https://www.faz.net/-hrx-8qyg1

Berliner Modewoche (2) : In der Plisseetraumwerkstatt

Die Herbst-/Winter-Kollektion von Perret Schaad auf der Berliner Modewoche Bild: EPA

Krise? Welche Krise? Der zweite Tag der Berlin Fashion Week ist geprägt von Überschwang bis hin zu Übermut. Vielleicht wird das noch was mit der Hauptstadt.

          4 Min.

          Julia Leifert hatte Glück, als sie an die Plisseebrennerei Gießmann geriet, die letzte noch verbliebene Plisseewerkstatt Deutschlands. Der jungen Designerin, die ihre Marke nach ihrer Großmutter Philomena Zanetti benannt hat, hatte man in anderen Produktionsstätten den Betrieb empfohlen. Dort legten sie das wiederverwertete Polyester plissiert in Bahnen. „Wenn man Stoffe dauerhaft verformen will, braucht man in jedem Fall Polyester“, sagt Julia Leifert. Im Ofen veränderte sich die Struktur daraufhin so, dass die Designerin ihre Plissees nun unter die schweren ärmellosen Mantelkleider in Dunkelblau schichten kann. Am Ende können es die Plissees mit den orangefarbenen Breitcord-Hosen in Sachen Textur aufnehmen. 

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit Jahren wirbt die Mode damit, dass sie wieder mehr Betonung aufs Handwerk legt. Julia Leifert sieht aber trotzdem, wie dieses Kunsthandwerk allmählich ausstirbt. Die letzte noch verbliebene Plisseebrennerei in Berlin-Charlottenburg ist dafür ein gutes Beispiel. Die Labels der Stadt sind klein und wendig genug, um mit solchen Handwerksbetrieben schnell ins Geschäft zu kommen – schneller als ein Bekleidungsriese, der ohnehin nicht in Deutschland plissieren lassen würde. Und umgekehrt sind diese letzten Handwerksbetriebe flexibel genug, um auch auf kleine Stückzahlen einzugehen, die den Berliner Designern oft genügen.

          Das heißt: Die Berliner Mode hat doch noch eine Chance. Auch wenn die großen Namen die Szene bestimmen und die Kleiderstangen in den Kaufhäusern voll mit Chloé und Dior hängen: Wenn es um die besonderen Einzelteile geht, um die die individuelle Fertigung, die altmodischen Produktionsverfahren – dann sind die Berliner Designer mit ihren kleinen Stückzahlen im Vorteil.

          Überschwang und Übermut

          Auch deshalb ist die Stimmung am zweiten Tag der Modewoche mit den Kollektionen für Herbst und Winter 2017 gar nicht so schlecht. Im „Berliner Modesalon“, der Gruppenausstellung im Kronprinzenpalais, zeigt Taschendesignerin Lilli Radu sofort ihre neuen Hartschalen-Clutches vor. Deutsche Mode verharrt im Provinziellen? Von wegen! „Die Clutch war sogar schon bei den Golden Globes!“ Und eine Felicity Jones kann schließlich nicht irren.

          Teils ist die Stimmung sogar überschwänglich. Rot-blaue Skianzüge bei Allude? Das Münchner Kaschmirlabel, das auch Lurex und Nylon als Kontrastmaterial nutzt, setzt auf Humor, wie Gründerin und Chefin Andrea Karg sagt. Kein Wunder. Die Kooperation mit Net-a-porter ist erfolgreich, der Laden in Kitzbühel läuft gut, wenn Minustemperaturen herrschen, und vor lauter Übermut macht Andrea Karg nun auch noch einen großen Laden in einem Gartenhaus an der Münchner Maximilianstraße auf – als eine Art Corso Como in München, mit Café, Lesungen, Kunstausstellungen und der Mode anderer Designer. Auch hier der persönliche Ansatz. Wenn man Glück hat, trifft man die Designerin schon jetzt samstags in ihrem Geschäft in Kitzbühel persönlich an.

          Der Hals ist gut geschützt bei Perret Schaad Bilderstrecke

          Bei so viel Überschwang wundert es nicht, dass sich der kernige Münchner Schuhunternehmer Fritz Unützer für sein neues Geschäft in Berlin, das er am Mittwochabend in der Giesebrechtstraße in der Nähe des KaDeWe eröffnete, so entschieden haben soll: „Des is a schöne Gegend, des machma!“ Liebe Leute, möchte man da allen anderen da zurufen: So einfach kann Mode sein!

          Weitere Themen

          Wird Koka das neue Superfood?

          In Säften und Smoothies : Wird Koka das neue Superfood?

          Wegen des Kokains hat die Kokapflanze einen schlechten Ruf – dabei soll sie an sich ungefährlich und sogar gesund sein. In Südamerika gibt es bereits Tee oder Gebäck aus Koka. Bald auch bei uns?

          Weniger ist nicht genug

          New York Fashion Week : Weniger ist nicht genug

          Wenn sich namhafte Designer von der Modewoche in New York zurückziehen, fährt man im „Big Apple“ eben andere Geschütze auf. Es wird bunter, schriller, opulenter – und dank Überraschungsgästen auf dem Laufsteg auch prominenter.

          Topmeldungen

          Will seine Aufzugsparte an Konsortium um Advent verkaufen: Thyssenkrupp

          „Gutes Ergebnis“ : Thyssen trennt sich von Aufzügen

          Der kriselnde Thyssen-Krupp-Konzern braucht dringend Geld und hat sich nun entschieden: Der Verkauf der lukrativen Aufzugssparte ist besiegelt. Das vom Aufsichtsrat akzeptierte Angebot ist eine Überraschung.
          Urteil mit Signalwirkung: Das Bundesverfassungsgericht (hier im November 2019)

          Urteil zu Rechtsreferendarin : Robe sticht Kopftuch

          Das Bundesverfassungsgericht hat das Kopftuchverbot für Rechtsreferendarinnen bestätigt. Das Gericht sei ein besonderer Ort, an dem der Neutralität staatlicher Vertreter besonderer Bedeutung zukomme.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.