https://www.faz.net/-hrx-971jf

Feminismus der Sechziger Jahre : Sie wollten ihre eigene Sprache finden

Mitgründerin des „Weiberrats“ - Filmstudentin Helke Sander sprach sich 1968 in einer SDS-Versammlung für Frauenrechte aus. Bild: Picture-Alliance

Mit einem Tomatenwurf begann 1968 der Kampf deutscher Frauen für Gleichberechtigung. Die Frauen von heute haben den feministischen Kämpferinnen von gestern viel zu verdanken.

          Im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) ging es immer und immer wieder um die Unterdrückten und Entrechteten. Doch Frauen waren damit nicht gemeint. Dabei war die Gleichberechtigung der Geschlechter Mitte der sechziger Jahre keineswegs vollendet. Der Mann war das Oberhaupt der Familie, hatte Vorrechte bei der Kindererziehung. Ohne das Einverständnis der Männer durften Frauen nicht arbeiten. Das Recht des Mannes, den Arbeitsvertrag seiner Frau fristlos zu kündigen, war gerade erst abgeschafft worden. Viele junge Frauen fühlten sich bevormundet und wollten die Rolle der treu sorgenden Ehefrau und Mutter endlich überwinden. Doch im Kampf gegen die herrschende Klasse war für diese Themen kein Platz – und dabei gaben die Männer den Ton an.

          Helene Bubrowski

          Politische Korrespondentin in Berlin.

          In einer Sitzung des SDS im September 1968 in Frankfurt wurde es der Filmstudentin Helke Sander schließlich zu bunt. Sie wollte über die Ausbeutung der Frauen im privaten Bereich diskutieren, aber die Delegierten weigerten sich. „Genossen, wenn ihr zu dieser Diskussion, die inhaltlich geführt werden muss, nicht bereit seid, dann müssen wir allerdings feststellen, dass der SDS nichts weiter ist als ein aufgeblasener konterrevolutionärer Hefeteig“, rief sie. Nicht einmal nach diesem Ausruf war ihr die Aufmerksamkeit sicher. Also warf Sigrid Rüger Tomaten auf die Bühne. Die Männer spotteten, aber der Wurf gilt als Auftakt der Frauenbewegung in der Bundesrepublik. In Frankfurt gründeten Frauen noch am selben Tag den „Weiberrat“. Weitere Frauenräte, Frauenzentren, Frauencafés in ganz Deutschland folgten, feministische Verlage wurden gegründet, Publikationen von und für Frauen erschienen.

          Diese Räume für Frauen sollten dabei helfen, sich von der männlichen Dominanz loszusagen. Kritiker meinen, die Achtundsechziger hätten Ehe und Familie diskreditiert und zurückgedrängt. Die Feministinnen aber wollten ihre eigene Sprache und ihre eigenen Themen finden.

          „Mein Bauch gehört mir“

          Aus heutiger Sicht klingt das altbacken. Emanzipierte Frauen unterscheiden nicht mehr zwischen Männer- und Frauenthemen, sondern wollen selbstverständlich in jeder politischen und gesellschaftlichen Debatte gleichberechtigt mitreden. Doch mussten Frauen Themen, die sie angehen, überhaupt erst besetzen. Lesbische Liebe, Rechte von Prostituierten, Vergewaltigung in der Ehe – im gesellschaftlichen Diskurs spielte das keine Rolle. Über Geburt und Abtreibung tauschten sich Fachleute aus, also Männer, die Meinung von Frauen spielte kaum eine Rolle. Frauen, die mit ihrem Gynäkologen über die Methoden der sanften Geburt sprechen wollten, mussten sich anhören: „Ich habe schon 100 Kinder auf die Welt gebracht, Sie noch keins.“

          Keine Geschichte verpassen: F.A.Z. Stil bei Facebook und Instagram

          Viele Frauen wollten sich das nicht länger gefallen lassen, sondern selbst bestimmen – nicht nur wie, sondern auch ob sie ein Kind auf die Welt bringen. „Mein Bauch gehört mir“, so lautete der Slogan, mit dem Frauen für eine Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen stritten. „Wir haben abgetrieben“, titelte der „Stern“ 1971 und veröffentlichte die Selbstbezichtigungen von 374 Frauen – Studentinnen, Berufstätige, Hausfrauen, Mütter. Waren sie stolz auf ihre Entscheidung gegen das Kind? Die meisten sicher nicht. Doch die Aktivistinnen wollten den Anschein erwecken, als gingen sie mit dem Thema leichtfertig um, als seien die körperlichen und psychologischen Risiken von Abtreibungen einfach zu ignorieren. Die Kampagne war eine Provokation, die Positionierung extrem – gegen die herrschende Sexualmoral, gegen Kirchen und Konservative. Die Folge: eine kontroverse gesellschaftliche Debatte und eine Kompromisslösung Mitte der siebziger Jahre.

          Weitere Themen

          Ohne Hitler geht es nicht

          Europawahl in den Niederlanden : Ohne Hitler geht es nicht

          Am Abend vor der Europawahl schlüpfte Ministerpräsident Rutte in die Rolle des Herausforderers, um den Rechtsnationalisten Thierry Baudet zu stellen. Von Putin bis zur Frauenemanzipation, von Einwanderung bis Nexit ging es hart zur Sache.

          Never out of style Video-Seite öffnen

          Rueda-Schwestern : Never out of style

          Sie machen Mode, sie verkaufen Mode, sie tragen Mode: Die Rueda-Schwestern aus New York sind immer up to date. Die Fotografin Elise Jacob hat die ungewöhnlichen Damen lange begleitet.

          Topmeldungen

          Wahlsieger in Großbritannien: Nigel Farage

          Europawahl : Brexit-Partei in Großbritannien stärkste Kraft

          Mit satten 31,5 Prozent liegt die europafeindliche Brexit-Partei von Nigel Farage in Großbritannien ersten Prognosen zufolge vorn. Die konservativen Tories müssen mit einer herben Schlappe rechnen.
          Angst vor Populisten und der Wunsch nach einer anderen Klimapolitik haben die Menschen in Europa an die Wahlurnen getrieben.

          Die EU hat gewählt : Europas Ängste

          Zu wenig Klimaschutz, zu viel Nationalismus: Wegen dieser Sorgen haben sich viel mehr Bürger an der Europawahl beteiligt. Nicht in allen Ländern wurden die Rechtspopulisten jedoch ausgebremst.
          Großer Jubel bei Sebastian Wippel, dem AfD-Landtagsabgeordneten und Oberbürgermeisterkandidaten in der sächsischen Stadt Görlitz

          Europawahl : AfD siegt in Brandenburg und Sachsen

          Die AfD erreicht bei der Europawahl in Ostdeutschland große Zugewinne. In zwei Ländern ist sie nun stärkste Kraft – ein Fingerzeig für die Landtagswahlen im Herbst?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.