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Barocke Pracht : Zuhause in der Kaufmannsburg

Was für eine Pracht: Durch das reich verzierte Portal führt der Weg in die Hallen des Hauses. Bild: Ulrich Beuttenmüller

Ein altes Haus muss man verstehen. Davon sind Annekatrin und Sven Fiedler überzeugt. In Görlitz haben sie ein historisches Hallenhaus saniert. Und dafür all ihre Pläne geändert.

          3 Min.

          Manchmal geht im Leben eine Tür auf. Dann muss man spontan entscheiden, ob man hindurchgeht oder nicht. Zum Beispiel, wenn sich unerwartet eine Gelegenheit bietet, von der man lange geträumt, sie aber längst als aussichtslos verworfen hatte. Etwa wenn mit einem Mal die Chance besteht, im Herzen von Görlitz eines der historischen Hallenhäuser zu erwerben - und künftig darin zu Hause zu sein. Dabei ist man eigentlich gerade dabei, ein Haus zu bauen. Das Grundstück ist schon gekauft. Zeit, Energie und auch Geld sind in einen beeindruckenden Entwurf für ein Einfamilienhaus im Bauhausstil geflossen. Genehmigt ist der Bau auch schon.

          Birgit Ochs
          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          So erging es Annekatrin und Sven Fiedler am Gründonnerstag vor drei Jahren. Zufällig erfuhren sie aus einer Annonce, dass eines jener mehr als 500 Jahre alten Handelshäuser zum Verkauf stand, die zu den größten Schätzen der Görlitzer Altstadt zählen. 35 dieser Kaufmannsburgen, wie Goethe die eindrucksvollen Bauten nannte, sind noch erhalten. Einst dienten sie als Wohnhaus der Kaufleute, als Handelsplatz, Messe, Warenlager. Gewaltig sind die Tore und Hallen, weitläufig die Treppenaufgänge. Oft birgt ein Haus in seinem Innern um die 700 Quadratmeter Fläche und mehr - zu viel für eine Familie. Einige aber sind kleiner. So auch das „Handwerk 22“, das mit seinen 220 Quadratmetern Wohnfläche plötzlich auf dem Immobilienmarkt war. Damit nahmen die Dinge für die Fiedlers binnen einer Woche einen ganz anderen Verlauf als geplant.

          Große Chance

          Karfreitag spürte Sven Fiedler das Haus in der Altstadt auf. Er sah ein viergeschossiges Haus mit plastisch gegliederter Barockfassade und reich verziertem Portal. Noch verborgen blieben ihm das prächtige, mit Stuck verzierte Gewölbe der Eingangshalle, die tonnengewölbte Durchfahrt und ein schmiedeeisernes Tor aus dem Jahr 1620, das in den kleinen Innenhof führt. Doch er war auch so schon fasziniert. Samstag sprach er mit der Eigentümerin, Dienstag nach Ostern mit dem Makler, Mittwoch war Besichtigung und Freitag die Entscheidung gefallen. „So eine Chance kann man sich nicht entgehen lassen“, sagt der 37 Jahre alte Görlitzer.

          Das Haus war in den achtziger Jahren, noch zu DDR-Zeiten, saniert worden. Überdurchschnittlich gut, wie die Bauherren und ihr Architekt Christian Weise feststellten. Weise stammt aus Görlitz und hatte bereits Erfahrung mit der Sanierung historischer Baudenkmäler. Damals waren unter anderem auch die Brüstungen im Innenhof wieder freigelegt worden, die zuvor verbaut waren. Dennoch gab es vor dem Einzug der vierköpfigen Familie jede Menge zu tun. Die alten Etagenheizungen wurden gegen eine moderne Gasbrennwerttherme ausgetauscht, die Fenster erneuert, Leitungen verlegt und auf den neuesten Stand gebracht. Da das Haus in drei Wohnungen aufgeteilt war, mussten diese zunächst zurückgebaut werden. Nachträglich eingezogene Wände fielen, aus kleinen wurden wieder große Räume. Wandverkleidungen wurden abgenommen, und auf diese Weise kam unter anderem im ersten Stock, wo nun Küche und Esszimmer untergebracht sind, ein wunderbares Korbgewölbe zum Vorschein. Fiedlers fanden alte Bilder des Hauses, auf denen zu sehen war, dass schon die Bewohner früherer Jahrhunderte den großen Raum so nutzten wie sie heute. Im zweiten Obergeschoss tauchte unter später eingezogenen Holzdecken üppiger Stuck auf. Hier haben die Eltern ihr Schlafzimmer mit offenem Bad, ein Gäste- und ein Arbeitszimmer untergebracht.

          Aber auch eine unangenehme Überraschung hielt das Hallenhaus für seine neuen Eigentümer bereit: Im Mansardenstockwerk, wo die beiden kleinen Töchter der Fiedlers ihre Kinderzimmer haben, saß der Schwamm. Er hatte sich so ausgebreitet, dass eine umfangreiche Sanierung dieser Etage notwendig war - zu der auch der Einbau eines Stahlträgers gehörte. Dazu war ein Kran nötig. Fiedlers hatten das Glück, dass zur gleichen Zeit das gegenüberliegende Barockmuseum saniert wurde und daher ein Kran vor Ort war. „Sonst wäre das ein wahnsinniger Aufwand geworden“, sagt Fiedler.

          Üppige Farbpracht

          Überhaupt hat die Familie durch ihr eigenes Bauvorhaben das Museum in der Nachbarschaft erst richtig kennen- und schätzen gelernt. Ihr Haus war wie die anderen seiner Art während des Barock umgebaut worden. Nun tauchte sie im Museum in diese Zeit ein, schärfte ihren Blick für die Eigenheit der damaligen Zeit - und ließ sich dort, nicht zuletzt was die Farbgestaltung angeht, inspirieren. Ursprünglich wollten Fiedlers ein gebrochenes Weiß für die Innenwände. Doch nachdem sie im Museum die üppige Farbpracht der Barockepoche erlebten und der Museumsmaler mit der entsprechenden Farbpalette zur Beratung kam, entschied sich die Familie für satte, kräftige Töne: Rot leuchten Flure, gelb strahlen die Wände des Esszimmers, ein anderer Raum ist in ein Blaugrün getaucht. Das Treppenhaus dagegen ist in vornehmer Zurückhaltung in zartem Grau gehalten. Weiß sind im ganzen Haus nur die Stuckdecken, was sie umso besser zur Geltung bringt.

          Den Farbrausch hätten sie nicht bereut, sagen die Fiedlers, wie überhaupt die Entscheidung, dem alten Haus den Vorzug zu geben. Gewiss hat es einen höheren Pflegeaufwand als ein Neubau. Auch ist es nicht maßgeschneidert. „Wer es ganz individuell liebt, sollte von so etwas die Finger lassen, denn ein Baudenkmal erfordert immer Kompromisse“, warnt Sven Fiedler. Dass der Keller eines Hallenhauses nicht der passende Ort ist, um die Weihnachtsdekoration aufzuheben oder die Winterkleider einzulagern, ist ein Beispiel.

          Fiedlers fiel es nicht schwer, sich auf den Altbau einzustellen. Es hat sie fasziniert, sich mit seiner Geschichte zu beschäftigen, seine Struktur zu verstehen. „So etwas würde man heute ja nicht mehr bauen“, sagt der Hausherr. Die Annonce, die er vor drei Jahren entdeckte - „das war die Chance für uns!“

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