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Design : Aufräumer der Nation

Stil statt Lifestyle: Dieter Rams hat immer auf Langlebigkeit gesetzt. Bild: Kretzer, Michael

Produktdesigner Dieter Rams ist legendär. In Kronberg lebt er in seinem Rams-Haus mit Rams-Möbeln. Ein Hausbesuch.

          Wer zu Rams will, muss hinabsteigen. Vierzehn Stufen, weiß gefliest und mit dunklen Fugen, führen weg von der Diele und den Privaträumen vorbei ins Untergeschoss eines weißen Flachdachbaus am Rand von Kronberg. Mit der gleichen Akkuratesse geht es im Flur weiter. Hell, streng geometrisch, nüchtern, kühl - Heimeligkeit sieht anders aus. Aber wer würde die im Haus von Deutschlands berühmtesten Industriedesigner auch suchen. Dieter Rams, einst kreativer Kopf im Hause des Elektrogeräteherstellers Braun und Möbeldesigner, bekannt für seine klare Formsprache, ist heute Ikone seiner Zunft.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Thiemo Heeg

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bevor man aber jenen Raum betritt, der Rams der liebste im ganzen Haus ist und in dem er sich am meisten aufhält, ist da dann doch noch eine Schwelle, die es zu überwinden gilt. Denn das Haus befindet sich an einem Taunushang, was für Niveauunterschiede sorgt. So liegt das Arbeitszimmer etwas höher als das übrige Untergeschoss.

          Naherholung: In seinem Garten und beim täglichen Schwimmen entspannt der Gestalter. Bilderstrecke

          Rams hat das Haus selbst geplant. Ursprünglich hatte er im Auftrag Erwin Brauns, damals Eigentümer des Geländes, einen Entwurf für die ganze Nachbarschaft vorgelegt. Der Chef des in Kronberg ansässigen Elektronikunternehmens Braun hatte sich das letzte große Baugelände der Stadt gesichert und wollte dort eine Mustersiedlung errichten. Rams, 1955 bei Braun zunächst als Architekt angestellt, bevor er als Produktdesigner das regionale Unternehmen international bekannt machte, sah für das Neubaugebiet dicht beieinander stehende Einfamilienhäuser vor. Dank einer Tiefgarage sollten die Autos von der Straße und aus den Vorgärten verbannt werden. Der Entwurf wurde so nie gebaut. Der spätere Eigentümer orientierte sich dennoch an Rams’ Plänen, und so ist sein Haus Teil einer 70er-Jahre-Siedlung aus weißen Wohnkisten.

          Begeisterung für Japan

          Das Grundstück des Planers ist ein bisschen größer und lässt so genügend Platz für ein Schwimmbecken (“Das brauche ich aus therapeutischen Gründen“) und einen japanisch inspirierten Garten. Japan - seit seinem ersten Besuch Ende der 60er Jahre ist Rams fasziniert von dem fernöstlichen Land und seiner Kultur. Besonders die traditionelle Bauweise mit Papierwänden, licht und luftig, hat es ihm angetan, ebenso die Gartenanlagen. „Beides gehört zusammen“, sagt der 81-Jährige. In seinem eigenen Garten wachsen Blutahorn, verschiedene Bonsais und zwei üppige Rhododendren, deren Anblick zur Blütezeit den Hausherren besonders erfreut. Sie hat er von seinem Schreibtisch aus direkt im Blick.

          Der Garten schirmt ab, was Rams Verdruss bereitet: die neuen Kamine, die im Zuge von Sanierungsarbeiten seit einigen Jahren in der Nachbarschaft in die Höhe ragen, die Solaranlagen, die Autos, wo Garten sein sollte. Auch neue Türen und Dächer zerstören die ursprünglich einheitliche Gestaltung. „Eine Hanglage erfordert Durchblick“, klagt Rams. Ginge es nach ihm, würde die Siedlung Denkmalschutz genießen.

          Mag das Umfeld sich wandeln, im Innern bleibt alles, wie es ist. Der Architekt Rams hat das Haus entworfen, der Produktdesigner Rams die Dinge, die darin sind. Jedenfalls eine ganze Menge davon. Auf Schritt und Tritt begegnen einem Zeugnisse seines Schaffens: das Sofa, die Sessel, Beistelltischchen, Schreibtisch, Türgriffe und das berühmte Regalsystem 606, das heute wie auch die Sessel immer noch von der Firma Vitsoe produziert wird, die seit diesem Jahr die Exklusivlizenz besitzt, die Möbel des Designers zu produzieren.

          Aufräumen als Lebensthema

          Dass er Möbel entwarf, hat seinen Arbeitgeber Braun nicht gestört. „Lass den Rams doch machen“, soll Erwin Braun gesagt haben, als dieser sich mit dem Dänen Nils Vitsoe und Otto Zapf zusammentat, um ihre Idee der Serienmöbel umzusetzen. Vitsoe war schon mit den damals sehr beliebten dänischen Holzmöbeln auf dem deutschen Markt erfolgreich. Was Rams entwarf, war jedoch etwas völlig anderes: ein nüchternes Regalsystem aus Metall. „Das wollte kein Mensch“, erinnert sich der Gestalter und hadert, dass die Chance ungenutzt blieb, damit eine kleine Sozialwohnung zu möblieren. Doch das Ordnungssystem in Lichtgrau war den meisten zu ungemütlich.

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