Stockholm

          Schwedens Corona-Kampf : Noch Sonderweg oder schon Holzweg?

          Das tut weh: Überall werden die Corona-Beschränkungen gelockert, aber für Touristen aus Schweden bleiben die Grenzen geschlossen. Die Zweifel wachsen, ob das Land am Ende besser aus der Krise herauskommt als die Nachbarn.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.