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Berliner Modewoche (3) : Bisschen Getto, bisschen Bondage

Marina Hoermanseders Entwürfe entziehen sich gerne gängigen Konventionen. Bild: EPA

Der letzte Tag der Fashion Week in der Hauptstadt Berlin hat drei Höhepunkte zu bieten. Das ist zwar nicht viel, aber die haben es dafür in sich.

          Irgendjemand musste die Zöpfe testen, bevor man die Models damit ausstattete. Und weil sich niemand im Team vordrängte, ließ sich Marina Hoermanseder eben selbst in einer zweistündigen Sitzung am Mittwoch alle Haare flechten. „Und jetzt mache ich sie natürlich nicht auf“, sagt die Modemacherin kurz vor ihrer Modenschau am Donnerstagnachmittag. „Sonst sehe ich aus wie eine Klobürste.“

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So geht das heute: In der Mode muss man einfach alles selbst machen. Und noch eine Erkenntnis vermittelt die neue Marina, die man erst auf den zweiten Blick erkennt: In dieser Schau wird es keine pastellfarbenen Nettigkeiten zu sehen geben. Dieses Mal will die Modemacherin, die aus Österreich stammt und in Berlin ihr Label aufbaut, ihre ikonischen Lederentwürfe mit ein bisschen Getto-Stil und vielen Bondage-Elementen geradezu disruptiv gestalten – und zu einem der Höhepunkt der Berliner Modewoche stylen und stilisieren.

          Auch die Arbeit am Kleid war haarig, wegen der all der Handarbeit. So hat die Designerin an einer Schaufensterpuppe ein steifes Korsett aus orthopädischem Walkleder geformt. Dann hat sie es in warmem Wasser wieder aufgeweicht, um besser mit einem Locheisen per Hand 2000 Löcher ins Leder zu stanzen. Durch die Löcher hat sie ein Lederband gezogen, das sich wie ein Muster über die Körperskulptur legt. Ein Hingucker-Kleid – wie geschaffen, zum Beispiel, für experimentierfreudige Sängerinnen wie Katy Perry.

          Ihre Kollektion, sagt Marina Hoermanseder, ist „konzeptionell konzeptlos“ – vom pinkfarbenen Lackmantel über schwarze Schnallenkleider bis zu sexy Stockings aus der Wolford-Kooperation. Punk, Fetisch und Spaß ergeben eine ganz neue Mischung. „Ich will nicht nur begeistern, sondern auch überraschen.“

          Das gelingt auch der Schau des Labels Steinrohner, das die Designerinnen Inna Stein und Caroline Rohner 2013 gegründet haben. Am Donnerstagmittag sind es noch fünf Minuten, also die Mulackstraße hochrennen, dann abbiegen in die Rosenthaler Straße, nach 600 Metern ab ins Kaufhaus Jandorf. Es ist jetzt zwei Minuten nach eins – und die Schau hat schon angefangen.

          Pünktlichkeit ist Pflicht

          Im Kaufhaus Jandorf, dem neuen Zentrum der Mercedes-Benz Fashion Week, sind sie in dieser Saison gnadenlos. Auf einen 13-Uhr-Schauentermin kann man von New York bis Paris zuverlässig eine halbe Stunde aufschlagen – hier nicht.

          Dafür steht man andernorts bei Verspätung vor verschlossenen Türen. Hier darf man noch zugucken, wie die Models in Minikleidern aus fester Wolle mit Saumvolants vorbeiziehen, in Sportswear mit sinnlichem Touch, in einer Serie aus Samt, die so umfangreich ist, dass es eigentlich gar nicht schlimm ist, die ersten paar Looks verpasst zu haben.

          Seiner Zeit voraus ist auch Vladimir Karaleev. Wenn es in Berlin jemand versteht, grauen Rippstrick mit Spannung aufzuladen, sogar mit attitude, dann der Berliner Designer mit bulgarischen Wurzeln. Karaleev hat für Dekonstruktion eben ein besonderes Händchen. Bei einer Jacke ist oben einfach mal unten – und der Kragen hängt als dekorativer Volant auf der Hüfte. Seine Linienführung wird durch die verschiedenen Materialien nur besser: Seide zu Nylon-Stepp, Seide zu festem Filz. Das Ergebnis ist so sehr Street- wie Ready-to-wear – und vor allem ganz große Mode.

          Und wenn andere Designer nach der Schau Schlange stehen, um dem Designer zu gratulieren, dann ist man bei Michael Sontag gelandet. Der Berliner Designer zeigt eine starke Kollektion mit Pluderhosen und Kapuzenmänteln in auffälligem Brokat. Das florale Muster aus Gold und Hellblau ist einem Paravent entlehnt, einem Erbstück des Großvaters. Michael Sontag übersetzt es gleich mehrfach in Stickerei, Jacquard und Prints. Neben der neu gewonnenen Liebe zur Ornamentik bleibt er seinen Prinzipien treu, den scheinbar federleichten Stoffen und Drapierungen in zurückhaltenden Farben.

          Ein lose übergeworfenes und durch einen kleinen Ring an allen vier Enden zusammengehaltenes Tuch schwebt der Trägerin hinterher wie ein Segeltuch. An den Mänteln und Hemden hat Daniel Diederich mitgewirkt – der Designer hat als Absolvent der Kunsthochschule Weißensee früher selbst schon auf der Modewoche gezeigt. Die mächtigen Lederboots kamen in Kooperation mit der Marke Tippen zustande. Mit Lammfell gefüttert: „Für den Berliner Winter.“

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