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Anders Breivik und die Religion : Fanatische Fantasy

In seinem 1518 Seiten langen Konglomerat zeigt Breivik für die wesentlichen Themen des christlichen Fundamentalismus kein Interesse Bild: Reuters

Als christlicher Fundamentalist kann Anders Breivik nicht gelten. Das ihm vorschwebende, ideale Christentum hat für ihnen keinen religiösen Zweck, sondern vor allem den, als kulturelle Klammer für ein wehrhaftes Abendland zu dienen.

          In einer ersten Stellungnahme am Freitag hatte die norwegische Polizei den Attentäter Anders Breivik etwas unbeholfen als „christlich-fundamentalistisch“ beschrieben. Mit der Bezugnahme des Attentäters nicht nur auf das Christentum, sondern auch auf die Freimaurerei lässt sich diese Aussage nicht in Übereinstimmung bringen. Denn die Freimaurerei beruft sich in deistischer Manier nur sehr vage auf einen „Allmächtigen Baumeister aller Welten“, ist aber strikt auf das Diesseits gerichtet und zudem – gerade in den katholisch geprägten Ländern Europas – in fast allen ihren Facetten feindlich gegen die Kirche eingestellt.

          Reinhard Bingener

          Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.

          Als christlicher Fundamentalist kann Breivik auch deshalb nicht gelten, weil er sich in seinem 1518 Seiten starken Schriftenkonglomerat so gut wie gar nicht darum bemüht, seine Ansichten aus der Bibel heraus zu begründen, was das wichtigste Kriterium für Fundamentalismus wäre. Für die wesentlichen Themen des christlichen Fundamentalismus – Irrtumslosigkeit der Bibel, leibliche Auferstehung, Sühnetod Christi – zeigt Breivik in seinem Pamphlet keinerlei Interesse.

          In seiner Polemik gegen den „Multikulturalismus“, der den Westen im Kampf gegen den Islam schwächt, kommt Breivik allerdings fortwährend auf Gott, Kirche und Christentum zu sprechen. Für den Attentäter hat das ihm vorschwebende, ideale Christentum aber keinen im engeren Sinne religiösen Zweck, sondern vor allem den, als kulturelle Klammer für ein wehrhaftes Abendland zu dienen. Breiviks Ausführungen in Fragen der Religion ähneln den ausführlichen Passagen des anonymen anti-islamischen Bloggers „Fjordman“, die der Attentäter in sein Pamphlet eingebaut hat. „Fjordman“ tritt als „nichtreligiöse Person“ für eine Wiederbelebung des Europäischen Christentums ein.

          Breivik bezeichnet sich als „100prozentigen Christen“

          Breivig selbst schreibt zu diesem Thema: „Ich glaube an eine Kirche, die an Selbstverteidigung glaubt und die bereit ist zum Kampf für ihre Prinzipien und Werte.“ Sich selbst bezeichnet Breivik in einer Selbstauskunft, die Teil des Pamphlets ist, als „100prozentigen Christen“, der zunächst mäßig religiös gewesen sei, später Agnostiker und nun wieder mäßig religiös.

          Für die lutherische Kirche Norwegens, in die er im Alter von 15 Jahren durch die Taufe aufgenommen wurde, hat Breivik nur Spott und Verachtung übrig. Die „Mehrheit der Protestanten, mich eingeschlossen, haben allen Respekt vor der evangelischen Kirche verloren“, schreibt er. Die „Politische Korrektheit“ halte in vielen Kirchen, so auch der norwegischen, die höhere Geistlichkeit fest in ihrem Griff. Breivik meint, dass unter einer künftigen „kulturkonservativen Hegemonie in Europa“ auch die gegenwärtige Führungsschicht der Kirche ausgewechselt werden wird. Breivik ruft zu einer Zerstörung der evangelischen Kirche auf, deren Mitglieder zum Katholizismus konvertieren und eine europäische Einheitskirche bilden sollten.

          Manche Templer verstehen sich als Feinde des Islam

          Durchaus in Übereinstimmung mit seinen kruden Ansichten hat Breivik sein Pamphlet mit dem Titel „Eine Europäische Unabhängigkeitserklärung“ mit dem Kreuz des Templerordens und der lateinischen Unterzeile „Arme Ritterschaft Christi und des Salomonischen Tempels“ versehen.

          An dem 1312 aufgelösten Templerorden, der Mönchtum und Rittertum zu vereinen suchte, dürfte Breivik dessen militärische Beteiligung an den Kreuzzügen fasziniert haben. An einer Stelle schreibt Breivik, er habe im Jahr 2002 an einem konspirativen Treffen von modernen Templern aus acht Ländern teilgenommen. In der Tat existieren in Europa mehrere neugegründete Gemeinschaften, die vorgeben, die Tradition des Templerordens fortzusetzen.

          Wie andere Bewegungen auch, die sich solcher Ideen-Folklore widmen, hat sich auch diese winzige Bewegung rasch in zahllose Grüppchen aufgesplittert – manche von ihnen haben sich gänzlich harmlos dem Austausch der Kulturkreise verschrieben, andere verstehen sich wie Breivik als Feinde des Islam. Zu vermerken ist an dieser Stelle, dass sich die Freimaurer, als deren Mitglied sich Breivik auch bezeichnet, ebenfalls sehr stark auf den Templermythos beziehen, sowohl was den streng hierarchischen Aufbau betrifft als auch die Aura des Geheimnisvollen, die beide Gemeinschaften pflegten.

          Anders Breivik kompiliert – wie andere Blogger auch – aus solchen Versatzstücken und einem abstrakten Abendland-Gedanken eine vermeintlich in den Tiefen der Geschichte verankerte Weltanschauung, die er dem aus seiner Sicht in Europa vorherrschenden „Multikulturalismus“ entgegenstellt. Eine Religions-Fantasy mit blutigen Folgen.

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