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Cultural Appropriation : Wo Inspiration in der Kunst aufhört

Victor Ehikhamenor in seinem Atelier in Lagos Bild: PR

Wo endet die Inspiration? Und wo beginnt das Plagiat? Der nigerianische Künstler Victor Ehikhamenor hat die Debatte belebt - und dafür sogar Damien Hirst angegriffen.

          Alles begann im vergangenen Jahr mit einem Instagram-Post in Venedig. „Es war das erste Mal, dass Nigeria zur Biennale eingeladen wurde, und ich war einer der Künstler, die im Pavillon ausstellen durften“, erinnert sich Victor Ehikhamenor. „Als ich meine Installationen vorbereitet hatte, war noch etwas Zeit bis zur Eröffnung des Pavillons. Also erkundete ich die Stadt.“ Damien Hirsts Ausstellung „Treasures from the Wreck of the Unbelievable“ war zuvor groß beworben worden, also ging er hin. Die Geschichte, die dann begann, beschäftigt die Kunstszene bis heute. Und Victor Ehikhamenor ist seitdem nicht nur in seinem Heimatland bekannt.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Der Künstler aus Nigeria stöbert gerne in Museumsshops. Das sieht man auch in seinem Atelier: Im ersten Stock seines Büros in Lagos stapeln sich Kunstbände und Ausstellungskataloge aus New York, London, Paris. Auch in Venedig ging er zuerst in den Shop zur Damien-Hirst-Ausstellung. Da fand er eine Postkarte mit einem Motiv, das er kannte: den Bronzeguss eines Frauenkopfes. „Ich dachte: Hier wird auch Ife-Kunst ausgestellt.“

          Die Bronzeskulptur hatte die charakteristischen Längsstreifen. Sie durchfurchen das Gesicht vom Scheitel bis zum Kinn und konturieren Nase, Wangen und Lippen - ein typisches Merkmal der Ife-Kunst. „Doch dann sah ich, dass es als ein Werk von Damien Hirst ausgezeichnet war, und da klingelten bei mir die Alarmglocken.“ Besonders traf es Ehikhamenor, dass auf der Karte kein Hinweis auf die Referenz gegeben wurde, die Hirst hier eindeutig bemüht hatte. Auf der Rückseite der Postkarte stand nur: „Damien Hirst, Golden Head (Female)“. Gab es vielleicht in der Ausstellung noch mehr Informationen zu dem Kunstwerk?

          Es sollte Hirsts Comeback werden. 2008 hatte er unter dem Titel „Beautiful Inside My Head Forever“ seine neuen Kunstwerke direkt bei Sotheby's in London verkauft, ohne Galerie oder Kunsthändler dazwischenzuschalten. Das hatte es auf dem Kunstmarkt noch nicht gegeben. Für die 218 Stücke erzielte er die Rekordsumme von 111 Millionen Pfund. Danach wurde es ruhig um ihn.

          Ärger auf Instagram Luft gemacht

          Die Mega-Ausstellung in Venedig, die sich gleich über zwei Privatmuseen zog, sollte das ändern. Die Konzeptidee dazu war simpel: Vor 2000 Jahren sank das Schiff eines antiken Kunstsammlers im Indischen Ozean. Die Ausstellungsstücke seien nun aus dem Wrack geborgen worden. Hirst durchmischte teils alte Objekte mit neuen Gesichtern. So trug die ägyptische Gottheit Aton bei ihm das Gesicht der Sängerin Rihanna, ein „Unbekannter Pharao“ war Pharrell Williams nachempfunden, eine Skulptur der ägyptischen Gottheit Hathor erinnerte an Kate Moss. Manche Skulpturen waren mit bunten Korallen aus Gips überzogen, um ihnen einen Hauch von versunkenem Schatz zu geben. Und dann war da noch der Bronzekopf, der in einer Glasvitrine stand.

          „Es gab natürlich den Begleittext, Hirsts Referenz sei die Ife-Kultur, und die Ausstellung beziehe sich auf verschiedene Kulturen unterschiedlicher Orte“, sagt Ehikhamenor. Die Referenz auf das Original sei jedoch eingebettet gewesen in die fiktionale Geschichte um das Schiffswrack, die Hirst sich als Überbau für die Ausstellung erdacht hatte. Ehikhamenor ärgerte sich, machte ein Foto der Skulptur, postete es auf Instagram und schrieb dazu: „Nach 1897 sind die Briten nun 2017 zurück und wollen mehr. Das müsste der König der Ife hören. 'Golden heads (Female)' von Damien Hirst, derzeit in seiner Ausstellung 'Treasures from the Wreck of the Unbelievable' im Palazzo Grassi in Venedig. Tausende Besucher, die ihn das erste Mal sehen, werden nicht an die Ife oder an Nigeria denken. Ihre Kinder werden damit aufwachsen, dass dies eine Arbeit von Damien Hirst ist. Mit der Zeit wird dieses Werk als eines von Damien Hirst gelten, egal ob es einen kleinen Hinweis dazu gibt. Das Narrativ wird sich ändern, und junge Ife-Künstler müssen sich eines Tages von einem langnasigen Kritiker anhören: 'Ihre Arbeit erinnert mich an Damien Hirsts Golden Head.' Wir brauchen mehr Biografen für die Vergessenen.“

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