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Design : Aufräumer der Nation

Aufräumer der Nation hat man ihn genannt. Darauf angesprochen, lacht Rams. Ja, das Aufräumen sei schon sein Lebensthema, Ordnung schaffen, auf alles Überflüssige verzichten, Einfachheit und Zurückhaltung, wie im Zen, den er in Japan kennengelernt hat. 2005 haben Freunde eine Ausstellung mit Rams-Design in KenninjiTempel in Kyoto organisiert. Da standen dann von ihm entworfene Kaffeemaschinen, Saftpressen und andere Konsumgüter in der Klosteranlage. Rams war erstaunt, wie gut sich die Produkte in die buddhistische Szenerie integrierten. „Weniger, aber besser“, lautet Rams’ Anspruch. Einfache, möglichst langlebige Gebrauchsgegenstände wollte er entwerfen, keine Luxusgüter.

Stil statt stylisch

Zeitloser Stil statt modischer Style. Davon kündet vor allem der legendäre „Schneewittchensarg“, den man natürlich auch in einer Ecke des Ramsschen Hauses findet. Die, so die damalige Werbung, „neuartige Radio-Phono-Kombination“ dürfte die Zeitgenossen vor den Kopf gestoßen haben. Das offiziell als „Phonosuper SK 4“ verkaufte Braun-Gerät brach mit dem bis zur Mitte der fünfziger Jahre dominanten Design von „Omas Radio“: Voluminöse Holzkisten, schwere dunkle Farben, stoffbespannte Lautsprecherverkleidung und eine breite heimelig beleuchtete Glasfront, die von Sendern wie „Beromünster“ und „Ostzone“ kündete. Gerne und stolz sprach man damals von „Tonmöbeln“.

SK 4 machte damit Schluss: Rams und sein Kollege Hans Gugelot formten eines der ersten Geräte, das die neue radikale Braun-Designsprache repräsentierte. Besonders auffällig war der transparente Deckel aus Plexiglas, einem damals völlig neuen Material. Solche Deckel waren noch Jahrzehnte später in Stereoanlagen zu finden. Dies ist nicht das einzige Indiz, welch gehörigen Einfluss Rams noch heute auf die Designwelt ausübt.

Vor allem ein Name darf in diesem Zusammenhang nicht fehlen: Jonathan Ive. Der Brite ist Chefdesigner des Elektronikkonzerns Apple und ein glühender Fan von Rams und seiner Arbeit. Sie habe ihn sehr beeinflusst, schrieb Ive in einem Brief an Rams. Das wird in Geräten wie dem Musikspieler iPod sichtbar oder in einer frühen Variante des virtuellen Taschenrechners im iPhone. Stellt man diese Geräte einem Braun-Taschenradio oder -Rechner gegenüber, wird sofort offensichtlich, woher die Apple-Inspiration stammt.

Einfluss auf Apple

Plagiat! würde mancher jetzt empört rufen. Wie der französische Kollege Philippe Starck, der ihn mal ganz aufgeregt darauf hingewiesen hat, wie Apple von Braun abgekupfert habe. Dieter Rams dagegen empfindet es als Kompliment. „Hier geht es um die grundsätzliche Auffassung. Design ist ganz wesentlich davon bestimmt, dass es Dinge erklärt, ohne dass man lange eine Gebrauchsanleitung lesen muss.“

Tatsächlich kommt die „grundsätzliche Auffassung“ schon einer Seelenverwandtschaft nahe. Rams besuchte vor wenigen Jahren die Apple-Zentrale im kalifornischen Silicon Valley. Die Visite machte großen Eindruck auf ihn: „Ich konnte mir nicht verkneifen zu sagen: ,I’m feeling at home’“. „Home“ heißt in diesem Fall wohl: wie bei Braun.

Rams hat die Steve-Jobs-Biographie, die kurz nach dessen Tod erschien, nach eigenem Bekunden „verschlungen“. Es gebe hier so viele Parallelen zu Erwin Braun und der Zusammenarbeit damals. Rams war irgendwann nicht nur Designchef, sondern Mitglied der Geschäftsleitung. Und auch Ive steht in der Apple-Hierarchie als „Senior Vice President“ nur eine Stufe unter dem Vorstandsvorsitzenden Tim Cook. Rams sieht die enge Zusammenarbeit mit dem Topmanagement heute als Voraussetzung für seine Arbeit. Nur so sei es möglich gewesen, „etwas Bleibendes zu schaffen“.

Neben den Produkten atmet auch des Designers Haus dieses „Bleibende“. Üblicherweise sieht man Häusern aus den siebziger-Jahren ihr Entstehungsdatum an, wenn sie noch nicht renoviert worden sind. Das weiße Domizil in Kronberg ist bestimmt nicht jedermanns Sache, hat aber etwas an sich, das in der Ramsschen Philosophie hohen Stellenwert besitzt: Bestand über die Zeit hinaus.

Über Dieter Rams

 - Geboren am 20. Mai 1932 in Wiesbaden. Als Kind verbringt er sehr viel Zeit in der Schreinerwerkstatt seines Großvaters - ein Spezialist für Oberflächen.

- Studium der Architektur und Innenarchitektur in Wiesbaden, Schreinerlehre.

- Rams arbeitet für das Architekturbüro Otto Apel, bevor er 1955 als Architekt und Innenarchitekt zum Elektrogerätehersteller Braun nach Kronberg im Taunus geht.

- 1957 beginnt er zudem Möbel für die Firma Otto Zapf (spä- ter Vitsoe+Zapf, heute nur noch Vitsoe) zu gestalten. Dazu zählen das Regalsystem 606 (1960) und das Sesselprogramm 620 (1962).

- Von 1961 bis 1995 ist er bei Braun Leiter der Formgebung. - Seine Entwürfe verhelfen dem bis dahin nur als Radiohersteller regional bekannten Unternehmen zu internationalem Renommee.

- Apple-Chefdesigner Jonathan Ive sagt, Rams’ Arbeit habe ihn sehr stark beeinflusst.

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