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Cowboyschuh wird Luxusstiefel : Out & Back

Schritt für Schritt: Die Manufaktur vor den Toren Adelaides stellt heute mehr als 700 Paar Stiefel am Tag her. Man sieht sie längst nicht mehr nur an Farmerfüßen - sondern auch in Sydneys Bankenviertel. Bild: Frank Röth

R.M. Williams stattet seit Jahrzehnten australische Viehzüchter mit Lederstiefeln aus. Jetzt will das Unternehmen zur globalen Luxusmarke aufsteigen.

          Man kann diesen Lederstiefel so beschreiben: Gut 40 Einzelteile stecken darin, die Herstellung dauert 65 Minuten, gestreckt über fünf Tage, und bestellen lässt er sich per Internet. Oder man beschreibt ihn so: Genäht am anderen Ende der Welt in einer kleinen Manufaktur auf Maschinen aus Deutschland, von denen einige 100 Jahre auf dem Buckel haben, von Menschen, die ihr Handwerk ein Leben lang ausüben, aus einem einzigen Stück Leder, das aus den feinsten Gerbereien der Welt stammt, wird er von seinen Besitzern über Jahre getragen. Und dann repariert.

          Christoph Hein

          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Die Stiefel von R.M. Williams erzählen Geschichten. Und schreiben Geschichte.

          Reginald Murray Williams ist ihre Hauptperson. Den jungen Gelegenheitsarbeiter hatte es während der großen Depression in den südaustralischen Busch verschlagen. Dort traf er im Sommer des Jahres 1932 Michael George Smith. Jeder hier nannte Williams nur „RM“, und Smith, einen Pferdedieb und begnadeten Reiter, riefen die drover, die australischen Cowboys, „Dollar Mick“. Doch Smith kannte sich auch mit dem Nähen von Sätteln aus, mit Pferdegeschirr und Lederstiefeln. Und beide, RM und Dollar Mick, wussten, dass von guten Boots das Leben und Sterben in der Hölle des Outback abhing.

          Der Aufstieg in die Luxus-Welt

          Zwischen Innenfutter und Außenleder schmierten sie Hammelfett. Das trat über die Monate aus und hielt den Stiefel geschmeidig. Mit der Hilfe Dollar Micks entwickelte RM ein Paar Boots aus einem einzigen Stück Leder, das nur hinten über der Ferse zusammengenäht wurde. Viele Männer trugen damals keine Socken in den Stiefeln – und in denen von RM und Dollar Mick bekamen sie keine Blasen, weil sie keine Nähte hatten. 1934, zurück in Adelaide, schaltete Williams im „Chronicle“ seine erste Kleinanzeige. Bald schon fabrizierte er ein Paar Stiefel am Tag.

          „Das Leben von RM ist ein Synonym für den wahren Kern Australiens“, sagt Rupert Murdoch, der australische Medienzar. Heute ist RMW, wie die Australier die Marke nennen, der größte Hersteller der Welt von Stiefeln aus einem einzigen Stück Leder plus Sohle. Zudem ist RMW der bekannteste Lieferant von Ausrüstung und Kleidung für Farmer und Viehzüchter in Australien – und zugleich seit Ende 2014 ein Unternehmen im Besitz von L-Capital, dem Investitionsvehikel unter dem Dach von Bernard Arnaults Pariser Luxusgruppe LVMH. Damit bekommt die Busch-Marke honorige Brüder und Schwestern: Louis Vuitton zählt genauso dazu wie Moët & Chandon, Guerlain, Hennessy, Bulgari, Givenchy oder Fendi.

          Traditionsfirma muss einen Spagat lernen

          Wie bitte? Roch R.M. Williams nicht gerade noch nach Pferd? War die Marke nicht staubig vom roten Sand des Outback? Und hatte nicht der damalige Vorstandschef Hamish Turner erst vor drei Jahren gesagt: „Wir sind nicht Louis Vuitton und nicht Hermès. Wir stellen 'casual luxury' her. Das ist das, was Australien ausmacht.“

          Er ritt voraus: Reginald Murray Williams (1908 bis 2003) hinterließ zehn Kinder aus zwei Ehen und eine ausbaufähige Outback-Marke.

          Turner ist inzwischen weg, und die Franzosen scheinen mit „casual luxury made in Australia“ nicht das geringste Problem zu haben. „Jede weltumspannende Luxusmarke hat eine starke Handwerkstradition im Hintergrund. Deshalb bietet R.M. Williams alles, was es braucht, um eine globale Luxusmarke zu werden“, sagt Martin Rippon, der das Marketing übernommen hat. So muss die Traditionsfirma auf ihre alten Tage, will sie überleben, den Spagat lernen: Das Unternehmen darf seine Wurzeln nicht kappen, soll aber in die weite Welt vordringen und unterwegs die Leiter des Luxus emporklettern. Bislang stellen die Australier etwa 150.000 Paar Stiefel im Jahr her und ebenso viele Ledergürtel, 200.000 Jeans, Hosen und Shorts, 250.000 Hemden und 50.000 Taschen oder Schlüsselringe aus hochwertigem Leder.

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